In Hinblick auf Omikron befürchtet er eine hohe Belastung der Covid-Normalstationen. „Wir müssen jetzt auch an die Kräfte aller unserer Mitarbeiter denken, die k.o. sind“, so Primar Bock im Interview mit s+.<BR /><BR /><BR /><b>Herr Primar Bock, fast 1600 Neuinfektionen pro Tag. Worauf müssen Sie sich gefasst machen und worauf wir als potenzielle Patienten?</b><BR />Dr. Matthias Bock: Diese immense Anzahl an Infektionen macht uns große Sorgen. Wir können noch nicht abschätzen, was auf uns zukommt. Es wird mit Sicherheit zu einer großen Belastung der Covid-Normalstationen kommen, wahrscheinlich werden auch die Intensivstationen vermehrt belastet werden.<BR /><BR /><b>Sorge, dass Sie wie Ihre Kollegen auf Sizilien irgendwann aussuchen müssen, wer einen Platz auf der Intensiv bekommt?</b><BR />Dr. Bock: Sorge vor einer Triage habe ich derzeit nicht. Viel mehr machen mir jene Patienten Sorgen, die nicht unter Covid leiden, aber trotzdem versorgt werden müssen. Sie müssen bedenken, dass seit 22 Monaten für diese Patienten weniger Kapazität zur Verfügung steht. <BR /><BR /><b>Jüngst gab es italienweit einen Aufschrei der Anästhesisten, weil sich No-Vax-Patienten zunehmend Therapien verweigern. Hatten Sie auch mit solchen Patienten zu kämpfen?</b><BR />Dr. Bock: Den Fall des 50-Jährigen aus Trient, der gestorben ist, weil er die Therapie verweigert hat, habe ich natürlich mitbekommen. Auch wir mussten schon Patienten von der Sinnhaftigkeit der Therapie überzeugen. Wir müssen vermehrt die Vorteile der Therapien im Krankenhaus den Patienten ausführlich erklären. Und es gibt zusehends kritische Fragen zur Intensivtherapie. Andererseits müssen wir auch Überzeugungsarbeit leisten, wenn eine Intubation nicht sinnvoll ist. Weil es Patienten gibt, die von einer nicht invasiven Beatmung – darunter versteht man eine Beatmung ohne Intubation – profitieren. Das wird im Einzelfall entschieden.<BR /><BR /><b>Sie hatten jüngst einen Patienten auf der Intensivstation, der keine 30 Jahre alt war und von dem es geheißen hat, dass er geimpft sei. Wie kann es sein, dass ein junger Mensch auf der Intensivstation landet?</b><BR />Dr. Bock: Wie Sie wissen, gab es auch die junge schwangere Patientin, die einen schweren Verlauf hatte. Covid macht auch vor jungen Patienten nicht halt.<BR /><BR /><b>Müssen da Vorerkrankungen vorhanden sein, dass es junge Leute schwer erwischt?</b><BR />Dr. Bock: Nein. Das ist eine Sache der Wahrscheinlichkeit. Wenn wir sehr viele Infizierte haben, wie jetzt in der Omikron-Welle, ist es wahrscheinlich, dass auch schwere Verläufe bei jungen Patienten auftauchen; auch wenn diese Virusvariante weniger schwere Verläufe verursacht. Junge Patienten mit Vorerkrankungen wie beispielsweise Tumor- und Lungenerkrankungen und starkes Übergewicht haben ein höheres Risiko, schwer zu erkranken.<BR /><BR /><b>Aber jung und geimpft, ist man da nicht aus dem Schneider?</b><BR />Dr. Bock: Man muss wissen, dass der volle Impfschutz bei mRNA-Impfstoffen erst einige Tage nach der Gabe der 2. Dosis auftritt. Man hat also wenige Tage nach der ersten Dosis nur einen teilweisen Schutz.<BR /><BR /><b>Während Jüngere eher die Ausnahme sind unter den Intensivpatienten, müssen Sie sich um viele ältere Patienten kümmern. Was ist da schiefgelaufen?</b><BR />Dr. Bock: Schiefgelaufen ist, dass diese Patienten fast alle nicht geimpft sind. Im Normalfall sind unsere Patenten nicht geimpft, die Geimpften sind die Ausnahme. Und genau hier liegt das Problem: Es gibt Krebspatienten, die sogar geboostert sind, aber wegen ihrer Krebstherapie keine Antikörper produzieren können. <BR /><BR /><b>Heißt das, dass Ungeimpfte eine Lebensgefahr für diese Menschen darstellen?</b><BR />Dr. Bock: Ja, aber auch Geimpfte, die die Hygieneregeln nicht einhalten. Wir alle können in zweierlei Hinsicht unseren Mitmenschen helfen – besonders denen ohne Schutz –, indem wir uns impfen lassen und indem wir alle die Hygieneregeln Abstand, Maske usw. einhalten.<BR /><BR /><b>Nicht ,stuff„, noch immer betonen zu müssen, dass Impfen wichtig und sinnvoll ist?</b><BR />Dr. Bock: Das ist eine gute Frage: Steter Tropfen höhlt den Stein. Wir verstehe auch nicht, warum Impfen immer noch so in Frage gestellt wird. Denn Impfen ist auch das Übernehmen von Verantwortung gegenüber den Schwachen und ein Akt der Solidarität.<BR /><BR /><b>Merken Sie auf Ihrer Intensivstation, dass die Burggräfler zu den Impfmuffeln zählen?</b><BR />Dr. Bock: Es gibt schon Phasen, in denen unsere Patienten vorwiegend aus dem Burggrafenamt kommen.<BR /><BR /><b>Im März 2020 wurde am Meraner Spital die erste Covid-Intensivstation eingerichtet. Was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?</b><BR />Dr. Bock: Dr. Simon Rauch und ich haben eine wissenschaftliche Arbeit darüber verfasst, wie wir die Krise gemeistert haben und den Ängsten und Sorgen der Mitarbeiter begegnet sind. Mir ist die Sorge um die Mitarbeiter geblieben und vor allem der Dank für den unermüdlichen Einsatz, den alle erbracht haben. Wenn ich an die Anstrengungen denke, die alle Mitarbeiter – auch die, die für Reinigung und den Nachschub zuständig sind – erbracht haben, dann habe ich kein Verständnis für Patienten, die die Existenz der Erkrankung in Frage stellen.<BR /><b><BR />Selbst erlebt?</b><BR />Dr. Bock: Ja, leider. <BR /><BR /><b>Was hat sich in den 22 Monaten Covid in der Therapie geändert?</b><BR />Dr. Bock: Wir konnten in Meran innovative Therapien einführen, die vor 2 Jahren in Südtirol noch undenkbar waren. Das wird in der Zukunft auch anderen Patienten zugutekommen. Anästhesie und Intensivmedizin haben durch Covid einen Innovationschub bekommen. Wir müssen jetzt aber vor allem an die Kräfte aller unserer Mitarbeiter denken, die k.o. sind, um diese Innovation später für alle anwenden zu können.<BR /><BR /><b>Hand aufs Herz, möchten Sie nach 22 Monaten Ausnahmezustand nicht am liebsten das Handtuch werfen?</b><BR /> Dr. Bock: Ja, aber ich sehe die Verantwortung gegenüber allen Mitarbeitern, die ihr Bestes geben. Dafür danke ich ihnen sehr.