Die Südtiroler mögen vieles nicht. Das „unbeliebteste Ding“ bei den Bürgern ist laut Gewerkschafterin <b>Cristina Masera</b> aber die Gästekarte. Dass die Betriebe für sie sehr wohl für die Benutzung der Öffis zahlen, ist längst nicht mehr vermittelbar. Das geben selbst die Touristiker zu. Was beim Bürger hängen blieb, ist, dass „die Touris gratis fahren, während wir blechen.“<BR /><BR /><embed id="dtext86-67469767_quote" /><BR /><BR />Die Polemik um die Gästekarte ist nun ein Aspekt der schwindenden Akzeptanz des Tourismus beim Bürger. Alle sind einverstanden, dass dieser Wohlstand gebracht, Abwanderung aus der Peripherie verhindert hat und 40.000 Menschen einen Job bietet. Mit dem Bettenstopp wurde eine Obergrenze für den Tourismus eingeführt. Aber: „Der Bettenstopp hat das Wachstum nur verzögert und kann nicht alles gewesen sein“, sagte <b>Harald Pechlaner</b> (Eurac). <h3> Zahl an Betten trotz Bettenstopp angestiegen</h3>Zudem ist die Zahl der Betten weiter angestiegen. Zählte Südtirol bei dessen Einführung vor 2 Jahren 229.000 Betten, so sind es jetzt 254.000. Grund sind u. a. 20.000 (legale) Nachmeldungen. „Aber auch 7000 Vorschussbetten, die – Bozen ausgenommen – weiterhin auch an Kurzzeitvermieter vergeben werden können, sowie Ausnahmen vom Bettenstopp wie z. B. für Urlaub am Bauernhof“, sagte <b>Thomas Benedikter</b>.<BR /><BR /><embed id="dtext86-67471881_quote" /><BR /><BR />Allemal spricht die Opposition von einer „entgleisten Situation mit schwindender Tourismusakzeptanz“. Dabei sei zu differenzieren. „Es gibt absolut förderungswürdige Familienbetriebe, die auf Nachhaltigkeit und lokale Produkte setzen“, so <b>Brigitte Foppa</b> (Grüne). Aber: Manche Entwicklungen wie die Explosion bei der Kurzzeitvermietung über digitale Plattformen habe die „Politik verschlafen und jetzt sind die Konflikte da.“<h3> „So geht es nicht weiter“</h3>Für <b>Paul Köllensperger </b>(Team K) kann es ein „Weiter so“ nicht geben. „Wir kommen um eine Kontingentierung von touristischen Hotspots wie zum Beispiel die Seceda nicht umhin.“ Es brauche zudem eine bessere Politik für Industrie und Dienstleistung, damit „wir uns über diese Sektoren unser Welfare finanzieren“, meint Köllensperger.<BR /><BR /><embed id="dtext86-67471886_quote" /><BR /><BR />„Die Grenzen des Wachstums sind mengenmäßig erreicht“, bestätigte Ex-Tourismuslandesrat <b>Arnold Schuler</b>. Die Herausforderung bestehe nun darin, Wertschöpfung der Tourismusbetriebe ohne weitere Zunahme an Gästen zu steigern. Der Weg führe über die Zertifizierung von Nachhaltigkeit und Gemeinwohl. „Vor allem aber müssen wir Südtirols Ruf als Land der Familienbetriebe und die Sympathie für Südtiroler Produkte mehr nutzen“, sagt Schuler. <BR /><BR />Polemiken flackern auf, wie vor Jahren jene zu den Pflanzenschutzmitteln. Lasse der Druck der Öffentlichkeit nach, so schwinde aber auch der Ansporn zu Veränderung. „Ich hoffe nicht, dass es im Tourismus so endet.“ Er wolle keinesfalls gegen Luis Walcher nachtreten. „Die positive Dynamik hat schon im letzten Jahr meiner Amtszeit nachgelassen“, so Schuler.<h3> HGV: „Der Gesetzgeber ist zu träge“</h3>„Wir brauchen nicht mehr Gäste, aber eine bessere Auslastung“, sagte Tourismuslandesrat Luis Walcher. Vom HGV kommt hingegen der Vorwurf an die Politik, „zu träge“ bei der Begrenzung der Kurzzeitvermietung zu sein. Man dürfe im allgemeinen Tourismus-Prügel nicht alles und alle über einen Kamm scheren.