Mittwoch, 01. Juli 2020

Papstbruder Georg Ratzinger ist tot

Georg Ratzinger ist tot. Der Kirchenmusiker und um 3 Jahre ältere Bruder des emeritierten Papstes Benedikt XVI. starb am Mittwoch im Alter von 96 Jahren in Regensburg.

Ein Foto aus dem Jahre 2012. Georg Ratzinger (links) und sein um 3 Jahre jüngerer Bruder Joseph Ratzinger, Papst Benedikt XVI. in Rom.
Ein Foto aus dem Jahre 2012. Georg Ratzinger (links) und sein um 3 Jahre jüngerer Bruder Joseph Ratzinger, Papst Benedikt XVI. in Rom. - Foto: © APA/afp / -
Georg Ratzinger war als Regensburger Domkapellmeister 3 Jahrzehnte lang Chef des weltberühmten Knabenchores. 1994 ging der katholische Priester in den Ruhestand. Als sein Bruder am 19. April 2005 zum Papst gewählt wurde, änderte sich das beschauliche Leben des 81-Jährigen schlagartig.

Geboren am 15. Januar 1924 in Pleiskirchen nahe dem Wallfahrtsort Altötting, erlebte der junge Georg Wanderjahre durch mehrere kleine oberbayerische Orte – der Vater wurde als Polizist häufig versetzt. Im Erzbischöflichen Knabenseminar von Traunstein wurde er schon als Jugendlicher auf das Priestertum vorbereitet. Nach dem Kriegsdienst in der Wehrmacht der Nazis studierte er von 1946 an Theologie in Freising, wo er 1951 wie sein Bruder zum Priester geweiht wurde.

Georg Ratzinger feierte seit den 60er Jahren mit den Domspatzen weltweit Erfolge. Er machte den Chor auf Auslandsreisen auch international bekannt. Seine Spezialität war die Interpretation von Werken der romantischen Chormusik, etwa der Motetten von Anton Bruckner. Einer seiner Lieblingskomponisten war der weniger bekannte Joseph Gabriel Rheinberger (1839-1901). Dass seine Motetten und Messen heute wieder öfter zu hören sind, gilt als Ratzingers Verdienst.

Engen Kontakt mit Bruder Joseph

Bis zu seinem Tod pflegte Georg Ratzinger engen Kontakt zu seinem Bruder. Sowohl während dessen Pontifikats von 2005 bis 2013 als auch danach besuchte er ihn regelmäßig im Vatikan. In seiner Zeit als Kurienkardinal in Rom hatte Joseph Ratzinger mehrmals im Jahr seinen Bruder in Regensburg besucht. Als Benedikt XVI. im Herbst 2006 für mehrere Tage nach Bayern kam, kehrte er noch einmal im Haus seines Bruders in der Regensburger Stadtmitte ein.

Anfang August 2005 erlitt Georg Ratzinger in der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo bei einem gemeinsamen Urlaub mit seinem Bruder einen Herzanfall. Daraufhin wurde ihm in der römischen Gemelli-Klinik ein Herzschrittmacher eingesetzt. Nach nur wenigen Tagen konnte Ratzinger, der wegen Augenproblemen auch kaum mehr etwas sehen konnte, die Klinik wieder verlassen. Zuletzt bereitete ihm das Gehen Probleme.

Die Wahl des Bruders zum Papst: „Ich habe gehofft, der Kelch geht an ihm vorüber“

Bei der Wahl seines Bruders zum Papst hatte der ehemalige Domkapellmeister die Nachricht zunächst nicht fassen können. Vertraute berichteten, dass der Mann mit den schlohweißen Haaren wie versunken vor dem Fernseher saß und kein Wort sagte. Es sei ihm wohl schlagartig bewusst geworden, dass es künftig kaum mehr ein Privatleben für die beiden Brüder gibt.

Georg Ratzinger machte nur einen Tag nach der Wahl deutlich, dass er sich die Ernennung seines Bruders zum Pontifex nicht gewünscht hatte. „Ich hatte gehofft, dass der Kelch an ihm vorübergeht“, sagte er. Allerdings trug er das Geschehen mit Fassung – und mit Humor: „Auch wenn mein Bruder nun Papst ist, er bleibt für mich der Joseph“, meinte Georg Ratzinger und ergänzte: „Ich hoffe, ich bekomme eine Telefonnummer, mit der ich zu ihm durchwählen kann.“ Er bekam sogar eine Geheimnummer. Als sein Bruder am 11. Februar 2013 als erster Papst der Neuzeit vom Amt des katholischen Kirchenoberhauptes zurücktrat, sagte Georg Ratzinger über das Motiv: „Das Alter drückt“.

Kurz vor seinem Tod erfüllte sich noch ein Herzenswunsch

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. war am 18. Juni völlig überraschend zu seinem schwer kranken Bruder nach Deutschland gereist und hat ihn am Krankenbett in seiner Wohnung besucht. Mehrere Tage verbrachten die beiden Geschwister jeweils einige Stunden miteinander.

Wie der Sprecher des Bistums Regensburg damals mitteilte, war die persönliche Begegnung „ein Herzenswunsch der beiden hoch betagten Brüder“. „Es ist vielleicht das letzte Mal, dass sich die beiden Brüder, Georg und Joseph Ratzinger, in dieser Welt sehen.“

Er sollte Recht behalten.



dpa/stol