<BR /><b> 27 Jahre Chefarzt. Wie schwer fällt das Loslassen? </b><BR />Dr. Herbert Heidegger: Wenn man gewohnt ist, täglich zur Arbeit zu gehen, wird mir anfangs sicher etwas fehlen. Aber ich fühle, dass die Zeit gekommen ist, mein Berufsleben im Krankenhaus zu beenden. Vor einem Jahr hätte ich mich noch nicht reif gefühlt zu gehen. Jetzt bin ich’s. Das passt für mich. Ich spüre eine große Dankbarkeit für ein erfülltes, glückliches und gelungenes Berufsleben.<BR /><BR /><b>Was werden Sie am meisten vermissen?</b><BR />Dr. Heidegger: Die Zusammenarbeit mit meinen Kollegen, schöne Gespräche mit Frauen, mit Patientinnen. Sie lassen mich im Moment viel Dankbarkeit spüren in Mails, Anrufen oder persönlichen Begegnungen. Das tut mir jetzt auch gut. Es schwingt Zufriedenheit mit, mit dem was man geleistet hat. <BR /><BR /><b>Was freute Sie, wenn Sie täglich das Krankenhaus betreten haben und was nervte Sie?</b><BR />Dr. Heidegger: Ich bin jeden Tag gerne zur Arbeit gekommen – in einem schönen Krankenhaus mit einem tollen Team. Als Arzt bekommt man viel Dank, das tut einem gut. Menschen, die von Herzen dankbar sind, sind heute eher selten geworden. Nerven tut, dass so viel Negatives über das Gesundheitswesen erzählt wird. Es ist viel besser als nach außen hin dargestellt wird. Ich erlebe im Alltag, dass viele Menschen dies auch so sehen. Es wird vielen Menschen sehr geholfen und beigestanden.<BR /><BR /><b>Wo hat unser Gesundheitswesen die größte Schlagseite?</b><BR />Dr. Heidegger: Wir brauchen dringend ein funktionierendes EDV-Programm. Die Bürokratie ist häufig sehr hemmend in unserem Alltag. Bei einem Besuch meines früheren Chefs Prof. von Hugo meinte dieser: ,Ihr habt in Südtirol tolle Hardware‘, also schöne Krankenhäuser, ,ihr müsst mehr an der Software arbeiten‘, und er meinte das Personal. Das sagte er 1997 und das gilt noch immer.<BR /><BR /><b>Was gehört sofort geändert?</b><BR />Dr. Heidegger: Wir müssen an einer Kultur des Zuhörens arbeiten. Wir sollten Sorgen und Anregungen der Mitarbeiter ernster nehmen. Die Wartezeiten sind ein leidiges Thema, das ist auch ein Problem der Krankenhauszentriertheit unseres Systems. Viele Leistungen wie Vorsorgeuntersuchungen gehören nicht ins Spital. Eine Art Kassenarztsystem wie in Deutschland könnte eine Lösung sein, der Patient geht zum niedergelassenen Arzt, Krankenhäuser sind entlastet und können sich zentralen Aufgaben wie Operationen, Geburtshilfe, komplexen Krankheiten widmen. Der Personalmangel ist eines der großen Probleme im ärztlichen Bereich – nicht nur bei uns. In Vorarlberg arbeiten Ärzte gerne in der Schweiz. Um sie zu halten, wird Wohnraum bereitgestellt, die Bezahlung optimiert, neue Arbeitszeitmodelle angedacht. Wir müssen flexibler werden, um Mitarbeiter zu halten und andere herzuholen. <BR /><BR /><b>Gibt es etwas, was das Meraner Spital anders und besser macht als alle anderen 6?</b><BR />Dr. Heidegger: Wir machen vielleicht nichts besser, aber vieles sehr gut. Es gibt viele gesuchte Abteilungen, 30 Prozent der Patienten kommen von außerhalb unseres Einzugsgebiets. Wir bieten gute medizinische Qualität, gute Hotelqualität und Bezirksdirektorin Irene Pechlaner ist immer um gute Neubesetzungen bemüht. Wir haben ein gut funktionierendes Spital mit einem guten Gesundheitsangebot. Darauf sollte man stolz sein.<BR /><BR /><b>Ein umtriebiger Primar Heidegger, der jetzt die Hände in den Schoß legt, unvorstellbar. Wie geht’s jetzt weiter?</b><BR />Dr. Heidegger: Ich sehe es so: Man geht nicht nur weg von einem Ort, sondern man geht auch im Leben irgendwo hin. Ich werde ,a bissl‘ im St. Josef arbeiten, um gynäkologisch tätig zu sein, und beim Landesethikkomitee weitermachen. Zeit haben für Neues – und endlich mehr Zeit für Familie, Enkelkinder und Hobbys. Sicher werde ich mehr Sport treiben, mehr auf die Gesundheit achten, die war schon hintan gestellt. Und Zeit für Kulturelles: Ich liebe Musik. <BR /><BR /><b>Also keine Sorge, dass nur das Altwerden wartet?