<BR /><BR /><embed id="dtext86-67471941_quote" /><BR /><Fett><BR />Luis Walcher</Fett> war am Morgen kurz bei der Anhörung. „36 Mio. Nächtigungen sind hoch und alle sind bemüht, diese Zahl zu halten“, sagte er. Noch mehr Gäste brauche es nicht, sehr wohl aber eine bessere Auslastung über eine höhere Aufenthaltsdauer, damit die Betriebe ihre Wertschöpfung steigern. An einer Begrenzung von Hotspots nach dem Modell Prags arbeite man. Kurzzeitvermieter müssen mehr GIS zahlen. Eintragung in die Handelskammer werde Pflicht, dann falle die vorteilhafte Einheitssteuer von 20 Prozent weg.<h3> 20.000 Wohnungen stehen Touristen zum Mieten bereit</h3>Für HGV-Direktor Raffael Mooswalder ist der Gesetzgeber beim Reglementieren der Kurzzeitvermietung „zu träge“. Dem HGV sei bewusst, dass Tourismus nur im Einklang mit der Bevölkerung erfolgen kann. Während die Zahl der Hotels in 20 Jahren aber um 11 Prozent gesunken sei, habe der nicht gewerbliche Bereich um 38 Prozent zugenommen. 20.000 Wohnungen werden touristisch vermietet. Damit steigen Mieten. Der HGV, so <Fett>Raffael Mooswalder</Fett>, habe schon vor 10 Jahren auf das Problem hingewiesen, wurde aber vertröstet. Enorm zugenommen – und zwar um 166 Prozent bei den Nächtigungen – habe auch UaB.<BR /><BR /><embed id="dtext86-67471946_quote" /><BR /><BR />„Tourismus ist nicht gleich Tourismus“, so Mooswalder. Es sollte genau hingeschaut werden, wer Belastung verursacht. Unerlässlich sind für den HGV strenge Kontrollen, damit keine konventionierten Wohnungen und keine Wohnungen ohne CIN-Kodex touristisch vermietet werden. Kurzzeitvermietung sollte zudem nur mehr in Wohnungen erfolgen dürfen, die sich im Eigentum des Vermieters befinden. Damit schließe man jene Wohnungen aus, die heute über Agenturen verwaltet werden. <BR /><BR />Abschließend forderte Mooswalder, dass aufgelassene Hotels in Arbeiter-Unterkünfte umgewandelt werden können.<h3> Die Stimmen der Experten</h3><embed id="dtext86-67471981_quote" /><BR /><BR />Der Tourismus sei oft nur die Lunte, an der sich Proteste entzünden. „Das eigentliche Problem wie Wohnungsnot bestand schon zuvor“, sagte <Fett>Harald Pechlaner</Fett> (Eurac). Kein anderes Land habe mit dem Bettenstopp „Gelüste einer Branche“ begrenzt. Dies reiche aber nicht. „Nachhaltigkeit ist nichts anderes als die Frage, wie wir morgen leben möchten“. Der Weg zu gemeinsamer Prosperität sei bei Gemeindeentwicklungsplänen fortzusetzen. Nachhaltigkeit der Betriebe sei zu zertifizieren. „Wasserverbrauch wird ein großes Thema der Zukunft“. Die Wertschöpfung pro Bett müsse steigen. „Es geht in Richtung Ganzjahrestourismus, weil sich Sommer- und Wintersaison aus Klimagründen ändern.“<BR /><BR /><embed id="dtext86-67471986_quote" /><BR /><BR />„Jeder Gast im Bus ist einer weniger im Auto“, brach STA-Chef <Fett>Joachim Dejaco</Fett> eine Lanze für die Gästekarte. Diese bleibt, auch wenn der kostenlose Zutritt zu Museen wegfallen wird. Es stimme nicht, dass Gäste gratis mit den Öffis fahren. Bis auf Sulden und die Seiser Alm seien alle Tourismusorganisationen bei der Gästekarte dabei. Gezahlt werden heuer 60 Cent pro Nächtigung, aus denen 70 Cent 2025 und 80 Cent 2026 werden. 