Wie dramatisch die Entwicklung ist, zeigte kürzlich die Wissenschaftlerin Roberta Bottarin von der Bozner Eurac bei einem Vortrag der Kulturrunde in Bruneck auf. Ihre Botschaft war klar: Die Gletscher sind nicht nur Landschaft, sie sind überlebenswichtige Wasserspeicher. Denn Wasser ist weltweit gesehen ein knappes Gut. 97 Prozent des gesamten Wassers ist Salzwasser, nur drei Prozent Süßwasser. Die Alpen spielen dabei eine Schlüsselrolle: Rund 180 Millionen Menschen in Europa sind auf ihr Wasser angewiesen – gespeist aus den Einzugsgebieten von Rhein, Rhone, Donau und Po. Auch das Pustertal ist Teil dieses sensiblen Systems.<h3> Rückgang um 40 Prozent</h3>Noch gilt Südtirol als wasserreich. 258 Gletscher bedecken hier 70 Quadratkilometer – zwar nur ein Bruchteil der Landesfläche, aber von enormer Bedeutung. Doch die Gletscher sind vergleichsweise klein – und daher besonders anfällig. Ihr Rückgang ist seit Langem messbar: Von 1997 bis 2023 schrumpfte die Fläche um etwa 40 Prozent. Zwei Gletscher verschwanden in dieser Zeit ganz, einer davon ist der Rotsteinferner in der Rieserfernergruppe.<BR /><BR />Auch im Pustertal zeigt sich diese Entwicklung sehr deutlich. Gletscher ziehen sich stetig zurück, werden dünner und verlieren immer mehr an Masse. Messungen belegen: Die sogenannte Massenbilanz ist seit Jahren negativ. Es verschwindet mehr Eis, als neues entsteht.<BR /><BR />Ein entscheidender Faktor ist die Schneedecke im Sommer. Früher schützte sie das Gletschereis wie ein Spiegel vor der Sonne. Heute liegt das dunklere Eis oft frei – es nimmt die Wärme auf, dadurch beschleunigt sich die Schmelze drastisch.<h3> Sinkende Wasserstände gefährden zentrale Energiequelle</h3>Die Folgen reichen weit über das Hochgebirge hinaus. Mit dem Rückgang der Gletscher versiegt im Sommer zunehmend das Schmelzwasser – auch in den Bächen des Pustertals. Für Südtirol hat das enorme Auswirkungen: Rund 90 Prozent des Stroms werden aus Wasserkraft gewonnen. Sinkende Wasserstände gefährden diese zentrale Energiequelle.<BR /><BR />Auch die Landwirtschaft gerät unter Druck. Weniger Wasser bedeutet weniger Bewässerungsmöglichkeiten. Quellen können versiegen, weil ihre natürlichen Speicher fehlen. Zugleich steigt durch Starkregen und Unwetter sowie einen raschen Abfluss des Wassers die Gefahr von Naturkatastrophen.<BR /><BR />Hinzu kommen neue Risiken: sogenannte Blockgletscher. Diese scheinbar stabilen Schuttmassen werden im Inneren von Eis zusammengehalten. Taut dieses „unsichtbare“ Eis auf, können ganze Berghänge ins Rutschen geraten – mit gravierenden Folgen auch für besiedelte Gebiete im Pustertal.<h3> Prognosen alarmierend</h3>Die Prognosen sind alarmierend. Bereits in 25 Jahren werden sich viele heimische Gletscher auf Höhen über 3000 Meter zurückgezogen haben. Bis zum Ende des Jahrhunderts dürfte dann kaum noch etwas von den Südtiroler Gletschern übrig sein.<BR /><BR />Selbst technische Eingriffe wie das teure Abdecken von Gletschern mit Folien bieten keine nachhaltige Lösung. Im Gegenteil: Die Materialien zersetzen sich und gelangen als Mikroplastik ins Wasser – auch in jenes, das im Tal genutzt wird.<BR /><BR />Die Entwicklung ist eindeutig: Mit jedem Jahr schwindet ein Teil des natürlichen Wasserspeichers der Alpen. Für das Pustertal bedeutet das nicht nur den Verlust einer beeindruckenden Landschaft, sondern auch eine zunehmende Unsicherheit bei Wasser, Energie und Lebensgrundlagen.<BR /><BR />Das „Ewige Eis“ war lange ein Symbol für Beständigkeit. Heute ist es ein Gradmesser für den Wandel – und für die Dringlichkeit zu handeln.