<b>von Martin Tinkhauser</b><BR /><BR />David Kammerer klettert mit einer Prothese am rechten Bein die Wände hoch. Er ist imstande, Routen im achten französischen Schwierigkeitsgrad in der Halle und im Fels zu bewältigen. <BR /><BR />„Mein Vater erzählt gerne, dass ich als Kind bei Urlauben am Spielplatz des Hotels auf allem, was sich anbot, herumgeklettert bin“, erinnert sich David. Später zur Mittelschulzeit habe ihn das Klettern sehr interessiert, aber selbst aktiv zu werden, habe er sich aufgrund seiner Behinderung, einer angeborenen Fehlbildung des rechten Oberschenkels, nicht getraut. Es folgten mehrere Eingriffe, aber sich deshalb unterkriegen zu lassen, war zu keinem Zeitpunkt eine Option für David. „Zu der Zeit war ich eifriger Zuschauer der Kletterszene“, sagt er. Ein Freund weckte in ihm dann erstmals die echte Leidenschaft fürs Bouldern.<BR /><BR />Wie vieles begann es während des Corona-Lockdowns: Er verfolgte laufend Videos und fand Gleichgesinnte. Es dauerte noch, bis alle bürokratischen Hürden bewältigt waren, aber dann „nur mehr Vollgas“, sagt David.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1342278_image" /></div> <BR /><BR />Klettern ist ein herausfordernder Sport – und mit einer Prothese umso mehr: „Nach einem Wettkampf bin ich wirklich ausgepowert“. Seit 2023 nimmt David an Kletterwettkämpfen teil. Schon im ersten Jahr holte er beim Weltcup in Salt Lake City (USA) den dritten Platz, im Jahr darauf gewann er. Inzwischen ist er 42 Tage im Jahr nur zu Wettkampfterminen unterwegs.<BR /><BR />Sein Talent kam schnell zum Vorschein. Bei allen Weltcupbewerben, die er bisher bestritten hat, stand er nur bei einem einzigen nicht im Finale.<BR /><BR />Heuer fanden drei internationale Wettkämpfe statt. Im März in den USA fehlten einige Zentimeter auf den zweiten Platz. In Innsbruck ging es bis zum Finale sehr gut, im Wettkampf wurde es dann der fünfte Rang. Und kürzlich in Belgien gewann er mit großem Vorsprung.<BR /><BR />Sein Hobby füllt zwar seinen Tag, aber David hat auch einen Brotberuf als Achtsamkeitstrainer und Kletterlehrer. „Meine Frau meint schon, dass ich es ab und zu übertreibe“, erzählt er und lacht. Erst kürzlich hat er in Innsbruck die Ausbildung zum staatlich geprüften Österreichischen Kletterinstruktor für Breitensport mit Auszeichnung abgeschlossen. Damit ist er in Südtirol der erste und einzige Kletterinstruktor mit Behinderung für den Breitensport.<BR /><BR />„Es gibt Bewegungen, wo ich mich mit meinem Handicap brutal schwertue“, sagt er. Bei Passagen, die eine gewisse Fußtechnik erfordern, komme ich schneller an meine Grenzen, als Kletterer mit beiden Beinen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1342281_image" /></div> <BR /><BR />Auch darum setzt sich David unermüdlich dafür ein, dass in den heimischen Kletterhallen beim Routenbau auch auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung eingegangen wird. „Südtirol hat ein Weltklasse-Angebot an Kletterhallen, und seit ich diese Sportart ausübe und sie als Kletterlehrer mit Behinderung weitergebe, finden immer mehr Menschen mit einer Behinderung zu diesem Sport“, freut sich David.<BR /><BR />Ende August geht die World Series in Frankreich weiter. Gleichzeitig finden dort auch die Europameisterschaften statt. Vom Alter her ist für Kammerer mit seinen 33 Jahren die Teilnahme an paralympischen Spielen kein Problem. Noch stehen die genauen Qualifikationsbedingungen nicht fest. 80 Athleten dürfen es insgesamt sein. Es gibt vier Kategorien. Damit dürften die ersten zehn der Weltrangliste und maximal zwei pro Teilnehmerland zum Zuge kommen, vermutet David. <BR /><BR />In seinem Fall rangiert er derzeit in seiner Kategorie AL-2 italienweit an erster, weltweit an dritter Stelle. Die Chancen stehen also durchaus gut. Mit seiner Trainerin Katrin Mair wird das Trainings- und Wettkampfprogramm auf den großen Termin hin ausgearbeitet. „Was es noch bräuchte, wären der eine oder andere Sponsor, also Unternehmen, die sich aus Überzeugung für Inklusion einsetzen und Barrieren abbauen“, sagt David.<h3> Zur Person</h3>David Kammerer (33) lebt mit seiner Familie (Frau und zwei Buben, sechs und neun Jahre alt) in Stefansdorf. Seit seiner Geburt leidet er an einer Fehlbildung des rechten Oberschenkels. Es handelt sich um die seltene Erkrankung PFFD (Proximale Femorale Foka-le Defizienz), die von einer leichten Verkürzung bis hin zum vollständigen Fehlen des Oberschenkelknochens reichen kann. <BR /><BR />Kammerer ist Achtsamkeitstrainer für Kinder und Jugendliche <BR />am Burger Hof in Prags. Zudem ist er Kletterlehrer in der Kletterhalle Bruneck.