Freitag, 18. März 2022

Russland verstärkt Beschuss in der Ukraine – Mariupol heftig umkämpft

Russland hat seine Offensive in der Ukraine wieder verstärkt. Aus mehreren Städten des Landes wurde am Freitag Raketenbeschuss gemeldet, auch nahe der westukrainischen Großstadt Lwiw. Gleichzeitig greifen nach russischen Angaben prorussische Separatisten in der umzingelten südostukrainischen Stadt Mariupol an. Bei einem Angriff auf ein Wohnviertel in Kiew sind laut Bürgermeister Vitali Klitschko ein Mensch getötet und 19 verletzt worden. 2 Tote gab es auch in Kramatorsk.

Immer größere Teile der ukrainischen Hauptstadt werden zerstört. - Foto: © APA/afp / SERGEI SUPINSKY

Unter den Verwundeten im Kiewer Stadtteil Podil seien 4 Kinder, sagte Klitschko am Freitag in einem Video, das er auf Telegram veröffentlichte. Russische Truppen hätten Wohnhäuser, Kindergärten und eine Schule beschossen. Diese Angaben ließen sich zunächst nicht unabhängig überprüfen.

Beim Beschuss der Großstadt Kramatorsk im Gebiet Donezk in der Ostukraine sollen 2 Menschen getötet und 6 verletzt worden sein. Pawlo Kyrylenko vom Koordinierungszentrum der Region machte die russische Armee für den Angriff verantwortlich. „Die Russen sind nicht in der Lage, einen fairen Krieg zwischen Armeen zu führen, also schießen sie immer wieder Zivilisten nieder“, teilte er am Freitag bei Telegram mit. Kyrylenko zufolge trafen Raketen ein Wohn- und ein Verwaltungsgebäude. Russland bestreitet, zivile Ziele in der Ukraine anzugreifen.

Auch am Freitag gab es wieder Meldungen über getötete Zivilisten in der Ukraine. - Foto: © APA/afp / SERGEI SUPINSKY


In der Nähe der Stadt Lwiw schlugen nach Behördenangaben mehrere Raketen auf dem Gelände eines Flughafens ein. Auch ein Werk für Flugzeugwartungen sei getroffen worden. Das Gebäude sei zerstört worden, teilte Bürgermeister Andrej Sadowyj mit. Es habe keine Opfer gegeben. Der Betrieb in dem Werk sei gestoppt worden.
Über dem angegriffenen Gebiet stieg eine dichte Rauchwolke auf. Rettungskräfte seien im Einsatz, erklärte Sadowyj. Lwiw ist Zufluchtsort und Durchgangsstation für Hunderttausende Flüchtlinge aus dem Rest der Ukraine, auch viele westliche Diplomaten haben sich von der Hauptstadt Kiew nach Lwiw begeben.

Schwere Gefechte in Mariupol

Besonders umkämpft ist weiterhin Mariupol im Süden des Landes. Dort erhalten die prorussischen Separatisten Unterstützung von russischen Truppen, meldete die Nachrichtenagentur RIA. „In Mariupol ziehen die Einheiten der Volksrepublik Donezk mit Unterstützung der russischen Streitkräfte ihren Belagerungsring enger und bekämpfen die Nationalisten im Zentrum der Stadt“, erklärte das russische Verteidigungsministerium.

Die ukrainische Regierung versucht nach eigenen Angaben erneut Fluchtkonvois aus Städten zu organisieren. Doch häufiger Beschuss durch russische Streitkräfte verhindert eine sichere Evakuierung von Städten und Dörfern an der Front in der Region Luhansk.

Auf Lwiw fielen am Freitag russische Bomben. - Foto: © APA/afp / YURIY DYACHYSHYN



Seit Beginn des Krieges am 24. Februar seien 59 Zivilisten in der Region getötet und mehrere Wohngebiete vollständig zerstört worden, sagt der Gouverneur von Luhansk, Serhij Gaidai. „Es gibt keine einzige Gemeinde, die nicht unter Beschuss geraten ist“, sagt er im staatlichen Fernsehen und nannte die Städte Sewerodonezk, Rubischne und Popasna als besondere Brennpunkte. Die Behörden hofften, dass für Samstag eine zeitweilige Waffenruhe vereinbart werden könne, damit Lastwagen Lebensmittel, Medikamente und andere Hilfsgüter zu den notleidenden Menschen bringen könnten.

