Ist es für Kinder vielleicht sogar besser, sie möglichst vor schrecklichen Bildern und beunruhigenden Nachrichten zu schützen?<BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="745391_image" /></div> <BR /><BR /><b>Herr Senoner, wie können Südtiroler Eltern ihren Kindern, die nur Frieden kennen, einen Krieg erklären?</b><BR />Edmund Senoner: So ganz stimmt das nicht. Unsere Kinder kennen Konflikte – freilich im Kleinen, Streitereien mit den Geschwistern, Konflikte in der Familie, mit den Nachbarn. Es ist eine Herausforderung, ihnen das zu erklären. Aber je nach Alter und Charakter kann man genau hier ansetzen und sagen, dass ein Krieg ein Konflikt ist, der viel viel größer ist, als der, den sie kennen. Die Ukraine ist in etwa doppelt so groß wie Italien – schon das ist eine Dimension, die sich Kinder in einem bestimmten Alter vorstellen können. <BR /><BR /><b>Soweit die Worte. Wie ist es mit Bildern: Dürfen, sollen die Kinder schon sehen?</b><BR />Senoner: Die meisten – nennen wir sie mittelgroßen – Kinder haben ein Handy, über das sie Zugang zu Bildern haben. Bei Kriegsbildern sollte es wie bei Filmen sein, da sollte stehen: Unter 14 oder 16 Jahren verboten. <BR /><BR /><b>Also sollten sie die Bilder nicht sehen?</b><BR />Senoner: Sie sollten die Bilder nicht alleine sehen – es geht nicht ums Zeigen oder Schauen, sondern ums Kommentieren. Man kann das Kind fragen: Hast du dieses Bild gesehen? Was bedeutet es für dich, es zu sehen, was fühlst du dabei? Dann kann der Erwachsene sagen, was er fühlt – das sind neben Schmerz auch Angst und Ärger. Oft ist es so, dass Kinder gerade Angst nicht aussprechen können. <BR /><BR /><embed id="dtext86-53255482_quote" /><BR /><BR /><b>Aber genau das ist es ja, wovor Eltern ihre Kinder bewahren möchten...</b><b>Derzeit gibt es noch keine klaren Antworten auf Fragen wie: Kommt der Krieg auch zu uns? Wie lange wird er dauern?</b><BR />Senoner: Stimmt. Gerade deshalb ist es wichtig, in der Realität zu bleiben. Sagen Sie den Kindern, dass in Südtirol jetzt kein Krieg ist und dass es auf der Welt gerade viele Kriege gibt. Es ist nur so, dass der Ukrainekrieg auf uns mehr Auswirkungen hat als ein Krieg in Afrika – von Russland kommt unser Gas. Man sollte darüber sprechen. Und Eltern müssen sich Zeit dafür nehmen. <BR /><BR /><b>Sollte man Kinder auch in die Hilfsaktionen involvieren? Sie haben oft einfache Zugänge</b><b>: Machen wir dem geflüchteten Kind ein Geschenk und alles wird gut.</b><BR />Senoner: Das ist ein kindlicher Ansatz – so etwas könnte auch ein erster Schritt sein. Natürlich muss man danach sehen, welche weiteren Schritte nötig sind, aber darüber kann man auch mit den Kindern fantasieren, sich gemeinsam Gedanken machen. Ich denke, es geht nicht, die Kinder nicht zu involvieren. <BR /><BR /><b>Manchen Eltern ist die Käseglocken-Version lieber, solange sie die Kinder vor den schlechten Aspekten der Welt bewahren können. Ist das auch ein Weg?</b><BR />Senoner: Nicht reden ist gleichbedeutend mit verdrängen und das ist sicherlich nicht hilfreich. So tun, als wäre nichts, geht nicht. Zwei Jahre lang war jedes fünfte Wort Corona, jetzt ist es Krieg. Es ist hilfreicher, zu reden als zu verdrängen. Es ist eine Kunst, die richtigen Worte und die richtigen Aktionen zu finden. Aber es ist gut, sich gemeinsam mit den Kindern zu fragen: Was kann ich kleiner Südtiroler tun? Wie kann ich mein Konsumverhalten ändern, worauf kann ich verzichten?<h3> Was das Wichtigste ist</h3><b>Da sprechen wir aber mehr über eine Hilfe für die eigene Brieftasche, nicht für die Ukrainer, die Hilfe brauchen.</b><BR />Senoner: Ja, aber auch darüber kann man sich Gedanken machen. Das Große Ganze kann ich nicht lösen, ich kann keine Wasserflaschen in der U-Bahn von Kiew verteilen. Aber ich kann spenden, ich kann die Situation beobachten, mir überlegen, ein Zimmer bereit zu stellen, wenn Flüchtlinge kommen. So kann ich meinen Beitrag leisten. <BR /><BR /><b>Was können Eltern tun, wenn sie merken, dass ihre Kinder die Dinge nicht verarbeiten?</b><BR />Senoner: Das Wichtigste ist es, dranzubleiben. Einmal darüber reden wird nicht reichen. Es wird immer wieder eine halbe Stunde brauchen, auch zweimal am Tag. Wir können es nicht verhindern, dass unsere Kinder in der heutigen Zeit diese Nachrichten mitbekommen. Eltern müssen dann ihre Verfügbarkeit geben, damit die Kinder darüber reden können. Es gibt sehr viele kompetente Erziehungspersonen – Eltern, Kindergärtnerinnen, Lehrer, auf sie vertraue ich. Schäden infolge solcher Nachrichten sind selten. <BR /><BR /><b>Und was, wenn Kinder doch nicht schlafen können?</b><BR />Senoner: Dann sollte man Einschlafrituale schaffen, vielleicht mit dem Kind auch gemeinsam in dessen Zimmer einschlafen und ihm versichern, dass der Krieg derzeit weit weg ist. Einfach nicht tatenlos zusehen.