<b>Herr Riz, 85 Jahre, gesund, erfolgreich, 58 Jahre verheiratet, sieben tüchtige Töchter. Welches Gebet schicken Sie abends gen Himmel? Nur mehr Dankgebete?</b><BR />Roland Riz: Nein, nein, ,a bissl' auch Bittgebete, auf dass es in meinem Leben so weitergeht wie bisher. Kinder und Enkel gesund bleiben und besonders die Enkel ein vernünftiges Leben führen können, denn das ist in einer Zeit, wo alles so auflehnend gegen alles ist, keine Selbstverständlichkeit. Da werden Piraten und „Grillini“ gewählt, weil die Leute glauben, dass kein Parteiprogramm besser sei als ein schlechtes.<BR /><BR /><b>Beginnt man mit 85 nachzudenken, wie viele Jahre einem noch bleiben?</b><BR />Riz: Ich versuche, diesen Gedanken wegzuschieben, weil ich mir einbilde, ein junger Bub zu sein, und das ist mein Fehler, denn das ist contra naturam. Aber wichtig ist, dass man sich im Leben nie unterbuttern lässt. „Net lugg lossn“, gilt auch im Alter.<BR /><BR /><b>Wie stellen Sie sich den Himmel vor? Als Rechtsanwalt wieder vors Gericht?</b><BR />Riz: Vor dem Jüngsten Gericht habe ich keine Angst, ich hab’ meine Pflicht getan, hab’ christlich gelebt. Ich hab' mein Gewissen in Ordnung. Das, glaub’ ich, ist das Wichtigste überhaupt. Warum sollte ich Angst haben? Im Himmel treffen wir alle zusammen, ohne uns alle zu kennen, in einer ganz großen Versöhnung, wo es keinen Streit mehr gibt. Ich bin außerdem ein Feind jeden Streits. Das mag Ihnen jetzt komisch vorkommen, wenn das ein Advokat sagt, aber als Mensch habe ich keinen Streit gehabt, ich streite überhaupt nicht. Um auf den Himmel zurückzukommen: Einigen wird es dort besser behagen, anderen weniger, und zwar denen, die geglaubt haben, im Recht zu sein, es aber nicht sind.<BR /><BR /><b>Sie haben unzählige Strafprozesse geführt mitunter sehr prominente. Glauben Sie, dabei immer der Gerechtigkeit zum Durchbruch verholfen zu haben, oder sind Ihnen im Nachhinein auch Zweifel gekommen?</b><BR />Riz: 100 Prozent sicher ist nichts auf dieser Welt, aber ich habe immer versucht, der Gerechtigkeit freie Bahn zu lassen. Es muss alles gesagt werden, was für einen Angeklagten spricht, das ist meine Pflicht, selbst wenn ab und zu ein Zweifel bestanden hat.<BR /><BR /><b>Sie sagten, sie streiten überhaupt nicht. Wie bewältigen Sie dann Konflikte? Wo ist Ihr Blitzableiter?</b><BR />Riz: Ich bin ein großer Gegner von Auseinandersetzungen persönlicher Art. Mein Blitzableiter ist meine Seele. „Lottnen giahn“, sagt der Volksmund dazu, was soviel heißt wie „Mach keinen Wirbel, gib a Ruah“. Die Stärke des Menschen ist doch, Dinge zur Kenntnis zu nehmen, die oft nicht liebsam sind, aber auf die man nicht reagieren soll.<BR /><BR /><b>Zu Ihrer politischen Tätigkeit. Ist man mit Frau und sieben Töchtern Minderheitenpolitiker von Haus aus?</b><BR />Riz: Sieben Töchter und eine Frau verurteilen jeden Mann, um sein nacktes Leben zu kämpfen (lacht). Nein, im Ernst, zu meinem 85. habe ich mir einen Wunsch erfüllt und bin mit Frau und allen sieben Töchtern fünf Tage nach Berlin gefahren. Wir haben uns Museen angeschaut, sind Kunstgalerien abgegangen – ich bin ja ein Kunstliebhaber – und habe meine Frauen, Kunst und Kultur sehr genossen.<BR /><BR /><b>Dennoch hätten Sie gerne einen Sohn gehabt. Im Nachhinein eine altmodische Macho-Denke?</b><BR />Riz: Als ich 1954 geheiratet habe, wollte ich unbedingt einen Stammhalter. Damals war die Welt eine Männerwelt, und da hab’ ich mir halt gedacht, dass sich ein Mann im Leben leichter tut als eine Frau. Jetzt habe ich gesehen, dass meine sieben Töchter leicht durchs Leben kommen und habe diese Meinung total vergessen.