In Kuwait verantwortet der 49-Jährige nicht „nur“ die technischen Bereiche der Lagerstättenphysik, sondern auch legale, sicherheits- und umweltrelevante Themen. Die Ergebnisse seiner Abteilung werden dann auch im Rohstoffministerium vorgestellt. <BR /><BR /><b>Herr Abram, unser letztes Interview ist 8 Jahre her. Jetzt sind Sie für Ihren Arbeitgeber Shell in Kuwait tätig. Was sind Ihre Aufgaben dort?</b><BR />Peter Abram: Der Aufgabenbereich ist weit gefächert. Er umfasst als Abteilungsleiter der Lagerstättenphysik Bereiche der Bohrungsplanung, Bohrungsausführung, geologische und dynamische Modellierungen, Produktionsüberwachung und -optimierungen, Vertragsverhandlungen, Reorganisation, Rekrutierung und Forschung. Neben technischen betreffen meine Aufgaben auch legale, ökonomische, sicherheits- und umweltrelevante Themen. <BR /><BR /><b>Erste Eindrücke? Wie ist es beispielsweise um die Rolle der Frau bestellt?</b><BR />Abram: Generell trifft man bei der Arbeit, auf dem Markt, im Straßenverkehr auf verschleierte und unverschleierte muslimische Frauen, oft im Beisein ihrer Kinder und Ehemänner. Auf mich wirken die Frauen eher vergnügt, im Gespräch scharfsinnig, neugierig und entschlossen. Viele haben hohe Studienabschlüsse aus dem Ausland. Meine verschleierte Kollegin einer anderen Abteilung führt ihre männlichen und weiblichen Kollegen, wie mir scheint, freundlich und bestimmt. Es gibt hier auch Ungleichbehandlung für Männer: muslimische Ehemänner sind verpflichtet, zwei Drittel ihres Gehaltes an die Ehefrau abzutreten, währenddem die Ehefrauen über ihr Gehalt im Ganzen allein verfügen dürfen. Also, im Mikrokosmos einer Großfamilie oder eines Arbeitsplatzes können die Frauen hier durchwegs die „Hosen anhaben“.<BR /><BR /><b>Das klingt fortschrittlich…</b><BR />Abram: Manche meiner muslimischen Kollegen meinen, dass der Westen auf sie befremdlich wirkt und sich sogar dem langsamen Untergang nähert, weil nach deren Ansicht die zu geringe Aufmerksamkeit für Familie, Tradition, Geschlechterrollen, Mystizismus und Religion die Menschen, wie soll ich sagen, von einem natürlichen Selbstverständnis entfremdet. <BR /><BR /><b>Wie leben Sie in Kuwait als Expat?</b><BR />Abram: Die Lebensbedingungen für Expats in der Erdölindustrie sind hier luxuriös, wie es typisch ist für orientalische Länder. Die Bedingungen wirken auf mich zuweilen übertrieben. Es wurde mir eine Villa mit Personal, Pool und Strandabschnitt zur Verfügung gestellt. Ich möchte mich aber nicht an diesen Lebensstil gewöhnen wollen und versorge mich großteils selbst. Das liegt wohl an meiner holländischen Erziehung, mütterlicherseits. Meine Familie verbleibt leider in Kärnten: Meine liebe Frau arbeitet erfolgreich und wohnt gerne in Klagenfurt, ebenso möchten wir unsere Kinder in einer vertrauten Umgebung belassen und sie auch nicht in eine Schule mit amerikanischem System einführen, in dieser überaus heißen Stadt Kuwait City. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1069716_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Wie heiß kann es da werden?</b><BR />Abram: Der heiße, trockene Wüstenwind macht Kuwait City mit 50 bis 60 Grad Celsius im Schatten zu einer der heißesten Städte der Welt. Dementsprechend eingeschränkt und von Kühlanlagen bestimmt, gestaltet sich hier das Leben. Auch das Fehlen von natürlicher Fauna und Flora, zumindest auf dem Lande, zeigt, wie künstlich das Leben in dieser Wüstenmetropole ist - es könnte wohl einer unserer künstlichen Zivilisationen auf einem Wüstenplaneten ähneln, fernab unserer Zukunft. Besonders beeindruckt haben mich die großzügig angelegten, temperierten, sonnigen Moscheen mit ihren hunderten intarsierten Marmorsäulen und den weitflächigen, detaillierten Mosaiken. Hier ertönt der klare, hohe Muezzingesang, leider auch hörbar für die Umgebung, um 3:40 Uhr in der Nacht. Das lässt einen die überwältigende Kraft dieser Welt-Religion erfahren. So eine archaische Kraft bräuchten wir wieder in den westlichen Religionen.<BR /><BR /><b>Werden Sie auch mit den mächtigen Leuten des Landes, den Regierungen oder gar der herrschenden Königsfamilie zu tun haben?