Dienstag, 20. Dezember 2016

Polizei: „Vermutlich terroristischer Anschlag“

Nach der Todesfahrt eines Lkw auf einen Berliner Weihnachtsmarkt spricht die Polizei nun erstmals von dem Verdacht auf einen Terroranschlag. „Alle polizeilichen Maßnahmen zu dem vermutlich terroristischen Anschlag am Breitscheidplatz laufen mit Hochdruck und der nötigen Sorgfalt“, hat die Polizei am frühen Dienstagmorgen getwittert.

Nach der Todesfahrt eines Lkw auf einem Berliner Weihnachtsmarkt geht die Polizei von einem Anschlag aus.
Nach der Todesfahrt eines Lkw auf einem Berliner Weihnachtsmarkt geht die Polizei von einem Anschlag aus. - Foto: © APA/AFP

Zuvor hatte sie bereits mitgeteilt, dass der Laster mit polnischem Kennzeichen offenbar vorsätzlich in die Menschenmenge gesteuert wurde. Dabei wurden auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz, direkt am Kurfürstendamm und an der berühmten Gedächtniskirche, laut Polizei zwölf Menschen getötet und 49 weitere verletzt, einige von ihnen schwer.

Verdächtiger festgenommen

Einem Polizeisprecher zufolge wurde am Großen Stern kurze Zeit später ein Verdächtiger festgenommen. Es werde überprüft, ob es sich um den Fahrer handle. Der mutmaßliche Fahrer könnte Pakistaner oder Afghane sein, wie die Deutsche Presse-Agentur aus Sicherheitskreisen erfuhr. Er sei wohl im Februar als Flüchtling eingereist. Letzte Gewissheit gab es zunächst nicht, da der Mann unterschiedliche Namen verwendet habe. Der für den Staatsschutz zuständige Generalbundesanwalt in Karlsruhe übernahm die Ermittlungen.

Lkw könnte gestohlen worden sein

Unter den Toten befindet sich auch der Beifahrer des Lastwagens. Bei ihm handelt es sich der Polizei zufolge um einen Polen. Er habe den Wagen nicht gesteuert. Nach Aussage des polnischen Spediteurs Ariel Zurawski, dem der Lastwagen gehört, gab es seit 16 Uhr keinen Kontakt mehr zu dem Fahrer, seinem Cousin. Seither sei dieser nicht ans Telefon gegangen, sagte er dem Sender TVN 24. Der Lkw habe am Dienstag in Berlin entladen werden sollen. Er gehe davon aus, dass das Fahrzeug entwendet worden sei. Der Polizei zufolge befanden sich auf der Ladefläche Stahlträger. Es bestehe der Verdacht, dass der Lkw in Polen von einer Baustelle gestohlen worden sei.

Hundertschaften vor Ort

Feuerwehr, Krankenwagen und Polizei waren mit Hundertschaften vor Ort. Der traditionelle Weihnachtsmarkt, auf dem zahlreiche Holzbuden zerstört wurden, war mit einem Polizei-Band abgesperrt. Die Polizei rief die Bevölkerung auf, zu Hause zu bleiben und die Straßen frei zu halten. Der große schwarze Lastwagen mit polnischem Kennzeichen stand quer über der Budapester Straße vor der Gedächtniskirche. Neben ihm lag ein großer umgekippter Tannenbaum, daneben befanden sich Holzteile und abgerissener Weihnachtsschmuck.

Innenminister beraten am Vormittag

Der deutsche Innenminister Thomas de Maiziere sagte, alle könnten sich darauf verlassen, dass mit Hochdruck ermittelt werde. Die Innenminister von Bund und Ländern würden am Dienstagvormittag über die Lage beraten, kündigte de Maiziere an.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel steht nach Angaben ihres Sprechers Steffen Seibert mit de Maiziere und Bürgermeister Müller in Verbindung. „Wir trauern um die Toten und hoffen, dass den vielen Verletzten geholfen werden kann“, twitterte Seibert. Auch Bundespräsident Joachim Gauck zeigte sich erschüttert: „Das ist ein schlimmer Abend für Berlin und unser Land, der mich wie zahllose Menschen sehr bestürzt. Auch wenn wir noch nicht viel über die Hintergründe des schrecklichen Geschehens auf dem Berliner Weihnachtsmarkt wissen: Ich bin in Gedanken bei den Opfern, bei ihren Angehörigen, bei allen Menschen, die um Familienangehörige oder Freunde fürchten. Und ich danke den Helfern und Sicherheitskräften für ihren Einsatz.“

Bürgermeister Müller: "Berlin unter Schock"

Müller sagte, es sei „sehr bedrückend, ein Schock, weil wir immer gehofft haben, dass wir diese Situation in Berlin nicht haben werden“. Die Lage vor Ort sei aber unter Kontrolle. Auch die Polizei teilte am späten Abend mit, es gebe keine Hinweise auf weitere gefährdende Situationen in der City nahe dem Breitscheidplatz.

Das tragische Ereignis weckte Erinnerungen an den Anschlag mit einem Lkw am 14. Juli auf der Strandpromenade im französischen Nizza, bei dem mehr als 80 Menschen getötet und Hunderte verletzt wurden. Die Sicherheitsbehörden warnen seit langem, Deutschland stehe wie andere Staaten im Fadenkreuz des islamistischen Extremismus. Viele Weihnachtsmärkte in Deutschland stehen daher unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen. Sorge bereiten den Behörden gerade auch Einzeltäter, die sich im Stillen oder im Internet radikalisieren.

apa/dpa/afp/reuters

stol