Freitag, 10. April 2020

„Ostern fällt nicht aus – auch nicht in Zeiten von Corona“

Leere Kirchen, die Segnung der Ostergaben über den Bildschirm, das Mahl im engsten Familienkreis: So ein Ostern hat es in der Geschichte des Christentums noch nie gegeben, ist sich Bischof Ivo Muser sicher. Die österliche Botschaft hingegen sei in diesem Jahr so wichtig wie noch nie: „Selbst das Coronavirus kann Ostern nicht abschaffen! Das Leben wird siegen“, ist Bischof Muser überzeugt.

Bischof Ivo Muser ist überzeugt: „Die österliche Botschaft vom Sieg des Lebens über den Tod war noch nie so wichtig wie in diesem Jahr.“ (Archivbild)
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Bischof Ivo Muser ist überzeugt: „Die österliche Botschaft vom Sieg des Lebens über den Tod war noch nie so wichtig wie in diesem Jahr.“ (Archivbild) - Foto: © THOMAS OHNEWEIN
„Dieses Osterfest wird uns noch lange in Erinnerung bleiben“, stellt Südtirols Oberhirte Bischof Ivo Muser gleich zu Beginn des Gesprächs fest.

Am 26. Februar begann mit dem Aschermittwoch die 40-tägige Fastenzeit. Doch nur 2 Wochen später musste jeder Einzelne plötzlich und unfreiwillig auf weit mehr verzichten als geahnt: Mit dem Einzug des Coronavirus in Italien folgten verschärfte Maßnahmen. Geschäfte, Lokale, Hotels und Grenzen wurden geschlossen, das Daheimbleiben wurde von der ersehnten Entspannung nach einem langen Arbeitstag zur Pflicht mit nur wenigen Ausnahmen.

Leere Kirchen sind „Verarmung“

Auch das kirchliche Leben wurde auf das Wesentliche reduziert: Gottesdienste werden seit Wochen ohne Glaubensgemeinde gefeiert, es finden weder Hochzeiten noch Erstkommunionen statt, geliebte Gestorbene werden nur im engsten Familienkreis beerdigt und sind „vermutlich noch trauriger als schon zuvor“, beschreibt Muser.

Das Außergewöhnliche an dieser Krise sei, dass sie alle Teile der Gesellschaft betreffe, so Muser weiter. Innerhalb weniger Tage wurde das gesellschaftliche Leben auf das absolut Notwendige herabgebrochen, auch in der Kirche.

Das Zelebrieren des Gottesdienstes in einer leeren Kirche bezeichnet Muser als „Verarmung“ für die Geistlichen: „Eine lebhafte Gottesdienstgemeinde ist einfach nicht zu ersetzen. Jedem Seelsorger, auch mir, fehlen die Menschen“.

Der Einzug am vergangenen Palmsonntag in einen leeren Dom sei beeindruckend gewesen: „So eine Zeit hat der Bozner Dom noch nie erlebt, auch nicht der Brixner Dom und keine andere unserer Pfarrkirchen“, ist sich Muser sicher. Tatsächlich habe wohl noch niemand so etwas erlebt, auch nicht die Ältesten der Glaubensgemeinde.

„Wir spüren, wir brauchen einander“

Viele Menschen hätten Angst vor der Zukunft, sei es aus existenziellen oder gesundheitlichen Gründen. „Viele fragen mich, ob das Virus eine Strafe Gottes sei“, erzählt der Bischof. „Das glaube ich nicht, aber gleichzeitig ist es doch ein starkes Zeichen Gottes an den Menschen, umzudenken.“

Denn so schmerzlich die Krise sei, so sehr habe der Bischof auch die Hoffnung, dass die Menschheit gestärkt daraus hervorgehen wird, anstatt wieder in alte Gewohnheitsmuster zurückzufallen.

Denn: Dem Drang nach „mehr“, mehr Profit, mehr Tourismus, mehr Gewinn, wurde plötzlich Einhalt geboten. Anstelle von materialistischen Zielen seien plötzlich menschliche Bedürfnisse in den Vordergrund gerückt. Plötzlich zähle nichts mehr als der Wunsch, jemandem die Hand zu reichen, eine Umarmung zu schenken.

„Wir spüren, wir brauchen einander“, fasst Bischof Muser seine Beobachtungen zusammen. „Viele Menschen fühlen jetzt vielleicht mehr als je zuvor, dass sie Gutes tun wollen. Sie wollen helfen und sich vernetzen“, so Muser.

Die Bemühungen reichen vom Angebot, für andere einkaufen zu gehen bis zur Nachhilfe im Netz, „da könnte man so viele nennen.“ Der Oberhirte ist sich sicher: „Wenn wir uns diese Einstellung bewahren, haben wir eine gute Zukunft vor uns.“

„Entweder schaffen wir es gemeinsam, oder wir gehen gemeinsam unter“

Eine der Folgen der Coronakrise sei die Rückkehr zu den existenziellen Fragen: Was zählt wirklich? Was bleibt? Der Individualismus weiche der Gemeinschaft: „Die Leute wissen: Entweder schaffen wir das gemeinsam, oder wir gehen gemeinsam unter.“

Auch fände man stets neue Formen, sich zu vernetzen: „In meiner ganzen Zeit als Bischof habe ich noch nie so viel telefoniert“, erzählt Muser. Anders sei es ihm auch nicht möglich, den Kontakt mit den Gläubigen halten.

Seit Anfang März werden die Gottesdienste im geschlossenen Bozner Dom im Radio, im Fernsehen und im Internet übertragen. Auch hier spürt der Bischof trotz der leeren Kirchenbänke eine Verbundenheit mit seiner Glaubensgemeinde: „Die Menschen rufen mich nach den Gottesdiensten an und bedanken sich oder lassen mich wissen, dass sie auch die nächste Heilige Messe über verschiedene Kanäle gemeinsam mit mir feiern werden. Man merkt, wie arm wir doch wären, wenn wir tatsächlich gänzlich auf das gemeinsame Feiern der Gottesdienste verzichten müssten.“

Deshalb sei es so wichtig, dass gerade auch dieses Ostern nicht ausfalle: „Die Grundbotschaft von Ostern ist die Auferstehung, der Sieg des Lebens über den Tod“, so Muser. Selbst eine Krankheit wie Covid-19 könne das Osterfest nicht abschaffen.

„Ostern beweist, dass diese Krankheit für den christlichen Menschen kein letztes Scheitern ist, denn auch der Tod öffnet das Tor zum Leben.“

Interview: Elisabeth Turker

liz