</b><BR />Dr. Heidegger: Es bedeutet jedenfalls nicht Stillstand, Ende, nur noch Erinnerung und keine Zukunft. Es bedeutet neuer, jedoch letzter Lebensabschnitt. Ich habe viel Vertrauen in die Zukunft und in die Menschen um mich.<BR /><BR /><b>Wie viele Stunden hatte ein normaler Arbeitstag?</b><BR />Dr. Heidegger: Um 7 Uhr in der Früh war ich im Krankenhaus. 11, 12 Stunden täglich, das war mein Arbeitstag. Ich war schon sehr präsent in der Abteilung. Das gehört sich auch für jemanden, der Verantwortung trägt.<BR /><BR /><b>Was sagte Ihre Frau dazu?</b><BR />Dr. Heidegger: Meine Frau als Ärztin hat mich immer unterstützt. Sie war es eigentlich so seit jeher gewohnt und hatte immer viel Verständnis. Dafür bin ich ihr auch dankbar.<BR /><BR /><b>Mit Ihnen wurden die Brust-OPs von der Abteilung Chirurgie „heimgeholt“ in ihre Abteilung.</b><BR />Dr. Heidegger: Im deutschsprachigen Raum wird der Brustkrebs hauptsächlich vom Gynäkologen operiert, in Italien noch häufiger von Chirurgen. Als ich die Abteilung in Meran übernehmen sollte, habe ich dies nur unter dieser Voraussetzung akzeptiert. Denn es geht nicht nur um die Brustoperation. Das Thema Brustgesundheit ist ein wichtiges Thema der Frauengesundheit und begleitet einen Frauenarzt ein Leben lang. Es geht auch um Früherkennung, Nachsorge, Therapien usw., also um eine Rundumversorgung.<BR /><BR /><b>Sie machten die Abteilung zum ersten zertifizierten Brustgesundheitszentrum im Land. Warum war das nötig?</b><BR />Dr. Heidegger: Die EU hat 2003 festgestellt, dass zu viele Frauen an Brustkrebs sterben. Sie hat die Staaten aufgefordert, Brustgesundheitszentren zu errichten, um die Sterblichkeit um 25 Prozent zu reduzieren. In Italien bekommt alle 15 Minuten eine Frau die Diagnose Brustkrebs. 2005 habe ich mich mit meinem Kollegen Dr. Arthur Scherer auf den Weg gemacht, ein Brustgesundheitszentrum zu gründen. 2006 haben wir die Zertifizierung der deutschen Krebsgesellschaft geschafft als erstes zertifiziertes Zentrum in Südtirol. Eine Zeit mit viel Arbeit und Anstrengung.<BR /><BR /><b>Die Vorteile?</b><BR />Dr. Heidegger: Es ist ein sogenanntes Organzentrum, wo sich viele Fachdisziplinen mit dem Thema Brustkrebs beschäftigen. Damit erreicht man eine hohe Qualität der Versorgung. Wir können heute viele Frauen heilen. Die 5-Jahres-Überlebensrate bei Brustkrebs liegt bei rund 90 Prozent. In der Onkologie setzt man auf Organzentren und wir waren die ersten, die so ein Organzentrum gegründet haben. In den letzten 20 Jahren ist dank der Brustgesundheitszentren die Sterblichkeit an Brustkrebs um 50 Prozent zurückgegangen. <BR /><BR /><b> Was hätten Sie noch gerne erledigt?</b><BR />Dr. Heidegger: Ich hätte noch gerne die Früherkennung optimiert. Es erkranken immer mehr junge Frauen an Brustkrebs. Das heißt, wir müssen das Mammografie-Screening nach unten und oben ausweiten. Auch das wurde inzwischen von der EU angemahnt. Und wir sollten eine bessere Anbindung an universitäre Medizin erreichen. Wir haben eine gute Zusammenarbeit mit Prof. Christian Marth in Innsbruck. Eine universitäre Anbindung sei es im Ausland sei es in Italien ist oft zum Wohl der Patientinnen.<BR /><BR /><b> Gibt es ein Schicksal einer Patientin, das Sie besonders bewegt hat?</b><BR />Dr. Heidegger: Wenn eine junge Frau an Brustkrebs stirbt, ist das für mich immer noch sehr belastend. Eine sehr dramatische und traurige Situation ist auch, wenn man einer Mutter ein totes Kind in den Arm legen muss. Das zerreißt einem das Herz. Daran gewöhnt man sich nie. <BR /><BR /><b> Weil es brandaktuell ist: Warum ist derzeit das Thema Abtreibung so umkämpft?</b><BR />Dr. Heidegger: Das Abtreibungsgesetz in Italien gibt es seit 1978. Seitdem ist die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche zurückgegangen. Von 7,1 je 1000 gebärfähigen Frauen 1980 auf 4,7 Abtreibungen jetzt. Diese Zahlen sind im internationalen Vergleich niedrig. Das Gesetz ist gut. Trotz wiederholter Polemik: Wir haben genügend Ärzte, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Es gibt keine Wartezeiten, keine Frau muss ins Ausland. Zum politischen Hintergrund: Rechte Parteien versuchen das Selbstbestimmungsrecht von Frauen zu beschneiden. Der Schwangerschaftsabbruch ist seit jeher ein wichtiges Thema, um ins Leben einer Frau einzugreifen. <BR /><BR /><b>Zurück zu Ihnen: Sie beten regelmäßig. Ist Wissenschaft nicht alles?