</b><BR />Abram: Als Leiter der Lagerstättenphysik quantifiziert man zusammen mit anderen Abteilungen auch die Öl- und Gasreserven des Landes – das ist für die Zukunftsplanung des Landes von enormer strategischer Relevanz. Die Ergebnisse aus meiner Abteilung stelle ich dann in der Tat im Rohstoffministerium vor. Ähnliches verantwortete ich auch in Russland: Ich weiß, dass unsere Resultate in die Aktenablage des russischen Präsidenten kamen.<BR /><BR /><b>Die vergangenen Jahre waren durch eine Vielzahl an Krisen gekennzeichnet, darunter dem Krieg in der Ukraine. Inwieweit wurde die Erdölbranche dadurch getroffen?</b><BR />Abram: Das Thema ist weitreichend mit zum Teil tiefgreifenden Auswirkungen. Der Großteil der internationalen Erdölfirmen und der Zulieferindustrie haben Russland verlassen, andere haben sich aber entschlossen, weiterhin ihren Fuß im russischen Markt zu halten, beispielsweise französische Firmen, auch auf ausdrücklichen Wunsch ihres französischen Präsidenten Macron hin. Vor allem durch die Sprengung der Nordstream2-Stränge ist der russische Gasimport in die EU von 42 Prozent auf 16 Prozent gefallen, steigt nun aber wieder an. Auffallend ist, dass Italien und Spanien trotz der EU-Sanktionen ähnlich viel russisches Gas importieren wie vor dem Krieg.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1069719_image" /></div> <BR /><BR /><b>Tatsächlich?</b><BR />Abram: Ja, und ein ebenso wichtiger Aspekt, den ich bisher in den zahlreichen Diskussionen über den Krieg nicht vernommen habe, ist der folgende: durch die Drosselung der Gas- und Ölströme erhält die riesige russische Kohlenwasserstoff-Infrastruktur (Bohrungen, Raffinerien, Pipelines) im Westen Russlands nicht den nötigen Durchfluss, um ihre Integrität zu bewahren (z.B. zur Vermeidung von Ausfällungen in den Pipelines). Der Ausbau der bestehenden Ausweichrouten nach Indien und China dauert laut uns Erdölingenieuren eindeutig zu lange, um Teile dieser zig Milliarden teuren Anlagen instandzuhalten. Ich kann mir gut vorstellen, dass dieses herannahende Risiko die Kompromissbereitschaft für einen Frieden von Russland erhöht.<BR /><BR /><BR /><b>Reichlich ungewöhnlich ist noch die Vorstellung, dass man in absehbaren Zeiten ohne fossile Brennstoffe auskommen will. Stellen sich die Erdölkonzerne aber einem möglichen postfossilen Zeitalter?</b><BR />Abram: Wir haben bis jetzt erst ein Zehntel des bis heute ökonomisch gewinnbaren Gases und erst ein Drittel des ökonomisch gewinnbaren Öls gefördert. Bevor uns aber Öl und Gas ausgehen, werden wir auf andere Quellen der Energiegewinnung umgesattelt sein. Diese Wandlung wird seit Jahrzehnten vor allem von den Erdölfirmen vorangetrieben, da diese die geänderten Wünsche ihrer umweltbewussten Kunden früh erkannt haben. In allen großen Erdölfirmen ist der Weg zu „NetZeroCO2“ bis 2040 und 2050 seit vielen Jahren Teil der Unternehmensstrategie, und zwar lange bevor die Politik dies verlangt hatte. Was wenige Politiker und Aktivisten beachten: 99 Prozent der Pharmazeutika bestehen aus Erdölprodukten. Ohne die speziellen Moleküle aus dem Öl können Medizinen, wie z.B. für die Krebsbehandlung oder einfache Generika wie Aspirin nicht hergestellt werden. Meiner Meinung nach sollte dann konsequenterweise ein Umweltaktivist gegen Öl und Gas versuchen, beim Zahnarzt auf die Anästhesie zu verzichten.<BR /><BR /><b>Wie gestalten sich Ihre Vertragsverhandlungen? Um welche Summen geht es?</b><BR />Abram: Ich kann hier aus Gründen der Vertraulichkeit nur generell über dieses Thema sprechen. Je nach Dienstleistung und Laufzeit können die Lagerstättenphysikalischen Dienstleistungen von einigen Hunderttausenden bis in die Milliarden Euro gehen. In den Verhandlungsrunden soll man seine Ziele und Alternativen kennen. Auch muss jedes technische und kommerzielle Detail des Anbieters studiert sein, und an möglichst alle potenziellen Folgen des Vereinbarten gedacht sein. Da hilft mir meine lange Erfahrung. Ein guter Vertrag, so einfach es klingen mag, soll für beide Seiten Vorteile bringen und sieht bei Nichteinhaltung faire Sanktionen vor. Das stimmt nebenbei auch mit Ergebnissen der Spieltheorie zusammen. <BR /><BR /><b>Wie sind die Verdienstmöglichkeiten in der Erdölindustrie?