„Dabei sind Solidarität und Nächstenliebe gerade in Zeiten wie diesen gefragt“, betont der österreichische Caritas-Präsident Franz Küberl am Dienstag auf einer Pressekonferenz in den Räumlichkeiten der Essensausgabe in der Rittnerstraße 1 in Bozen. Denn nur so könne einem jeden Menschen ein Leben in Würde gewährleistet werden. Küberl, der sich dieser Tage auf Einladung der hiesigen Caritas auf Südtirol-Besuch befindet, kritisiert zwar die Auswüchse des Kapitalismus, bei dem die „Wirtschaft“ zu einer Ersatzreligion gemacht wurde, bekennt sich aber trotzdem klar zur Marktwirtschaft. Es sei der Finanzmarkt, der die Welt so weit destabilisiert habe, dass sogar die Demokratie gefährdet sei. „Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat es deutlich an den Tag gebracht: Unsere Welt ist vom Profit bestimmt und zwar auf Kosten der Armen dieser Welt“, kritisiert Franz Küberl. Opfer seien einmal mehr die sozial Schwachen. „Die Zahl der Rentner, die nicht genug Geld zum Leben haben, steigt, ebenso die Zahl der Kinder in Armut“, betont Küberl. In breiten Teilen unserer Gesellschaft herrsche Verunsicherung und die Sorge um die Zukunft. Die Krise dürfe aber nicht als Ausrede hergenommen werden, nur auf das eigene Wohlbefinden zu schauen. „Wir müssen wieder ein Gespür dafür entwickeln, dass wir als Gesellschaft zusammengehören“, fordert Küberl. Die Unsicherheit und das Gefühl, generell zu kurz zu kommen, hätten dazu geführt, dass der Zusammenhalt schwinde. „Heute fühlt sich fast jeder als Opfer. Das macht blind für die echten Opfer unserer Gesellschaft, schwächt das solidarische Fühlen.“ Er spricht in diesem Zusammenhang auch von einer „Ich-AG-Mentalität“, die dazu führe, dass jene, die wirklich Opfer geworden sind, noch zusätzlich getreten werden. „Die Wirtschaft ist lediglich ein Instrument im Dienste der Menschen. Sie diente bisher aber nicht allen Menschen gleich. Das muss sich ändern“, betonen auch die beiden Südtiroler Caritas-Direktoren Heiner Schweigkofler und Pio Fontana. Das unkontrollierte Wachstum der Wirtschaft habe die Verarmung der ohnehin schon schwachen Bevölkerungsteile nicht abwenden können. „Der Mensch, nicht die Wirtschaft müssen wieder in den Vordergrund gestellt werden. Es sollte jedem möglich sein, ein menschenwürdiges Dasein zu führen. Die Wirtschaft sollte für den Menschen da sein, nicht der Mensch für die Wirtschaft“, fordern sie. "Wir haben die Medien bewusst zu einer Pressekonferenz in ihre Essensausgabe in der Rittnerstraße 1 geladen. Denn obwohl der Eingang dazu an sehr prominenter Stelle liegt - direkt neben dem Gebäude, in dem der Südtiroler Landtag tagt -, hat bisher kaum jemand davon Notiz genommen. Tag für Tag, das ganze Jahr hindurch, wird hier abwechselnd von ca. 150 Freiwilligen Essen an Nicht-EU-Bürger ausgegeben, die zwar über eine Aufenthaltsgenehmigung verfügen, aber ohne Arbeit und festen Wohnsitz sind", so die Caritas.