Durch die hölzerne Eingangstür trete ich dem Grölen entgegen, es scheint nicht enden zu wollen. Die riesigen Kronleuchter, die von der Decke herabhängen, strahlen zu hell in mein Gesicht – es dauert einen Moment, bis ich sie erkenne: Feierlustige aus aller Welt steigen auf Bänke und Tische, tanzen zur Musik, während sie Trinklieder singend Maßkrüge voller Bier in die Lüfte stemmen. Es ist Dienstag, 18 Uhr: Die Erde im Paulaner Festzelt bebt.<h3> Knapp 7 Millionen Besucher</h3>Das Münchner Oktoberfest, das größte Volksfest der Welt, findet heuer zum 190. Mal statt. Knapp 7 Millionen Menschen besuchen es jedes Jahr. Nun gehören auch meine Kollegen Julian, Maurizio und ich dazu. Bloß haben wir das Wichtigste für den Wiesn-Besuch vergessen: eine dicke Brieftasche. Bis zu 15,80 Euro für die Maß Bier, der Preis von 25 Euro für ein halbes Brathühnchen ist noch saftiger als das Hendl selbst. Unser Budget von jeweils 50 Euro wollen wir drei Sparfüchse<BR />dennoch nicht überschreiten. <BR /><BR />Nach wie vor überwältigt von dem Getümmel, das sich an einem Dienstag allein im Paulaner Festzelt zum Feiern versammelt hat, reißt mich Maurizio aus dem Staunen. „Kommt, mir nach“, ruft er Julian und mir zu, während seine Blicke das Festzelt eifrig nach einer Bedienung abscannen. Besser als wir alle weiß er, es würde einer Sünde gleichen, die Wiesn ohne eine Maß Bier intus wieder zu verlassen – er ist der Einzige in der Gruppe, der das Oktoberfest schon einmal besucht hat.<BR /><BR />Da erblickt er auch schon eine Dame im roten Dirndl, die samt Brieftasche und „Orderman“ in flottem Schritt in unsere Richtung läuft. Kaum kreuzen sich die Blicke, hält Maurizio drei Finger hoch. Worte sind überflüssig, unsere Bestellung hat sie sofort verstanden. „Sorry Jungs, wir geben kein Flugbier aus. Ihr braucht einen Tisch“, erklärt sie im Vorbeigehen, ehe sie wieder von der Menschenmenge verschluckt wird.<h3> Auf der Wiesn fängt der frühe Vogel den Wurm</h3>Ein Tisch auf der Wiesn, das ist einfacher gesagt als getan. Am ersten Tag des Oktoberfests war die Schlange am Haupteingang bereits um 5 Uhr morgens 200 Meter lang. Ihre Tore öffnet die Wiesn um 9 Uhr, wenn unzählige Trachtenträger aus Nah und Fern alles um sich herum ausblenden und mit nur einem Ziel im Kopf wie verrückt drauflosstürmen: sich einen Tisch in einem der begehrten Festzelte zu ergattern. „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ ist auf der Wiesn Gesetz, wir drei haben es gebrochen. Von den rund 8.000 Plätzen im Inneren des Paulaner Festzelts scheint keiner frei zu sein.<h3> Drei Maß Bier, rasch und frisch serviert</h3>Auf der Suche nach einem Sitzplatz drängen wir uns durch die engen Gänge, während sich auf den Bänken rundherum Reihen von Personen auftürmen, als würden sie eine Mauer bilden. Beinahe 30 Minuten kämpfen wir uns kreuz und quer durchs Festzelt, bis wir endlich fündig werden: „Setzt euch ruhig zu uns“, sagt Junior, ein großer und schlanker Bursche mit lockig braunem Haar, der mit seinen 21 Jahren kürzlich die belgische Meisterschaft im Motocross gewinnen sollte, wie er stolz erzählt. <BR /><BR />Keine fünf Minuten später stehen die drei lang ersehnten Maßkrüge vor uns, darin schimmert das goldene Bier samt dichter, weißer Schaumkrone hervor. Wir heben die Krüge, stoßen auf ein Prosit an und sind uns einig: Auf der Wiesn darf auch ein Sparfuchs eine Ausnahme machen – bei einem Bier muss es aber bleiben.