Sonntag, 12. April 2015

Religionsunterricht: Obwohl Wahlfach, bleibt kaum eine andere Wahl

Der Religionsunterricht an Südtirols Schulen ist ein Wahlfach. 96 Prozent der deutschsprachigen Schüler nehmen daran teil. Nicht zuletzt durch den steigenden Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund steigt die Anzahl jener, die sich freistellen lassen. "Doch nur in vereinzelten Fällen wird den Schülern ein echter Alternativunterricht angeboten", weiß Christian Alber, Inspektor für Grund- und Sekundarschulen. Er sagt: "Die Situation ist unbefriedigend, es besteht Handlungsbedarf."

Für jene Schüler, die nicht am katholischen Religionsunterricht teilnehmen, ist die Situation unbefriedigend.
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Für jene Schüler, die nicht am katholischen Religionsunterricht teilnehmen, ist die Situation unbefriedigend.

Grund genug für STOL, genauer nachzufragen, was es mit dem Religionsunterricht, den gesetzlichen Regelungen zur Freistellung (STOL hat berichtet) und den Alternativangeboten für die sich Freistellenden auf sich hat.

Südtirol Online:  Wie ist der Religionsunterricht in der Schule in Italien geregelt und an wen richtet er sich?

Christian Alber, Inspektor für Grund- und Sekundarschulen: In Italien gibt es nur den katholischen Religionsunterricht, der gemäß Konkordat zum Bildungsauftrag der Schule gehört und an allen öffentlichen Schulen jeder Art und Stufe – mit Ausnahme der Universitäten - ordentliches Lehrfach ist. Er wird gemeinsam von den staatlichen Schulämtern der Regionen und Provinzen und den diözesanen Ämtern für den katholischen Religionsunterricht verantwortet und in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der katholischen Kirche erteilt.

Er wendet sich an alle Schülerinnen und Schüler, ungeachtet ihrer jeweiligen religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen und eröffnet so auch jenen, die keinen ausgeprägt religiösen Hintergrund haben bzw. sich in Distanz oder Widerspruch zu jeglicher Form von Religion verstehen, Erfahrungsräume und Lernchancen.

STOL: Wer trifft die Entscheidung, dass die Kinder am Religionsunterricht teilnehmen oder auch nicht?

Alber: Die Entscheidung für die Teilnahme am katholischen Religionsunterricht treffen in der Unterstufe die Eltern bzw. Erziehungsberechtigten und in der Oberstufe die Schüler selbst bei der Einschreibung zu Beginn einer jeden Schulstufe. Sofern die Entscheidung nicht zu Beginn eines neuen Schuljahres abgeändert wird, gilt diese für die gesamte Schulstufe. Ein Verzicht im Laufe des Schuljahres ist nur in schwerwiegenden Fällen, beispielsweise bei Übertritt zu einer anderen Religionsgemeinschaft, möglich (Legge 18-6-1986, n. 281).

STOL: Seit wann kommt es vor, dass Kinder freigestellt werden und welche rechtliche Grundlage hat das?

Alber: Die Möglichkeit auf den Religionsunterricht zu verzichten ist in Italien mit Gesetz 824/30 eingeführt worden. Das Rahmenkonkordat vom 18.02.1984, mit dem das Verhältnis zwischen Kirche und Staat an die heutige Situation angepasst wurde, hat dem Religionsunterricht in Italien den Status eines Wahlfaches beigemessen, da die Religionsstunde eine "ora di non obbligo" ist.

Für die Autonome Provinz Bozen gelten Sonderbestimmungen, wo der Religionsunterricht durch das Dekret des Präsidenten der Republik vom 10.02.1983, Nr.89, Art.35-37 geregelt ist. Dort heißt es im Artikel 35: „Der Unterricht wird – unter Vorbehalt des Verzichtes, den der Betroffene in Ausübung seiner Gewissensfreiheit erklärt – für die in der Schulordnung vorgesehene Stundenzahl und jedenfalls für nicht weniger als eine Stunde wöchentlich erteilt; in der Pflichtschule können bis zu zwei Stunden wöchentlich festgesetzt werden."

Dies bedeutet, dass der Religionsunterricht in Südtirol grundsätzlich allen Schülern erteilt wird, sofern sie nicht auf den Religionsunterricht verzichten. Was die religiöse Bildung im Kindergarten betrifft, so wird diese im Unterschied zum restlichen Staatsgebiet in Südtirol nicht durch eigene Religionslehrerinnen und -lehrer vorgenommen, sondern sie gehört zum Bildungsauftrag der pädagogischen Fachkräfte im Kindergarten.

STOL: Was gibt es für „Begründungen“ sich freistellen zu lassen?

Alber: Der Verzicht auf den Religionsunterricht, der bei der Einschreibung erklärt wird, muss nicht begründet werden. 