2023 spülte die Gästekarte 10 Mio. Euro in die Kassen des Landes, heuer 18,46 und 2026 rechnet man mit 23,7 Mio. Euro. Weil nur 16 Prozent der Gäste ihre Karte tatsächlich nutzen, koste eine Fahrt der Gäste 2 Euro. Einheimische mit Südtirol-Pass zahlen pro Fahrt 1,1 Euro.<BR /><BR /><embed id="dtext86-67472011_quote" /> <BR /><BR />„Südtirols Massentourismus ist alles andere als nachhaltig“, sagte <Fett>Thomas Benedikter</Fett> (Uni Bozen). „8,4 Millionen Ankünfte, die Gäste reisen zu 85 Prozent mit dem Auto an, ergeben 7 Mrd. Kilometer und 360.000 CO2-Ausstoß.“ Ein Viertel des Südtiroler Verkehrs sei zudem „touristischer Freizeitverkehr“ mit weiteren 100.000 Tonnen CO₂-Belastung. Es sei auch nicht nachhaltig, dass die Immobilien- und Mietpreise aufgrund touristischer Nachfrage so hoch seien. Im Tourismus sei der Durchschnittslohn nieder, der Flächen- und Energieverbrauch hoch. „Ein Gast benötigt 448 Liter Wasser am Tag, Einheimische die Hälfte.“ Benedikter forderte einen Stopp der Tourismuswerbung und zumindest Fahrverbote auf den Pässen.<BR /><BR /><embed id="dtext86-67472016_quote" /><BR /><BR />Südtirol steht ständig im Stau – nicht nur, aber auch wegen der vielen Touristen, die jedes Jahr unser Land besuchen. Die IDM wird deshalb im nächsten Jahr in den Kernmärkten ihre Mittel besonders in die nachhaltige Mobilität investieren. „Wir wollen die Menschen in den Zug bringen“, sagte Marketing-Direktor <Fett>Wolfgang Töchterle</Fett> gestern bei der Anhörung im Landtag. Anstelle von Gästen aus dem asiatischen Raum, die zu „70 Prozent nur Fotos von touristischen Hotspots“ knipsen wollen, werbe man um Feriengäste aus Europa, die zum einen länger bleiben und sich zum anderen für Kultur und Südtiroler Lebensart interessieren. <BR /><BR /><embed id="dtext86-67472051_quote" /><BR /><BR />10 Mal 2 Seiten der Medaille servierte Historiker <Fett>Hans Heiss</Fett>. Der Tourismus habe Südtirols Ruf gestärkt, Selbstbewusstsein geschaffen. „Doch mündet übertriebenes Selbstbewusstsein in Arroganz und verhindert Lernfähigkeit “, so Heiss. 40.000 Jobs im Gastgewerbe seien Puffer gegen Arbeitslosigkeit, doch komme ein Drittel der Mitarbeiter aus anderen Ländern. Tourismus habe Natur erlebbar gemacht, doch verkomme Landschaft zum „Shop für Selfies“. Beim UaB sei Südtirol Vorbild. „Er ist aber auch Schlupfloch für üppige Einnahmen fernab vieler Auflagen“. Der Tourismus habe den Wert von Flächen und Immobilien gesteigert. „Heute sind sie für viele unerschwinglich.“<BR /><BR /><embed id="dtext86-67472056_quote" /><BR /><BR />Von Auswüchsen wie in Venedig ist Südtirol selbst laut Oppositionsführer Paul Köllensperger entfernt. 1000 Venezianer verlassen laut Journalistin <Fett>Petra Reski </Fett>jedes Jahr die Stadt, weil es keine Wohnungen und außer im Tourismus kaum Jobs gibt. „Sogar das Spital wurde verkleinert“, so Reski. 48.000 Einwohnern stehen 50.000 Gästebetten, die Hälfte davon in Ferienwohnungen, gegenüber. 75 Prozent der Gastgeber leben nicht in Venedig. Interessant für Südtirol und seine Hotspots: Das Eintrittsgeld in die Lagunenstadt von 5 Euro hat laut Reski „nichts gebracht“ außer Unsicherheit, was mit den Daten passiert. Es gebe kein Tageslimit und Ansässige im Veneto, die 70 Prozent der Tagestouristen ausmachen, seien befreit.