Mittwoch, 12. August 2020

Russland weist Bedenken gegen Corona-Impfstoff zurück

Russland hat Vorbehalte aus dem Ausland gegen seinen Corona-Impfstoff „Sputnik V“ - den ersten zugelassenen weltweit - zurückgewiesen. „Ausländische Kollegen versuchen offenbar, irgendeine Meinung zu äußern, die nach unserer Ansicht absolut unbegründet ist“, sagte Gesundheitsminister Michail Muraschko der Agentur Interfax zufolge. Erste Länder meldeten bereits Interesse an dem Impfstoff an.

Zahlreiche Staaten wollen den Impfstoff selbst produzieren.
Zahlreiche Staaten wollen den Impfstoff selbst produzieren. - Foto: © APA (Symbolbild/AFP) / HANDOUT
Russland hatte das Vakzin am Dienstag zur breiten Verwendung in der Bevölkerung zugelassen. Dieser Schritt erfolgte vor dem Vorliegen der Ergebnisse sogenannter Phase-III-Studien - ein Vorgehen, das dem international üblichen Ablauf widerspricht. Weder die Wirksamkeit noch die Nebenwirkungen lassen sich derzeit fundiert beurteilen.Trotzdem meldeten sich erste Länder mit Interesse an dem Impfstoff.

Nach Angaben des Chefs des russischen Investmentfonds, Kirill Dmitrijew, der die Produktion und Entwicklung des Impfstoffs finanziert, haben trotzdem schon mehr als 20 Länder Interesse an einer Eigenproduktion bekundet. Er nannte außer Brasilien die Philippinen und die Vereinigten Arabischen Emirate. Es gebe darüber hinaus auch Interesse aus dem Ausland, an der dritten und damit entscheidenden Testphase für eine mögliche Zulassung teilzunehmen. Die neue Testphase sollte mit der Zulassung des Impfstoffes beginnen. Russland habe bereits international Anfragen über eine Milliarde Dosen erhalten. Der vom Kreml gegründete Fonds finanziert die Produktion und Entwicklung des Impfstoffs.

Auch Israel teilte mit, grundsätzlich an „Sputnik V“ interessiert zu sein. Es gebe bereits Beratungen über den neuen Impfstoff, hatte der israelische Gesundheitsminister Juli Edelstein am Dienstag gesagt.

Zuvor hatte der russische Präsident Wladimir Putin die Zulassung des Impfstoffs zur breiten Verwendung in der Bevölkerung bekanntgegeben. Sie erfolgte damit vor dem Vorliegen der Ergebnisse großer klinischer Studien - ein Vorgehen, das dem international üblichen Ablauf widerspricht. Weder die Wirksamkeit noch die Nebenwirkungen lassen sich derzeit fundiert beurteilen.

Zurückhaltung vonseiten der WHO

Die Weltgesundheitsorganisation WHO reagierte zurückhaltend. Die WHO sei sich bewusst, dass Russland ein Vakzin registriert habe, und begrüße alle Fortschritte bei der Forschung und Entwicklung zu Covid-19-Impfstoffen, teilte das WHO-Regionalbüro Europa auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit. Zugleich wies das Büro darauf hin, dass die beschleunigte Impfstoffforschung in jedem Entwicklungsschritt gemäß bewährter Prozesse vonstattengehen sollte.

Der Chef des russischen Investmentfonds hatte erklärt, die Phase-III-Studie solle nun beginnen. Zehntausende Freiwillige sollen demnach innerhalb eines Monats geimpft werden. Massenimpfungen in der Bevölkerung seien dann für den Herbst geplant, hieß es. Zugleich schaltete der Fonds zu seinem Impfstoff eine eigene Internetseite mit Informationen frei - in insgesamt 7 Sprachen.

Die österreichische Vakzinologin Ursula Wiedermann-Schmidt (MedUni Wien) erklärte gegenüber der APA: „Zulassung nach einer Phase-II? Das ist offenbar wirklich nur in Russland möglich. Zum Glück und richtigerweise undenkbar ohne Phase-III für unsere Breiten!“ Der Präsident der deutschen Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, erklärte, es sei ein „hochriskantes Experiment am Menschen“, wenn ein Impfstoff wie der in Russland ohne entscheidende dritte Testphase zugelassen werde. „Es ist unverantwortlich, ganze Bevölkerungsgruppen bereits in diesem Stadium der Entwicklung zu impfen“, sagte er der „Rheinischen Post“ (Mittwoch).

Auch renommierte Mediziner in den USA warnen: „Aktuell würde ich mir den (Impfstoff; Anm.) nicht verabreichen lassen. Ganz sicher nicht außerhalb einer klinischen Versuchsreihe“, sagte Scott Gottlieb, der frühere Chef der US-Behörde für Lebensmittel und Arzneimittel-Sicherheit (FDA), am Dienstag im US-Fernsehen.

Trump verspricht Amerikanern schnelle Erfolge

Unterdessen versprach US-Präsident Donald Trump dem amerikanischen Volk schnelle Fortschritte bei der Entwicklung eines eigenen Impfstoffes. „Wir sind auf dem besten Weg, schnell 100 Millionen Dosen zu produzieren, sobald der Impfstoff zugelassen ist, und kurz danach bis zu 500 Millionen“, sagte Trump im Weißen Haus. Mehrere aussichtsreiche Stoffe seien in der letzten Erprobungsphase und stünden vor einer Zulassung.

Laut einer Liste der Weltgesundheitsorganisation vom Montag werden derzeit sechs andere Impfstoff-Kandidaten in einer Phase-III-Studie getestet. Nur ein gut wirksamer Impfstoff kann Experten zufolge eine rasche deutliche Wende in der Corona-Pandemie bringen, ohne dass strenge Lockdown-Regeln nötig sind.

apa