<b>STOL: Welche neuen Wege beschreitet denn die Medizin?</b><BR />Prof. Dr. Lucio Lucchin: Lange Zeit wurde angenommen, dass jede Erkrankung eine – einzige – Ursache hat. Doch die lässt sich nicht immer ermitteln, weil es, davon ist die Wissenschaft mittlerweile überzeugt, oft eben nicht diese eine Ursache gibt. Krankheiten werden heute als komplexe Phänomene verstanden, die vielfache Ursachen haben können. Dieser reduktionistische Ansatz verändert Prävention und Behandlung. Zudem erkennen wir, dass nicht jede Ursache bei jedem Menschen die gleiche Wirkung hat und dass schädliche Stoffe in geringer Dosierung sogar nützlich sein können...<BR /><BR /><embed id="dtext86-67101409_quote" /><BR /><BR /><b>STOL: Wie kann Schädliches nützlich sein?</b><BR />Prof. Dr. Lucchin: Ja, das gibt es tatsächlich, man nennt diesen Effekt „Hormesis“. Bäume können Hunderte von Jahren alt werden, obwohl sie sich nicht fortbewegen können. Unabhängig von der Verschlechterung ihrer „Atemluft“ gelingt es ihnen, zu überleben. Warum ist das so? Es hat sich gezeigt, dass die Lymphe, also sozusagen das „Blut“ der Bäume, deutlich mehr Moleküle enthält als menschliches Blut. Dadurch sind die Bäume in der Lage, sich an gefährliche Substanzen anzupassen. Wie genau dies funktioniert, das wissen wir noch nicht. Das Prinzip dahinter ist folgendes: Kleine Dosen gefährlicher Stoffe regen den Körper an, sich zu verteidigen und anzupassen. Im Gegensatz dazu wird ein Körper, der keinen solchen Stimuli ausgesetzt ist, leichter anfällig – ähnlich wie untrainierte Muskeln.<BR /><BR /><b>STOL: Sie sagten aber auch, nicht jede Ursache zeitigt bei jedem Menschen die gleiche Wirkung?</b><BR />Prof. Dr. Lucchin: Das ist richtig. Neben den individuellen körperlichen Eigenschaften spielt auch unser Lebensstil eine große Rolle. Besonders deutlich wird dies bei Menschen mit genetisch bedingter Krankheitsneigung. Bei etwa 20 bis 30 Prozent der Erkrankungen liegt eine solche genetische Prädisposition vor, was jedoch nicht bedeutet, dass jeder auch erkrankt. Lebt jemand gesund, sinkt sein Erkrankungsrisiko. <BR /><BR /><embed id="dtext86-67102065_quote" /><BR /><BR /><b>STOL: Apropos Lebensstil – wie gesund leben wir tatsächlich?</b><BR />Prof. Dr. Lucchin: Wir leben mit Genen, die noch die des Neandertalers sind und die Bedürfnisse unseres Körpers bestimmen. Unser Gehirn hingegen entwickelt sich ständig weiter, begleitet von zahlreichen Erfindungen. Wir besitzen so viel Technik, um uns möglichst wenig bewegen zu müssen; um gesund zu leben, braucht aber unser Körper Bewegung. Darüber hinaus führen industriell produzierte Lebensmittel dazu, dass wir stets mehr konsumieren als nötig. Diese Kombination ist weit von gesund entfernt.