Im Interview erklärt Patrick Psenner, Leiter der Sozialdienste der Bezirksgemeinschaft, wo der Druck besonders groß ist und welche Lösungen künftig nötig sein werden.<BR /><BR /><b>Wo ist der Druck derzeit am stärksten?</b><BR />Patrick Psenner: Der Druck ist in mehreren Bereichen hoch. Besonders in der Pflege und Betreuung von Senioren steigt der Bedarf kontinuierlich. Viele Personen würden eine durchgehende Betreuung benötigen, die der ambulante Betreuungsdienst nicht leisten kann. Gleichzeitig sind die Plätze in den Seniorenwohnheimen ausgeschöpft, sodass neue Lösungen gefunden werden müssen. Im Bereich Menschen mit Behinderung stellt vor allem das Wohnen eine große Herausforderung dar: Die Wartelisten für einen Wohnplatz sind sehr lang, sodass Betroffene oft zu spät mit einer autonomen Lebensführung beginnen können. Außerdem führen immer mehr Trennungen dazu, dass Familien verstärkt Begleitung und Unterstützung benötigen.<BR /><BR /><b>In welchem Bereich wird sich der Druck noch verstärken?</b><BR />Psenner: Vor allem bei den Senioren wird der Druck weiter steigen. Die demografische Entwicklung zeigt: Menschen werden älter und benötigen länger Unterstützung und Pflege. Ein wichtiger Ansatz ist Prävention: Ein aktiver Lebensstil kann dazu beitragen, Wohlbefinden und Selbstständigkeit länger zu erhalten und einen längeren Verbleib zuhause zu ermöglichen. Eine weitere Herausforderung bleibt die Integration – sowohl bei Menschen mit Behinderung als auch im Bereich Migration. Ziel muss es sein, allen Menschen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.<BR /><BR /><b>Gibt es Problemlagen, die in der Öffentlichkeit noch zu wenig wahrgenommen werden?</b><BR />Psenner: Häusliche Gewalt sowie Kinder- und Jugendschutz werden noch zu wenig gesehen. Hier braucht es mehr Sensibilisierung in der Gesellschaft.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1289235_image" /></div> <BR /><BR /><b>Die Ausgaben für finanzielle Sozialhilfe sind rückläufig. Was ist der Grund dafür?</b><BR />Psenner: Das Dekret, das die finanzielle Sozialhilfe regelt, ist mittlerweile in die Jahre gekommen und wird derzeit überarbeitet. Die Rahmenbedingungen führen dazu, dass immer weniger Menschen Anspruch auf finanzielle Leistungen der Sozialdienste haben. Die Einkommensschwellen sind seit Jahren unverändert, die Lebenshaltungskosten dagegen stark gestiegen. Wenn jemand seit zehn Jahren dasselbe Einkommen nicht überschreiten darf, die Preise aber um etwa 50 Prozent gestiegen sind, bedeutet das: Trotz Bedarf haben heute weniger Menschen Anspruch auf Unterstützung. Deshalb braucht es ein passgenaueres System.<BR /><BR /><b>Spielen steigende Wohn- und Lebenshaltungskosten mittlerweile eine größere Rolle bei sozialen Notlagen?</b><BR />Psenner: Ja. Besonders leistbarer Wohnraum ist im Pustertal ein großes Problem. Viele Menschen können sich trotz Arbeit eigenständig keine Wohnung leisten.<BR /><BR /><b>In welchem Bereich gibt es die größten Fortschritte?</b><BR />Psenner: Um die Integration zu stärken, werden derzeit vor allem ambulante Angebote wie Arbeitseingliederung oder Wohnbegleitung, ausgebaut. Ziel ist es, die Selbstständigkeit der Betroffenen zu fördern. Fortschritte gibt es auch im Bereich der Prävention: In vielen Bereichen wurden konkrete Maßnahmen umgesetzt. Um Menschen gut begleiten zu können, ist die Zusammenarbeit im Netzwerk wichtig – hier gab es in den vergangenen Jahren deutliche Fortschritte.<BR /><BR /><b>Ist Personalmangel ein Problem? </b><BR />Psenner: Personalmangel ist grundsätzlich ein Problem, vor allem in Bereichen, in denen viel Flexibilität gefragt ist. Soziale Berufe sind nach wie vor nicht besonders gut bezahlt, gleichzeitig aber sehr anspruchsvoll. Und immer mehr Menschen werden Betreuung und Unterstützung benötigen.<BR /><BR /><b>Was sind die Prioritäten für die nächsten Jahre?</b><BR />Psenner: Die wichtigste Ressource im sozialen Bereich ist das Personal. Es müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die den sozialen Bereich für neue Mitarbeitende attraktiv machen und das bestehende Personal langfristig binden. Gleichzeitig braucht es Angebote, die die Selbstständigkeit der Menschen fördern. Angesichts knapper Personalressourcen wird es noch wichtiger sein, auch auf Eigenverantwortung zu setzen. Nur gemeinsam lassen sich die sozialen Herausforderungen der Zukunft bewältigen.