</b><BR />Dr. Heidegger: Ich bin ein gläubiger Mensch. Aber es geht da für mich nicht nur um eine spezielle Glaubenserfahrung, es geht um eine Spiritualität als Ausrichtung auf eine Sinnsuche. Das ist auch ein wichtiges Thema in der Medizin. Die moderne Medizin ist gekennzeichnet von Versprechungen des Machbaren. Man reagiert mit Aktionismus, da wird Krankheit manchmal als Störfall gesehen. Und wenn ich mir die Sinnfrage stelle, dann sollte ich dazu kommen, die Erfahrung des Krankseins ins eigene Leben zu integrieren. Unsere Aufgabe ist es, den Menschen Hilfestellung zu geben, ein verstehendes Gegenüber zu sein und sie zu unterstützen. Und zum viel gehörten Sager: ,Hauptsache g‘ sund‘ frage ich zurück: „Und wenn wir nicht gesund sind, haben wir die Hauptsache im Leben verpasst?“<BR /><BR /><b>Warum will Mann, warum wollten Sie Gynäkologe werden?</b><BR />Dr. Heidegger: Wie ich angefangen habe, war der Großteil der Gynäkologen Männer. In der Zwischenzeit hat die Feminisierung besonders in der Gynäkologie stark zugenommen: 80 Prozent der Azubis sind Frauen. Trotzdem finde ich es gut, wenn Männer dieses Fach wählen. Bei mir war es so, dass ich mich für Pädiatrie und Gynäkologie interessiert habe. Letzten Endes sind es die Vorbilder, die einen in die eine oder andere Richtung lenken. Die Gynäkologie ist ein tolles Fachgebiet mit einem breiten Spektrum. Man sagt ja immer, wir begleiten eine Frau von der Geburt bis zum Grab.<BR /><BR /><b>Nachvollziehbar, dass viele Frauen lieber zu einer Gynäkologin gehen?</b><BR />Dr. Heidegger: Ich bin mir da nicht so sicher, ob das wirklich so ist. Neben der Professionalität spielen Zuwendung, Empathie, Fürsorge und Vertrauen die größte Rolle. Diese Eigenschaften kann ein Mann genauso mitbringen wie eine Frau. Deshalb muss man sich nicht wie ein Kaktus in der Wüste fühlen.<BR /><BR /><b>Ihre Frau ist Ärztin, Ihre beiden Töchter sind Ärztinnen. Muss man im positiven Sinn ein „Frauenversteher“ sein, um ein guter Frauenarzt zu sein?</b><BR />Dr. Heidegger: Man(n) muss zunächst das Handwerk beherrschen. Die Frau mit ihren Problemen und Sorgen in den Mittelpunkt stellen, ihr das Gefühl geben, dass man sich um sie kümmert. Das ist die ärztliche Aufgabe der Fürsorge, das schafft Vertrauen. Das ist die Basis, das habe ich ein Berufsleben lang versucht.<BR /><BR /><b> Nur Frauen in der Familie: Hat Sie das geprägt?</b><BR />Dr. Heidegger: Sicher, allerdings habe ich keine Erfahrung mit Söhnen. Unlängst kam mir ein Buch in die Hand, in dem beschrieben wurde, wie sehr Väter Einfluss auf Töchter hätten. Ich glaube, eine gute Vater-Tochter-Beziehung ist für das weitere Leben sehr prägend. Aber Töchter sind für den Vater auch ein gutes Korrektiv…<BR /><BR /><b>Arztkittel fast am Nagel: Was ändert sich privat. Dürfen sich die 3 kleinen Enkelsöhne freuen, dass Opi mehr Zeit hat? </b><BR />Dr. Heidegger: Ja, natürlich, mehr Zeit zum Vorlesen, Ausflüge zu machen oder einfach nur am Boden mit ihnen zu raufen. Das tun sie am liebsten. Und ich entdecke mit und dank ihnen Sagen und Märchen neu. Ich denke oft in Generationen. Wir haben große Verantwortung für das Leben dieser kleinen Menschen. Sie gestalten unsere Zukunft.<BR /><BR /><b>Bleibt ein Sterzinger, den es ins warme Burggrafenamt verschlagen hat, ein Winterfreund oder lieben Sie die angenehmeren Temperaturen?</b><BR />Dr. Heidegger: Die Meraner Gegend ist eine wunderbare Gegend. Aber meiner Heimatstadt Sterzing fühle ich mich besonders verbunden, eine kleine Stadt mit viel Flair, netten Menschen, dort begegneten sich immer schon Norden und Süden. Sterzing ist eine sehr lebendige Stadt. Und meine Mutter mit ihren 98 Jahren, die mich sehr begleitet hat, lebt dort.