Freitag, 20. Mai 2016

Primar Brandstätter rät: Hände weg von fragwürdigen Notfall-Apps!

Heutzutage gibt es Smartphone-Apps für jede Lebenslage: Sie verraten Kochrezepte, erkennen Lieder und zeigen, wo man am günstigsten tanken kann. Und es gibt Notfall-Apps. Doch wie klug ist es, einer App sensible Daten anzuvertrauen? Und kann der Notarzt sie wirklich verwenden? „Nein“, betont Primar Manfred Brandstätter.

Notfall-Apps im Internet, vor allem kostenlose, sind mit Vorsicht zu genießen. Man weiß nie, wer im Hintergrund auf die eingespeicherten Daten zugreifen kann.
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Notfall-Apps im Internet, vor allem kostenlose, sind mit Vorsicht zu genießen. Man weiß nie, wer im Hintergrund auf die eingespeicherten Daten zugreifen kann. - Foto: © STOL

„ICE – im Notfall“. „ICE – Emergency Contact“. Das sind nur 2 der so genannten Notfall-Apps, die sich der Nutzer aufs Handy laden kann. Darin werden gesundheitliche Daten wie etwa die Blutgruppe oder eventuelle Allergien gespeichert, und auch Notfall-Kontakte können angegeben werden. „Eine lebensrettende App, die Sie einfach haben müssen“, so die Beschreibung. Aber stimmt das wirklich? Kann eine Anwendung fürs Smartphone Leben retten? Oder riskiert man lediglich, sensible Daten an Fremde weiterzugeben, die daraus einen Profit schlagen wollen?

Der Primar des Landesnotfalldienstes Manfred Brandstätter warnt: „Solche Apps haben stets einen kommerziellen Hintergrund. Es ist sehr gefährlich, sensible Daten wie jene der eigenen Gesundheit einfach so ins Netz zu stellen. Ich rate jedem davon ab.“ Klare Worte des Arztes, der seit 1993 Verantwortlicher der Landesnotrufzentrale ist.

Wissen über Blutgruppe oder Allergien im dringenden Notfall unrelevant

Zentraler Bestandteil besagter Apps ist die Möglichkeit, Gesundheitsdaten wie etwa die eigene Blutgruppe oder Allergien zu speichern und so den Rettungsmannschaften vermeintlich unter die Arme zu greifen. „Völliger Unsinn“, betont Brandstätter. „Die Blutgruppe ist im Notfall absolut uninteressant. Im dringenden Fall verwenden wir den Universalspender 0 Negativ.“

Da nützt es auch nicht, die eigene Blutgruppe gespeichert zu haben: „Im Notfall kann ich mich nicht auf fadenscheinige Informationen verlassen, die möglicherweise noch nicht einmal stimmen. Ich erhebe lieber meine eigene Anamnese, als auf Daten zu vertrauen, die in irgendeiner App gespeichert sind“, unterstreicht der Primar.

Reiner Mythos also, dass eine Notfall-App dieser Art Leben retten kann. Die Blutgruppe sei weitaus schneller ermittelt als überprüft, und auch auf Allergien kann nicht immer Rücksicht genommen werden. „Wenn wir lebensrettende Medikamente verabreichen müssen und ein Patient reagiert allergisch darauf, kann ich dementsprechend reagieren.“

Eine gute App hilft den Rettern, den Verletzten zu orten

Was braucht eine Notfall-App also, um wirklich sinnvoll zu sein? „Die Lokalisierung ist natürlich das wichtigste. Wenn wir den Patienten nicht finden, können wir ihm auch nicht helfen“, so Brandstätter.

Genau hier soll die neue App der Landesnotrufzentrale helfen, die voraussichtlich Ende des Jahres mit der Einführung der 112 als einheitliche Notrufnummer startet. Sie kann den Handybesitzer mittels GPS orten und sendet die Koordinaten direkt an die Zentrale.

„Wir speichern keine sensiblen Daten, nur den Standort und die Nummer. Vor allem aber weiß jeder, wer hinter der App steht“, so Brandstätter. 

Ein weiteres Feature der App, die von der Landesnotrufzentrale lanciert wird: Der Modus „Stumm SOS“. Dieses wurde für den Fall programmiert, wenn der Hilfesuchende aus welchen Gründen auch immer gerade nicht sprechen kann. „Wenn sich etwa Einbrecher in der Wohnung befinden, kann der App-Besitzer im „Stumm SOS“ die Polizei alarmieren. Diese erhält die Adresse und die Information, dass der Betroffene gerade nicht sprechen kann“, erklärt Primar Brandstätter.

Wenn die Privacy der App weicht: „Absolut absurdes Verhalten“

Um zu unterstreichen, wie unsinnig das Freigeben von sensiblen Daten wie etwa der persönlichen Krankengeschichte ist, erzählt Manfred Brandstätter aus dem Ärzte-Alltag: Die Mediziner haben demnach selbst im Krankenhaus keinerlei Zugriff auf die sensiblen Daten ihrer Patienten. Müssen sie dennoch darauf zugreifen, wartet ein komplexer Vorgang, bei dem genau angegeben werden muss, wer, wann und warum die Akten einsehen will. Selbstverständlich braucht man dazu zuerst das Einverständnis des Patienten.

„Und dann gibt es Menschen, die all ihre Gesundheitsdaten einfach so über eine App ins Netz stellen und die sogar bei gesperrtem Bildschirm aufrufbar sind. Das finde ich einfach absurd und würde es selbst nie tun. Man weiß nie, wofür diese Daten dann verwendet werden“, betont Brandstätter abschließend.

stol/liz

stol