<BR /><BR /><b>Laut „Spiegel“-Ausgabe Nr. 49 aus dem Jahr 1979 hatten Sie sogar eine „Zeugungsprämie“ für deutschsprachige Südtiroler Paare gefordert...</b><BR />Riz: Das war eine Übertreibung vom „Spiegel“. Ich mit meiner Großfamilie kann nur jedem raten, eine Stube voll Kinder zu haben, obwohl ich auch anerkenne, dass das nicht für jeden möglich ist. Familien, stabile Familien, sorgen für eine stabile Gemeinschaft und Gesellschaft: Denn jeder lernt sich einzuordnen. Wichtig ist, dass Mann und Frau einander leben lassen und nicht einer versucht, den anderen zu übertrumpfen. Mann und Frau sind ebenbürtig, das habe ich versucht, meinen Kindern weiterzugeben.<BR /><BR /><b>Jetzt aber von Familienpolitik zur Autonomiepolitik. Sie haben mit den Tränen gekämpft, als Alfons Benedikter 2010 zu Grabe getragen wurde...</b><BR /> Riz: Der Alfons war für Südtirol sehr wichtig, auch wenn er mit Magnago ab und zu etwas zu „haggln“ hatte. Ich habe mit Alfons von 1956 bis zu seinem Ausscheiden zusammengearbeitet. Jeder kann denken, was er will, aber das Duo Benedikter-Riz hat viele Sachen hergebracht, darunter die neun Zehntel aller Steuern. Wer nicht ganz blind ist, sieht das.<BR /><BR /><b>Sie hatten ja auch einen „Haggl“ mit Magnago...</b><BR />Riz: Mit Magnago war es leicht einen „Haggl“ zu haben, er hat keinen Widerspruch geduldet. Silvius war für Südtirol sehr wertvoll, Spitzenpolitikern gegenüber aber sehr hart und dezidiert, vielleicht hätte man sonst den einen oder anderen wie Jenny oder Dietl halten können.<BR /><BR /><b>Nachfolger Durnwalder ist auch nicht dafür bekannt, dass er Widerspruch liebt...</b><BR />Riz: Das liegt wohl in den Genen dieses Amtes.<BR /><BR /><b>Von wegen Widerspruch: Sie galten innerhalb der SVP doch auch als Primadonna.</b><BR />Riz: Ich bin auch eine Primadonna, weil ich das Meine immer gesagt habe – für mich im Interesse des Volkes, andere werden sich gedacht haben, „der versteht auch nicht immer alles“. Aber ich muss schon sagen, dass es zu meiner Zeit besser gelaufen ist mit dem Staat. Ich bin bei Ministerpräsident und Ministern ein- und ausgegangen. Vielen kommt vor, man kann mit den „Walschn“ nicht pakteln, wenn man gar nichts tut und keine Kontakte hält, wird es nicht besser.<BR /><BR /><b>Ihr Orden-Polster ist voll, Sie sind Eppaner Ehrenbürger, von Bayern, Österreich und Tirol hochdekoriert und der italienische Staat hat Sie zum „Cavaliere di Gran Croce“ gemacht.</b><BR />Riz: Und ich bin nicht der einzige Südtiroler. Manche haben zuerst so getan, als würden sie diese Ehrung nicht annehmen, es dann doch getan – falsche Hund'. <BR /><BR /><b>Was ist Ihnen wichtiger: Ihren Enkeln salopp gesagt als cooler Opa in Erinnerung zu bleiben oder den Südtirolern als großer Autonomiepolitiker?</b><BR />Riz: Ich wäre sehr glücklich, wenn meine Enkel irgendwann sagen: Mein Opa war ein toller Opapa. Keiner muss mir ein Bild aufhängen, eine liebevolle Erinnerung wäre mir das Wertvollste. Ich habe eine Mordsfreude mit meiner Familie. Übernächsten Sonntag werde ich nach Jenesien fahren, um meinem Enkel beim Fußballspiel zuzuschauen.<b><BR /><BR />Zurück zu Ihrem Geburtstag, der aufs Alpini-Treffen fällt. Schauen Sie es sich an?</b><BR />Riz: Nein, aber ich habe nichts gegen die Alpini und ihr Treffen. Was mich stört, ist der national-soziale Stich, der jetzt mit den 100.000 ,Fahndln‘ in die Sache kommt. Man hätte das Treffen schön zum Verbrüdern nützen können, aber das ist nicht brüderlich, das ist ein Wahnsinn.