Der Beschuldigte weist die Vorwürfe entschieden zurück und bezeichnet die Anschuldigungen der Staatsanwaltschaft als „absurd“. Nach Darstellung der Ermittler soll der damals 19-jährige Bekannte des Bruders die Wirtschaftsstudentin in dem Haus der Familie in Garlasco angegriffen haben. Die 26-jährige Poggi habe sich demnach gewehrt, sei schließlich bewusstlos geschlagen, in Richtung Kellertreppe gezogen und dort tödlich verletzt worden. Insgesamt gehen die Ermittler von zwölf Schlägen mit einer bislang nicht identifizierten Waffe aus, darunter die tödlichen Verletzungen am Fuß der Treppe. <BR /><BR />Die neue Rekonstruktion ist das Ergebnis umfangreicher Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Dabei wurden frühere Beweise mit modernen Methoden erneut ausgewertet, darunter alte Fotos, Spurenmaterial sowie Kommunikationsdaten. Die Ermittler sind somit zum Schluss gekommen, dass das rechtskräftige Urteil gegen den früheren Freund des Opfers, Alberto Stasi, ein Justizirrtum gewesen sein könnte. Stasi hat wegen des Mordes eine Haftstrafe von 16 Jahren verbüßt und beteuert seit jeher seine Unschuld. <BR /><BR />Sempio soll am Mittwoch (6. Mai) zu einer Vernehmung erscheinen. Ihm wird Mord unter erschwerenden Umständen vorgeworfen, darunter besondere Grausamkeit. Als mögliches Motiv nennen die Ermittler Hass infolge einer Zurückweisung von Chiara. Der 38-Jährige bestreitet jedoch die Tat und erklärte, er habe kaum Kontakt zu Poggi gehabt. Die Eltern des Opfers äußerten sich bisher nicht öffentlich. Ein Gutachter der Familie stellte jedoch die neuen Schlüsse der Ermittler infrage und verwies auf Widersprüche zur dokumentierten Spurenlage am Tatort. Mit der Veröffentlichung der Ermittlungsakten wird in Kürze gerechnet. Die Verteidigung von Stasi kündigte an, anschließend eine Wiederaufnahme des Verfahrens zu beantragen. <BR /><BR />Inzwischen nehmen die Staatanwälte auch einige Chats Sempios des Jahres 2010 unter die Lupe. Nach Darstellung der Ermittler sollen die Beiträge auf eine starke emotionale Fixierung auf eine junge Frau hindeuten. Die Staatsanwaltschaft prüft, ob sich diese Inhalte auf das Opfer Chiara Poggi beziehen und damit die These stützen könnten, Sempio habe nach einer Zurückweisung die Studentin aus Garlasco getötet. Im Mittelpunkt der Ermittlungen stehen einige Posts, die Andrea Sempio zugeschrieben werden und auf Ende des Jahres 2010 zurückgehen. <BR /><BR />Darin spricht er von einer regelrechten emotionale Besessenheit gegenüber einer jungen Frau, als er zwischen 18 und 20 Jahren alt war. Gerade in dieser Zeit war Sempio mit Chiaras Bruder eng befreundet. Die Verteidigung weist diese Interpretation zurück. Die Nachrichten hätten eine andere Person betroffen und stünden in keinem Zusammenhang mit der getöteten Chiara Poggi.