Wenn Kinder in einem Verein Sport treiben, dann um Spaß zu haben, mit Gleichaltrigen zusammen zu sein und um sich auszutoben. Doch immer öfter grätschen Eltern dazwischen und üben Druck aus: Auf ihre eigenen Kinder, auf die Trainer und auf die Vereine. Welche Konsequenzen das hat und wo seiner Ansicht nach die Ursachen für diese Entwicklung liegen, darüber spricht Roland Lahner, lange Jahre Präsident des SC Neugries in Bozen, in einem Interview. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1329294_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Sie haben im Vereinsmagazin „Sportkurier“ geschrieben, dass der Druck seitens der Eltern auf den Verein und auf die Trainer größer geworden ist, dass sie sich mehr einmischen. Werden Erwartungen der Eltern auf Kinder übertragen?</b><BR /><BR />Roland Lahner: Ja. Viele Eltern haben nur ihr eigenes Kind im Fokus, wobei man nicht alle in den gleichen Topf werfen darf. Aber die Tendenz in diese Richtung ist eindeutig. Es geht manchen Eltern weniger ums gemeinschaftliche Sporttreiben, sondern vor allem darum, dass sich das eigene Kind so gut wie möglich entwickelt. Viele Eltern glauben, sie haben den kleinen Messi oder den kleinen Sinner zu Hause. Aber 99,9 Prozent aller Sportler werden vom Sport nie leben können und nie Profisportler werden. Es geht in der sportlichen Entwicklung in den Vereinen um andere Aspekte. Im Verein versuchen wir, diese Aspekte hochzuhalten, aber es wird immer schwieriger.<BR /><BR /><b>Wie äußert sich das in der Arbeit des Vereins?</b><BR /><BR />Lahner: Dass sofort Kritik laut wird, wenn vielleicht nicht die besten Spieler auf dem Feld stehen, wenn der Trainer die Entscheidung trifft, alle spielen zu lassen, was bedeutet, dass das eine oder andere Spiel verloren geht. In solchen Situationen kommt häufig Kritik von Eltern der besseren Spieler: Ihr Sohn hätte spielen sollen, dann hätte man das Spiel nicht verloren. Wir versuchen diesen Eltern zu erklären, wie wir arbeiten. Dann kommt es nicht selten zu Situationen, in denen Eltern entscheiden, dass sie ihr Kind in einen anderen Verein einschreiben, wo es dann immer spielt und wo es um den sportlichen Erfolg geht und weniger um den sozialen Aspekt. Sport ist immer auch Erfolg, das will ich nicht leugnen und man soll auch gewinnen wollen. Aber ich muss dabei alle mitnehmen. Bei einem Kind von sechs, acht oder zehn Jahren ist es komplett sinnlos, nur den Erfolg in den Vordergrund zu stellen. Es gibt weltweit Beispiele anderer Länder, die schon viel weiter sind. Norwegen hat sein Sportsystem so aufgestellt, dass es für Jugendmannschaften bis zum Alter von neun oder zehn Jahren keine Punkte und keine Tabelle gibt. Die Kinder spielen einfach Fußball. Es gibt keinen Sieger, alle werden prämiert. Das hat mir vom Ansatz her gut gefallen, weil es genau das Problem umgeht. Denn wir sehen, dass schon bei Kindern im Alter ab sechs Jahren extremer Wert auf den sportlichen Erfolg gelegt wird. Dabei geht es in der sportlichen Entwicklung von Kindern um ganz andere Dinge.<BR /><BR /><b>Wo sehen Sie die Gründe für diese Entwicklung?</b><BR /><BR />Lahner: Meines Erachtens liegen die Gründe in der Individualisierung der Gesellschaft. Der Gemeinschaftsgedanke weicht dem Erfolgsgedanken. Es geht um den eigenen Erfolg, um den Erfolg der eigenen Kinder. Das Verständnis für die sozialen Aspekte wird schwächer. Das hat es früher nicht gegeben. Früher war der Ansatz ein anderer. Die Eltern haben die Kinder zum Sport gebracht und sich danach nicht eingemischt. Der Verein, der Trainer hatten das Vertrauen der Eltern. Sie haben Entscheidungen viel eher angenommen als heute. Heute kommt von den Eltern sehr schnell Kritik, wenn es einmal nicht so läuft wie sie sich das vorstellen.<BR /><BR /><b>Kommt diese Kritik direkt im Gespräch mit dem Trainer, oder indirekt, etwa über soziale Medien?</b><BR /><BR />Lahner: Ganz unterschiedlich und in allen Formen. Zuerst geht es gegen den Trainer. Dann gibt es auch die Härtefälle in Form von PEC-Mails an den Vereinspräsidenten, in denen rechtliche Konsequenzen und was auch immer angedroht werden. Das haben wir alles schon erlebt. In einem ehrenamtlich geführten Verein ist das im Alltag natürlich schwierig, weil es die Motivation beeinträchtigt. Das muss ich ganz ehrlich sagen. Wenn man sich jede Saison mit zwei oder drei solchen Streitfällen herumschlagen muss, ist das auf Dauer anstrengend. Und genau diese Entwicklung hat in den vergangenen Jahren zugenommen.<BR /><BR /><b>Der Leistungsgedanke, der in der Gesellschaft der Erwachsenen herrscht, sickert hinunter bis zu den Kindern.</b><BR /><BR />Lahner: Ja, so kann man es sagen. Wir übertragen den Leistungsgedanken der Gesellschaft auf unsere Kinder und das im frühen Alter. Das führt dann dazu, dass Eltern, teilweise auch die Trainer, den Leistungsgedanken an ihren Kindern ausleben und dass die Kinder dann mit 15 oder 16 Jahren einfach keine Lust mehr haben und gar keinen Sport mehr betreiben, was schade ist. Bis zu einem Alter von zwölf, 13 oder 14 Jahren geht es um den Gemeinschaftsgedanken, um die gemeinsame Entwicklung von Fähigkeiten. Danach kann man Talente spezifisch fördern und allen anderen die Möglichkeit geben, das weiterzutun, was sie gerne tun, ohne dass sie danach Weltmeister werden oder Medaillen nach Hause bringen. Im Nachwuchsbereich von Vereinen stehen die soziale Funktion, die Gesundheit, die körperliche Entwicklung und die Integration im Mittelpunkt. Im SC Neugries gibt es Kinder und Jugendliche aus 16 Nationen. Sie treffen sich alle auf den Fußballfeldern, können sich am Anfang sprachlich kaum verständigen, doch nach ein paar Monaten läuft es wunderbar. Der Sport kann extrem viel zu einer guten Integration von Kindern mit Migrationshintergrund beitragen.