Sonntag, 25. Juni 2017

Risiko Hochhaus: Viele Briten leben in Feuerfallen

Knapp zwei Wochen nach dem Feuer im Grenfell Tower wird die Dimension der Katastrophe noch deutlicher: Zahlreiche Briten leben in brandgefährlichen Hochhäusern.

Zahlreiche Briten leben in brandgefährlichen Hochhäusern.
Zahlreiche Briten leben in brandgefährlichen Hochhäusern. - Foto: © APA/AFP

Vom Hochhausbrand zum landesweiten Skandal: Experten entdecken bei Inspektionen von Hochhäusern in Großbritannien immer mehr Gebäude mit gravierenden Brandschutzmängeln. Einige im Londoner Stadtteil Camden sind sogar so gefährlich, dass etwa 4000 Bewohner sofort in Sicherheit gebracht wurden. Der Grenfell Tower, in dessen Flammen mindestens 79 Menschen umkamen, ist kein Einzelfall. Klar ist inzwischen: Zahlreiche Briten leben in Feuerfallen.

Dutzende Hochhäuser wurden untersucht

Fachleute untersuchten bis Sonntag Dutzende Hochhäuser mit potenziell riskanten Fassaden. Das schockierende Ergebnis: Alle hatten Mängel. Das lässt Böses ahnen. Denn die Regierung hatte angekündigt, landesweit insgesamt 600 Hochhäuser mit einer ähnlichen Außenverkleidung wie beim Grenfell Tower überprüfen zu lassen. In dem Sozialbau hatte ein defekter Kühlschrank das Feuer entfacht, das sich über die Fassade dann rasend schnell durch alle 24 Stockwerke fraß.

Die Briten rätseln, wie so etwas passieren kann. Haben Baufirmen falsche Materialien eingesetzt, wollten sie mit Pfusch Geld sparen – auch auf Kosten von Menschenleben? Vielleicht sind die Brandschutzbestimmungen ungenügend. Oder haben die Behörden schlampig kontrolliert? Premierministerin Theresa May ordnete zum Grenfell Tower eine unabhängige Untersuchung an. Feuerwehr und Scotland Yard warnen vor voreiligen Schlüssen.

Rasche Evakuierung

Bei den Hochhäusern in Camden, in denen viele Ärmere leben, schlug die Feuerwehr bei der Überprüfung sofort Alarm: eine leicht entflammbare Außenfassade, keine Brandschutztüren, Mängel beim Schutz von Gasleitungen, Sperrholzplatten im Türbereich – alle Mieter raus! Von der raschen Evakuierung waren viele genervt. „Zwei frühere Brände in diesem Hochhaus sind doch leicht in Schach gehalten worden“, sagte ein Mann. Und eine Frau meinte: „Sie hätten uns doch wenigstens noch eine Nacht in der Wohnung bleiben und in Ruhe packen lassen können.“

Anders sah es im Grenfell Tower aus. Eine Anwohner-Initiative hatte wieder und wieder auf die Mängel beim Feuerschutz aufmerksam gemacht – ohne gehört zu werden. Als hätte sie eine böse Vorahnung schrieb sie einmal öffentlich: „Die Grenfell Action Group glaubt fest, dass nur ein katastrophales Ereignis das Unvermögen und die Inkompetenz unserer Vermieter entlarven wird.“ Sie bezeichnete die Organisation KCTMO als „Miet-Mafia“, die gemeinsame Sache mit dem Bezirk mache, um möglichst viel Geld abzuschöpfen.

Aber auch das muss erst bewiesen werden. Überlebende berichteten, dass es weder einen Feueralarm noch vernünftige Fluchtwege gab und die Rettungswege zum Hochhaus oft von Autos versperrt waren. Das Gebäude war erst kürzlich renoviert worden. Eine Wärmedämmung – bestehend aus Hartschaumplatten mit beidseitig aufgebrachten Aluminiumschichten – kam auf die Außenfassade. Hat sie quasi als Brandbeschleuniger gewirkt? Einzelne Parlamentarier sollen in der Vergangenheit britischen Medienberichten zufolge vergeblich neue Vorschriften für sichere Fassadenverkleidungen gefordert haben.

Wer sind die Verantwortlichen?

Verantwortliche im Einzelfall zu finden, ist schwer. So hatte der mehr als 40 Jahre alte Grenfell Tower mit seinen 120 Wohnungen trotz der Sanierung keine Sprinkler-Anlage. In neueren Hochhäusern sind solche automatischen Löschanlagen Behördenangaben zufolge vorgeschrieben. Eine Pflicht zur Nachrüstung gibt es aber nicht.

Der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan brachte bereits den Abriss von veralteten Gebäuden ins Gespräch. Dies könne bei Hochhäusern aus den 60er und 70er Jahren aus Sicherheitsgründen nötig werden, schrieb er in einem Beitrag für den „Observer“. Nach dem Krieg seien viele Hochhäuser entstanden, die heutigen Standards nicht mehr entsprächen.

apa/dpa

stol