Die Hafenstadt Mariupol ist seit Tagen umkämpft. Drohnenaufnahmen zeigen, wie das Batallion „Azov“ einen russischen Panzer zerstören. Dazu stellte „Azov“ die Überschrift: „Brennt in der Hölle, Putins Mörder!“



Wasser-Reserven in Mariupol gehen laut UNO zu Ende

Die Vereinten Nationen sind extrem besorgt über die Lage in der umkämpften ukrainischen Stadt Mariupol. Ein Sprecher des Welternährungsprogramms (WFP) sagte am Freitag in Genf: „Die letzten Reserven an Essen und Wasser gehen zu Ende.“

Zudem fehlten Versorgungsgüter und Medikamente, was verheerende Konsequenzen haben könne, hieß es vom UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR). Immer noch könnten keine Hilfskonvois die Stadt erreichen.
Auch sonst sei die Versorgungskette nicht mehr gewährleistet, erklärte die UNO. Aus Angst vor Schüssen zögerten Lkw-Fahrer, sich ans Steuer zu setzen.

Der WFP-Sprecher unterstrich die weitreichenden Folgen des Kriegs für die Versorgungslage über die Ukraine hinaus, speziell für den Nahen Osten und Nordafrika. Befürchtet wird zum Beispiel, dass in einigen anderen Ländern Getreide knapp wird. So bezieht der Libanon nach UNO-Angaben 60 Prozent seines Weizens aus der Ukraine, Tunesien 42 Prozent und der Jemen, das ärmste Land der arabischen Halbinsel, 22 Prozent.

130 Menschen aus Theater in Mariupol gerettet

Noch immer völlig unklar ist die Zahl der Opfer nach dem Bombardement eines als Schutzort genutzten Theaters in Mariupol. Der Bombenschutzkeller des Gebäudes habe den Beschuss überstanden und 130 Menschen seien bisher gerettet worden, erklärte die Menschenrechtsbeauftragte des ukrainischen Parlaments, Ljudmila Denisowa, am Freitag. Die Arbeiten, um den Zugang zu dem Keller freizubekommen, dauerten demnach an. Schätzungen zufolge hatten etwa 1000 Menschen in dem Theaterkeller Schutz gesucht.

Der ukrainische Abgeordnete Sergiy Taruta erklärte, Russlands Blockade der Stadt behindere die Rettungsbemühungen. Zwar hätten es einige Menschen aus dem zerstörten Theater hinaus geschafft. Aber die anderen, „die das Bombardement überlebt haben, werden unter den Trümmern des Theaters sterben, oder sind schon tot“.

Russische Angriffe auch im Norden der Ukraine

In der Nacht hatten russische Truppen nach Angaben Kiews auch ihre Angriffe auf die nördliche Stadt Tschernihiw fortgesetzt. Präsident Wolodymyr Selenskyj betonte, dass die Ukraine auch 3 Wochen nach Kriegsbeginn jene Gebiete des Landes unter Kontrolle halte, in die russische Truppen vorzudringen versuchen.

Wolodymyr Selenskyj: „Wir antworten auf jeden Angriff“ - Foto: © APA/afp / HANDOUT


Er wandte sich besonders an die Menschen in Mariupol, Charkiw und Tschernihiw, deren Städte belagert werden und schweren Schaden genommen haben. Sie würden nicht im Stich gelassen, versicherte er. Von der Armee bis zur Kirche tue jeder alles für die Menschen. „Ihr werdet frei sein“, versprach Selenskyj.

Fluchtkorridore am Freitag geplant

Ukrainischen Angaben zufolge sind für Freitag landesweit erneut neun Fluchtkorridore geplant, über die Zivilisten aus umkämpften Gebieten in Sicherheit gebracht werden sollen. Aus Mariupol sollen Menschen ins nordwestlich gelegene Saporischschja fliehen können, sagte Vizeregierungschefin Iryna Wereschtschuk am Vormittag in einer Videobotschaft. Weitere sogenannte Korridore soll es beispielsweise in der nordöstlichen Region Sumy geben, die aus verschiedenen Städten ins zentralukrainische Poltawa führen.

Nach Mariupol, wo die Lage besonders dramatisch ist, sei zudem noch immer ein Tanklaster mit Kraftstoff für Privatautos auf dem Weg, sagte Wereschtschuk. In den vergangenen Tagen war Tausenden Zivilisten die Flucht aus Mariupol in eigenen Fahrzeugen geglückt. Viele stecken aber weiter fest in der Stadt am Asowschen Meer, in der es seit Tagen keinen Strom, kein Wasser und keine Heizung mehr gibt. Hilfskonvois kommen nach Angaben aus Kiew nicht bis zu den Menschen dort durch.

Alle Berichte zum Krieg in der Ukraine finden Sie hier.

apa/stol

Kommentare
Kommentar verfassen
Bitte melden Sie sich an um einen Kommentar zu schreiben
senden