Alter und Gesundheit machten es ihm nicht mehr möglich, sein Amt adäquat auszuüben, hatte der am 19. April 2005 gewählte, heute 85-jährige Pontifex seinen ungewöhnlichen Schritt begründet. Dabei hatte er bis zuletzt noch vergleichsweise agil gewirkt, auch wenn ihm seit längerem für den langen Gang im Petersdom ein fahrbares Podium zur Verfügung stand. Und manchmal musste er sich auch auf einen Stock stützen.Sein PontifikatAuf den Spuren seines Vorgängers Johannes Paul II. verfolgte Joseph Ratzinger vor allem das eine Ziel, die Herde der weit über eine Milliarde Katholiken zusammenzuhalten. Er wollte sie gegen die Versuchungen einer „gottabgewandten“ und konsumorientierten Welt wappnen. Und er rief zur neuerlichen Verbreitung des christlichen Glaubens auf. Krisen wie der Missbrauchsskandal oder zuletzt die „Vatileaks“-Affäre um gestohlene Dokumente von seinem Schreibtisch prägten sein Pontifikat. Riesige Begeisterung, wie sie ihm in Lateinamerika und Afrika entgegenschlug, waren dagegen Balsam.Bahnbrechende Reformen, wie sie von Kirchenkritikern immer wieder eingefordert werden, erwartete kaum jemand von Benedikt. Doch er setzte durchaus Akzente. Als einer der wichtigsten Kirchenmänner der neueren Zeit ging der brillante Theologe wohl in die Kirchengeschichte ein. Der dritte Teil seines dreibändigen Hauptwerkes „Jesus von Nazareth“ war erst vor Weihnachten erschienen. Das Jesus-Porträt des Papstes entwickelte sich zu einem weltweiten Bestseller, der auch bei nichtkatholischen Christen Anklang fand.Die Welle der aufgedeckten Missbrauchsfälle in katholischen Einrichtungen in den vergangenen Jahren war die schwerste, aber nicht die einzige Krise in seinem Pontifikat. So war Benedikts Zugehen auf die erzkonservativen Pius-Brüder (FSSPX) mit dem Holocaust-Leugner Richard Williamson und die Aufhebung der Exkommunikation ihrer Bischöfe von vielen Seiten heftig kritisiert worden. Das lange Tauziehen zwischen den Pius-Brüdern – die etwa die Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils zur Religionsfreiheit ablehnen – und dem Vatikan um die richtige Doktrin ist immer noch nicht ausgestanden.Ratzinger sitze einsam hinter Vatikanmauern, es mangle ihm an Beratern, meinen Kritiker. Wobei Interview-Bücher und seine Auftritte vor den Medien einen durchaus lockeren und aufgeschlossenen Pontifex zeigen. Auch manche seiner Reden machten Schlagzeilen. So beim Besuch seiner bayerischen Heimat 2006, als der Ex-Professor mit einem Zitat, das eine Verknüpfung von Islam und Gewalt nahelegte, teils gewalttätige Proteste in der islamischen Welt auslöste. Doch das vertiefte dann einen von ihm gewollten „Dialog der Religionen“. In Deutschland sorgte auch sein Auftritt vor dem Berliner Bundestag 2011 für Aufsehen, ebenso seine Rede in Freiburg, in der er zur „Entweltlichung“ der Kirche aufrief – was von manchen als verdeckte Kritik am deutschen Kirchensteuersystem interpretiert wurde.Benedikt veröffentlichte drei Enzykliken, zur Liebe („Deus caritas est“) und Hoffnung („Spe salvi“) sowie zu Sozialfragen („Caritas in veritate“). Prägender scheinen seine Reisen zu sein: Er betrat als erster Papst eine Synagoge in Deutschland und sprach im ehemaligen KZ Auschwitz sowie in Jerusalems Holocaust-Gedenkstätte. Und er traf immer wieder Missbrauchsopfer. Als dieser Skandal sich ausbreitete und immer mehr Kirchenleute am Pranger standen, versuchte er mit einer „Null-Toleranz“-Politik und einer Bitte um Vergebung die Schmach seiner Kirche zu mildern. Auch Österreich stattete er im Jahr 2007 einen Besuch ab und reiste dabei nach Wien, Mariazell und Heiligenkreuz.Joseph Ratzinger: VitaJoseph Ratzinger wurde am 16. April 1927 als Sohn eines Gendarmeriemeisters in Marktl am Inn in der Nähe von Passau geboren.Nach dem Theologie- und Philosophiestudium wurde er 1951 zum Priester geweiht, mit 30 Jahren habilitierte er und wurde Dogmatik-Professor an der Freisinger Hochschule. Die Wissenschaft hatte ihn gepackt, er lehrte dann in Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg. 1977 wurde er Erzbischof von München und Freising und wenig später auch Kardinal.1981 machte ihn Johannes Paul zum Chef der Glaubenskongregation, jener Vatikan-Behörde also, die sich dem Schutz der Glaubens- und Sittenlehre verschrieben hat. Dieser Posten schien maßgeschneidert für den kühlen Denker und Dogmatiker. Ob die Zurückweisung der künstlicher Geburtenregelung, die Ablehnung weiblicher Priester oder die Kritik an vielen Strömungen der Befreiungstheologie in Lateinamerika: Das oberste Urteil im Vatikan trug zumeist die Handschrift des Vertrauten von Johannes Paul II. Als sich die Nachrichten über die Missbrauchsfälle weltweit mehrten, zog er zudem deren Behandlung 2001 zentral an die Glaubenskongregation. Das ermöglichte eine schnellere Prüfung und Bearbeitung, als dies zuvor im Dickicht der diözesanen Stellen und Kirchengerichte möglich gewesen war.Nirgendwo war die Kritik an Benedikt so laut wie in Deutschland: Für viele in seiner Heimat ist der Mann mit den schlohweißen Haaren einfach das Symbol für Härte und weltfernen Konservativismus. Dabei hatte ihn zunächst eine Welle der Begeisterung und der Sympathie getragen, symbolisiert durch die legendäre Schlagzeile der „Bild“-Zeitung „Wir sind Papst!“. Doch blieb er ein Papst, der unbeirrt seinem inneren Kompass zu folgen scheint – auch in seiner Rücktrittsentscheidung.apa/dpa