STOL: Wie viele Kinder in Südtirol besuchen den katholischen Religionsunterricht?

Alber: Trotz Wahlfach besuchen an den deutsch- und ladinischsprachigen Schulen des Landes über 96 Prozent der Schülerinnen und Schüler den Katholischen Religionsunterricht. Im Zeitraum von 20 Jahren ist die Anzahl derer, die an den deutschsprachigen Schulen auf den katholischen Religionsunterricht verzichten, um etwa 3 Prozent gestiegen. 

Die Quote der Abmeldungen vom Religionsunterricht in den italienischsprachigen Schulen entspricht in etwa dem Durchschnittswert Italiens und liegt bei 13 Prozent.

STOL: Ist die Zunahme der ausländischen Kinder das hauptausschlaggebende Argument für die Freistellung (STOL hat berichtet)?

Alber: Es ist unbestritten, dass es einen signifikanten Zusammenhang zwischen dem Verzicht auf den Religionsunterricht und der Ausländerquote gibt. Dies trifft v.a. für die deutschsprachigen Grund- und Mittelschulen zu. An den Oberschulen spielen andere Faktoren, wie z.B. eine Freistunde zu haben, eine größere Rolle.

 STOL: Wie wird den neuen Entwicklungen im Schulsystem Rechnung getragen?

Die geltenden rechtlichen Bestimmungen berücksichtigen noch viel zu wenig die Tatsache, dass Südtirol in den letzten Jahrzehnten "bunter" geworden ist. Entsprechend ist die derzeitige Lösung für jene Schüler, die nicht am katholischen Religionsunterricht teilnehmen, unbefriedigend.

Da die religiös-ethische Dimension ein wichtiger Schlüssel der Welterschließung darstellt, muss es Ziel der Bildungspolitik sein, ein echtes Ersatzangebot für jene zu entwickeln, die nicht auf den Religionsunterricht zurückgreifen.

Handlungsbedarf besteht an den deutschsprachigen Schulen  v.a. an den Grund- und Mittelschulen in den Ballungszentren des Landes. Allerdings besitzt Südtirol in diesem Bereich keine primäre Zuständigkeit. Daher müssen sich die Schulämter an den staatlichen Grundsätzen orientieren, die etwa im Unterschied zu Österreich oder Deutschland keinen verpflichtenden Ethikunterricht für jene Schülerinnen und Schüler vorsehen, die auf den konfessionellen Religionsunterricht verzichten. Hier besteht sicherlich Handlungsbedarf.

STOL: Was passiert mit den Kindern in der freigestellten Zeit, wie werden sie beschäftigt?

Alber: Jene, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen, müssen bei der Einschreibung in die Schule mittels Formblatt erklären, welche Tätigkeiten sie an Stelle des katholischen Religionsunterrichts in Anspruch nehmen. Dabei haben sie die Möglichkeit aus folgenden Angeboten auszuwählen:

a. Besuch eines Alternativunterrichts

b. Eigenständige Beschäftigung unter Aufsicht einer Lehrperson

c. Eigenständige Beschäftigung ohne Aufsicht (nur in der Oberstufe)

d. Verlassen des Schulgebäudes während der Religionsstunden

STOL: Welche Alternativ-Angebote werden davon am meisten genutzt?

Alber: Erfahrungsgemäß entscheiden sich viele Eltern in der Grundschule für den Alternativunterricht, während in der Oberschule das Verlassen des Schulgebäudes überwiegt. Laut Erhebungen des Amtes für den katholischen Religionsunterricht der italienischen Bischofskonferenz optierten im Schuljahr 2012/13 in der Mittelschule 32,2 Prozent der Schülerinnen und Schüler für einen Alternativunterricht und 22,4 Prozent für das Verlassen des Schulgebäudes, während in der Oberschule lediglich 7,2 Prozent einen Alternativunterricht wählten und sich 55,6 Prozent der Schüler für das Verlassen des Schulgebäudes aussprachen.

Da an den deutschsprachigen Grund- und Mittelschulen des Landes ein Großteil der Schüler, die auf den Religionsunterricht verzichten, einen Migrationshintergrund aufweist, besteht der von der Schule angebotene und meist auch empfohlene Alternativunterricht in Unterstützungs- und Fördermaßnahmen.

Sofern solche Maßnahmen nicht notwendig sind, ist auch die „Unterbringung“ der Schüler in einer Parallelklasse gängige Praxis. Bisweilen bleiben Schülerinnen und Schüler zur Beaufsichtigung auch während der Religionsstunde in der Klasse. Nur in vereinzelten Fällen wird den Schülern ein echter Alternativunterricht (bspw. Ethikunterricht u.ä.m.) angeboten.

stol/ker

stol