<BR />Im Kongresszentrum Le Régent haben sich rund 30 italienische Familienangehörige eingefunden, um Informationen über verletzte oder vermisste Jugendliche zu erhalten. Betreut werden sie von Notfallpsychologen des italienischen Zivilschutzes aus der Lombardei und dem Aostatal.<BR /><BR />„Der Zustand des Wartens ist schlimmer als jede noch so schreckliche Gewissheit“, sagte Venturella gegenüber Medien. Viele Angehörige könnten die Ungewissheit kaum ertragen, ob ihre Kinder überlebt hätten oder nicht. Die Wut verdränge dabei oft die eigentliche Verzweiflung - eine normale menschliche Reaktion.<BR /><BR />Auch die Italienische Gesellschaft für Notfallpsychologie (Sipem SoS Lombardia) ist vor Ort im Einsatz. Deren Präsidentin Roberta Brivio erklärte, besonders belastend sei das Warten auf die Identifizierung noch unbekannter Patienten. Dafür müssten DNA-Proben der Familien mit denen der Verletzten auf Intensivstationen abgeglichen werden, was Zeit brauche.<h3> Tröstende Worte, anhaltende Wut</h3>Die Aufgabe der Psychologen sei es vor allem, präsent zu sein, sagte Venturella. „Oft auch schweigend, denn tröstende Worte gibt es für solche Katastrophen nicht.“ Ziel sei es zudem, die Familien vor zusätzlicher Belastung durch die Außenwelt zu schützen.<BR /><BR />Nach Einschätzung der Psychologen ist die aufkommende Wut eine physiologische Reaktion auf die extreme Situation. Sie helfe kurzfristig, Schmerz und Trauer nicht vollständig zu spüren, müsse aber verstanden und aufgefangen werden. Psychologen, die bei Katastrophen und Großunglücken eingesetzt werden, arbeiten anders als in einer klassischen Therapie. Man spricht von Notfall- oder Krisenpsychologie.<BR /><BR /> Ziel ist nicht sofortige Behandlung, sondern Stabilisierung, Schutz und Orientierung. Sie hören zu, halten Schweigen aus und drängen niemanden dazu, über das Erlebte zu sprechen. Viele Betroffene stehen unter Schock, sind innerlich erstarrt oder von starken Gefühlen wie Angst, Verzweiflung oder Wut überwältigt. Psychologen helfen, diese Reaktionen als normal einzuordnen und geben Halt, ohne zu bagatellisieren oder vorschnell zu trösten.<h3> Struktur in das Chaos bringen</h3>Ein weiterer Schwerpunkt ist es, Struktur in das Chaos zu bringen. Die Fachkräfte erklären Abläufe, machen verständlich, was als Nächstes passiert, und helfen dabei, Informationen einzuordnen. Gerade das Warten auf Nachrichten über Vermisste oder Verletzte gilt als besonders belastend. Psychologen unterstützen Angehörige dabei, diese Phase auszuhalten, und achten darauf, dass grundlegende Bedürfnisse wie Essen, Trinken und Ruhe nicht vernachlässigt werden.<BR /><BR />Zudem schützen sie Betroffene vor zusätzlicher Belastung, etwa durch Medien, Neugierige oder gut gemeinte, aber überfordernde Gespräche. Bei Bedarf begleiten sie Menschen auch bei der Übermittlung schlechter Nachrichten und bleiben in den ersten Momenten danach an ihrer Seite.<BR />Bewusst vermeiden Notfallpsychologen eine tiefgehende Aufarbeitung des Geschehens unmittelbar nach der Katastrophe. Die eigentliche Verarbeitung und mögliche Therapie finden, wenn nötig, erst später statt. In der Akutphase geht es darum, Menschen zu stabilisieren, sie vor Überforderung zu bewahren und ihnen zu helfen, die Extremsituation zu überstehen.