<b>Prof. Zerbe, Sie sind der Meinung, dass Renaturierung unabdingbar ist für eine nachhaltige Landschaftsentwicklung. Warum?</b><BR />Prof. Stefan Zerbe: Weltweit verschlechtert sich der Zustand der Natur, das Artensterben nimmt zu. Renaturierung bedeutet, Ökosystemleistungen (Anm. d. Red.: jeder Nutzen, den der Mensch aus der Natur zieht) und Biodiversität wiederherzustellen – und nicht, die Natur in ihren ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen. Mehr als 80 Prozent der geschützten Lebensräume in Europa befinden sich in schlechtem Zustand. <BR /><BR /><embed id="dtext86-67580748_quote" /><BR /><BR /><b>Und in Südtirol?</b><BR />Prof. Zerbe: Es besteht großer Renaturierungsbedarf in den Tallagen im Etschtal und im Vinschgau. Dort ist aufgrund des intensiven Anbaus von Äpfeln und dem damit verbundenen hohen Einsatz von Pestiziden kaum noch Biodiversität vorhanden. <BR /><BR /><b>Welche Ökosysteme sollte man noch wiederherstellen?</b><BR />Prof. Zerbe: Man muss Moore besser schützen und dementsprechende Programme entwickeln. Dringender Renaturierungsbedarf besteht im Siedlungsbereich: Die Städte sind im Sommer komplett überhitzt, man muss Grün- und Blauflächen zurückbringen. Auch die Wälder haben Renaturierungspotenzial. Wie viel Prozent der Fläche Südtirols renaturiert werden muss, sollte man rasch erheben. Es fehlen die entsprechenden Daten. <BR /><BR /><embed id="dtext86-67580862_quote" /><BR /><BR /><b>Das EU-Renaturierungsgesetz verpflichtet die Mitgliedsstaaten dazu, bis 2030 mindestens 20 Prozent der Lebensräume, die derzeit in einem schlechten ökologischen Zustand sind, wiederherzustellen. Hat man hierzulande schon mit den Planungen begonnen? </b><BR />Prof. Zerbe: Ob auf höchster politischer Ebene dazu etwas passiert, ist mir nicht bekannt. Renaturierungsmaßnahmen hat man bislang in systematischer Art und Weise hauptsächlich an den Fließgewässern umgesetzt. <BR /><BR /><b>Mit Erfolg?</b><BR />Prof. Zerbe: Ja, auch wenn mehr möglich wäre. Aber es gibt Konfliktbereiche: Um z. B. naturnahe Flussauen zu renaturieren, benötigt man eine entsprechende Fläche. Eine Fläche, die für den Apfelanbau genutzt wird, ist extrem teuer – zu teuer, um sie für den Naturschutz zu erwerben. Langfristig würde man auf vielen Flächen mit einer Renaturierung Kosten einsparen. Ressourcen effizient und nachhaltig zu nutzen ist gewinnbringend.<BR /><BR /><embed id="dtext86-67580866_quote" /><BR /><BR /><b>Was schlagen Sie vor?</b><BR />Prof. Zerbe: Interessensgruppen und Entscheidungsträger müssten sich darüber verständigen, welche Flächen man dem Wasser wieder zurückgibt. Man muss Retentionsräume schaffen, also Flächen, auf denen sich bei Hochwasser das Wasser ausbreiten kann. Flussauen sind solch natürliche Retentionsräume. So wird Wasser bei Überschwemmungen zurückgehalten, Feuchtgebiete können sich wieder entwickeln. Das geschieht auch zum Wohle der Landwirtschaft, die vom Wasserrückhalt profitiert. <BR /><BR /><b>Am EU-Renaturierungsgesetz gibt es Kritik. Gebiete würden versumpft werden...</b><BR />Prof. Zerbe: Es geht nicht darum, alles zu versumpfen, sondern gezielt Retentionsräume zur Verfügung zu stellen. Bereits lange vor dem EU-Renaturierungsgesetz wurden Regelungen zur Renaturierung verabschiedet – auf europäischer, gesamtstaatlicher und auf lokaler Ebene. Man denke an die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie), die bedrohte Arten schützt, oder die Alpenkonvention, ein internationales Übereinkommen zum Schutz der Arten. <BR /><BR /><embed id="dtext86-67580930_quote" /><BR /><BR /><b>Warum passiert dann trotzdem zu wenig?</b><BR />Prof. Zerbe: Das schnelle Geld spielt eine Rolle. Man blickt nicht vorausschauend in die Zukunft. Es muss sich in den Köpfen der Entscheidungsträger etwas verändern. Meistens benötigt der Mensch leider erst eine Katastrophe, um zu reagieren. <BR /><BR /><b>Erneuerbare Energien sind im Aufwind. Für Südtirol sind die Wasserkraftwerke wichtig, gleichzeitig stellen sie einen Eingriff in die Flussökosysteme dar...</b><BR />Prof. Zerbe: Deshalb müssen Wasserkraftwerke insgesamt auf den ökologischen und ökonomischen Prüfstand gestellt werden. Sind sie noch zeitgemäß? Lässt sich Energie einsparen? Lässt sich Energie anderweitig nachhaltig erzeugen? Solche Fragen müssen dringend geklärt werden.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1102236_image" /></div>