</b><BR />Abram: Generell beklagt man sich nicht über die Benefits in der Erdölindustrie. Natürlich sind in diesen Aktienunternehmen die Jobsicherheiten wegen des oft schwankenden Ölpreises und dem Druck der Aktieninhaber niedrig. Auch sind Zeitdruck und die Konkurrenz in solchen Firmen selten verzeihend. Dadurch verringert sich leider die Lebensqualität. Dies spürt dann vielleicht auch die Familie. Ich habe immer versucht, mein genuines Interesse für die Lagerstättenphysik vor den kapitalistischen Konsequenzen bei der Arbeit in einer Erdölfirma zu schützen. Wichtig für mich ist, dass ich Herausforderungen eher annehme: das Geleistete und Gelernte kann mir dann keiner mehr nehmen. Auch gehe ich meinen Interessen, gewachsen aus meinem Inneren in Kindheit und Jugend, jetzt noch im Erwachsenenalter nach, ohne Druck von außen zuzulassen. Das bringt mich näher an mich selbst und trägt bei mir zu einer standhafteren Identität bei. Ich glaube, ich bin vielleicht gut gesattelt durch das bereits Geleistete. Aber meine Familie bedeutet mir vieles mehr.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1069722_image" /></div> <BR /><BR /><b>Sie waren 5 Jahre in Kasachstan als Abteilungsleiter eines der größten Gaslagerstätten der Welt tätig. Wie war es da?</b><BR />Abram: Die Lagerstätte Karachaganak ist eine große Plattform mit Kalken und Dolomiten in 5 Kilometer Tiefe, die mit teuren, zum Teil horizontalen Bohrungen (15 Zentimeter Durchmesser) erschlossen wird. Die Herausforderungen liegen in der Tiefe, der Hitze, dem hochgiftigen korrodierenden Schwefelwasserstoff, den stark wechselnden Gesteinsqualitäten und der Notwendigkeit, Wasser zu injizieren, um das Gas und Öl zu den Produktionsbohrungen zu drücken. Das erfordert viele Diskussionen mit den JointVenture-Partnern bei Investitionsentscheidungen von hunderten Millionen. Aber man arbeitet auch mit Leuten mit anderen Vorstellungen: Auf meine Frage, wann wieder gewählt wird, meinte mein kasachischer Kollege ganz selbstverständlich: „Warum, der Präsident ist ja nicht gestorben?“<BR /><BR /><b>Kasachstan dürfte auch darüber hinaus eine Welt für sich sein, oder?</b><BR />Abram: Es gibt in der Arbeitswelt im westlichem Kasachstan im Vergleich zu guten westlichen Firmen eine auffallend limitierte Hilfsbereitschaft und leider einiges an, wie soll ich es sagen, an Intrigen. Dieses Verhalten wird sozial noch zu wenig geahndet. Bemerkenswert dazu ist, dass Kasachstan auf dem drittletzten Platz landet von 120 Ländern im Verhaltensforschungsexperiment zum Zurückbringen einer Geldtasche, die, gestellt, auf der Straße verloren gegangen ist. Kasachstan ändert sich aber auch in mehrerlei Hinsicht: zB während Großeltern und manche Eltern noch im Sinne einer Zugehörigkeit zu einem Volksstamm handeln (Wer bekommt den freien Arbeitsplatz? Wo wird eingekauft? Wer heiratet wen?), sind deren Kinder bereits digital global vernetzt. <BR /><BR /><b>Welchen Bezug pflegen Sie noch zu Südtirol?</b><BR />Abram: Ich habe meine Eltern und Freunde in Südtirol. Eine besondere Verbindung verspüren meine Frau und ich zu den Sarntaler Alpen, ich war da schon auf jedem Gipfel, teilweise öfters und auch bei jeglichem Wetter. Wir mögen aber unser Haus in Klagenfurt, die große Altstadt aus Frührenaissance bis Jugendstil, die Kalk- und Kristallin-Berge, die milden Sommer und schneereichen Winter. Die Menschen hier sind außerordentlich zugänglich, bodenständig und angenehm gemächlich.<BR /><BR /><b>Zur Person:</b><BR />Peter Abram, 49 Jahre, aufgewachsen in Bozen, seit 18 Jahren bei der Erdölfirma Shell, Diplom-Ingenieur für Erdöl/Erdgas (Montanuni Leoben), PhD (Jena) - beides mit Auszeichnung; Stationen in Nigeria, Indonesien, Russland, Kasachstan, EU-Länder, Kuwait. In Shell: von Ingenieur zu Prinzipal-Ingenieur und Abteilungsleiter; jetzt in Kuwait für Shell als Abteilungsleiter der Lagerstättenphysik des zweitgrößten Ölfelds und des größten Gasfeldes der Erde. Hobbys sind Sammlung von Gemälden, Hobbytischlern und mehrtägige hochalpine Wanderungen, er spricht 5 Sprachen, die Familie lebt in Klagenfurt (zwei Kinder 9 und 12).