Samstag, 23. Juli 2016

„Papa, die schießen noch“

Es ist die Fassungslosigkeit am Morgen danach: Mit einem Strauß roter Rosen steht Naim Zabergja auf der Rückseite des Olympia-Einkaufszentrums (OEZ) im Nordwesten Münchens. In der Hand ein Foto: Der 20-Jährige darauf lächelt offen und freundlich in die Kamera, die Haare sorgsam gestylt. „Das war mein Sohn“, sagt Zabergja und hält die Fotografie in die Kamera. Nun ist der junge Mann tot, so wie der Täter und acht andere Opfer, darunter mehrere Jugendliche.

Zabergjas Sohn wurde erschossen ...
Zabergjas Sohn wurde erschossen ... - Foto: © APA/DPA

Rings um den Ort, wo am Freitagabend die Schüsse fielen, legen Passanten, Freunde und Angehörige immer wieder Blumen und Kerzen nieder. Auch Politiker wie Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) und Vertreter der Kirchen spenden Blumenkränze und beten gemeinsam für die Toten und die Verletzten.

Das OEZ in einem einfacheren Stadtviertel im Nordwesten Münchens, in dem viele Migranten wohnen, bietet viele Restaurants und Geschäfte. Große Ketten sind hier vertreten.

Bei Jugendlichen ist es ein beliebter Treffpunkt. Auch Zabergjas Sohn hatte sich dort mit einem Freund verabredet. An diesem schwülwarmen Sommerabend saßen sie draußen, sie wollten eine Limo trinken. Doch dann kam der Amokschütze und feuerte Schüsse ab.

„Sein Freund ist weggelaufen, meinen Sohn hat er getötet“, erzählt Zabergja, der aus dem Kosovo stammt. Seine Stimme wird heiser, doch er redet weiter. Zwei Töchter hat er noch, vier Enkel. Dijamant war der einzige Sohn, geboren in München. Er machte eine Ausbildung am Flughafen.

Am Samstagmorgen um 4 Uhr sei die Polizei vor der Tür gestanden und habe ihm die schreckliche Nachricht überbracht. „Ich bin noch in Träumen, ich glaube noch nicht, was passiert ist, auch meine Familie glaubt es noch nicht.“

Wenig später will ein kleiner Junge Teelichte an der provisorischen Gedenkstätte anzünden. Immer wieder müht er sich mit dem Feuerzeug ab, immer wieder löscht ein sanfter Wind die Flamme. Der Dreijährige war mit seinem Vater beim Einkaufen, als die Schüsse fielen.

Attentat war in vollem Gange

„Ich wohne gleich um die Ecke, ich habe meinen Sohn so schnell wie möglich nach Hause gebracht“, erzählt der Mann mit kurdischen Wurzeln, der seit vielen Jahren in Deutschland lebt. Er wirkt geschockt. „Ich habe die Verletzten gesehen, zwei Leichen, die bluten“, erinnert er sich.

„Ich habe mit einer Mutter eines Verletzten gesprochen, dass es ihrem Sohn gut geht und er sagte, ich will nicht sterben, aber ich sterbe. Das hat mich fast fertig gemacht.“ Auch sein Sohn muss das Erlebte noch verarbeiten. „Der Junge fragt mich immer wieder: Papa, die schießen noch."

Erwin Tieslau und seine Lebensgefährtin kamen gerade nach Hause, als das Attentat in vollem Gange war. Ein junger Mann suchte Zuflucht in ihrer Tiefgarage. Und hinter einem Mäuerchen kauerten zwei Frauen und ein Kind. „Wir haben sie mit in die Wohnung genommen“, sagt Tieslau.

Die Trauer um die Opfer ist groß. Während anderswo in München wieder der Verkehr rollt und U-Bahnen fahren, herrscht hier Stillstand. Das Einkaufszentrum bleibt zu. Anwohner stehen zusammen, um gemeinsam zu begreifen, was geschehen ist.

Wo sonst geschäftiges Treiben herrscht, ist nun eine Meile des Schreckens und des Gedenkens. Links das Schnellrestaurant, in dem die ersten Schüsse fielen, verdeckt von einer schwarzen Plane.

Von hier aus rannte der Täter über die Straße, ein paar Stufen hoch und ins Einkaufszentrum hinein. Wieder Schüsse. Auch hier ist alles verhangen, es wimmelt von Polizisten.

dpa

stol