Mit einem Team von rund 45 ehrenamtlichen Frauen und Männern bietet der VinziMarkt an zwei Tagen in der Woche eine Einkaufsmöglichkeiten für Menschen, die auf ein solches Angebot angewiesen sind. Sabine Eccel erklärt, wie der Markt funktioniert, wer hier einkauft und welche Wünsche sie an die Politik hat. <BR /><BR /><b>Während wir hier reden, kaufen zehn, vielleicht 15 Menschen im VinziMarkt ein – ohne Geld. Wie funktioniert dieser Markt?</b><BR /><BR />Sabine Eccel: Der VinziMarkt ist eine Einkaufsmöglichkeit für Menschen, die in Not sind, und zwar für bedürftige Menschen im Stadtzentrum Bozen und Rentsch. Wir haben auch noch Kundinnen und Kunden vom Ritten, aus Kardaun und Blumau. Bevor diese Menschen hier einkaufen dürfen, werden sie von uns auf ihre Bedürftigkeit geprüft. Sie zahlen dann nicht mit Geld, sondern mit Punkten.<BR /><BR /><b>Wie funktioniert das konkret?</b><BR /><BR />Jedes Produkt kostet eine bestimmte Anzahl von Punkten. Von uns erhält jede Familie eine bestimmte Anzahl von Punkten pro Monat, je nachdem wie groß die Familie und wie sehr sie in Schwierigkeiten ist. Das können 30 bis 100 Punkte im Monat sein. Wenn die Punkte aufgebraucht sind, bekommt die Familie in diesem Monat nichts mehr. Im Monat darauf werden die Punkte wieder aufgefüllt.<BR /><BR /><b>Wenn die Punkte aufgebraucht sind, erhalten diese Menschen also nichts mehr?</b><BR /><BR />Ja, leider. Bei uns bekommen sie dann noch Brot, Obst und Gemüse, wenn das übrig ist. Sie können am Abend um halb 6, wenn wir schließen, vorbeikommen, und was übrig ist, geben wir gerne mit. Aber wir können leider nicht alle 220 Familien bis ans Monatsende mit Essen unterstützen.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1325823_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wer prüft die Bedürftigkeit?</b><BR /><BR />Wir machen das teilweise hier direkt im VinziMarkt oder es macht die Vinzenzgemeinschaft. Wir prüfen schon genau. Wir verlangen zum Beispiel Gehaltszettel, Auszug vom Bankkonto, wir schauen uns Mietverträge an und ermitteln, was die Familie vom Sozialsprengel bereits als Unterstützung erhält.<BR /><BR /><b>Man kriegt das schwer in den Kopf, dass in unserem Land Menschen fast hungern müssten, wenn sie nicht unterstützt werden.</b><BR /><BR />Es ist aber leider so. Es sind viele Einwanderer dabei, die diese Hilfe für das Lebensnotwendige brauchen. Aber in letzter Zeit ist die Anzahl an Einheimischen stark gestiegen. Südtirolerinnen und Südtiroler schämen sich oft und trauen sich nicht so recht, zu uns zu kommen. Wir haben momentan rund 220 Familien, die eine Berechtigung für den Einkauf haben. Das sind 686 Personen allein in unserem Stadtviertel! In anderen Stadtvierteln helfen andere Vereine, die meist eine Ausgabestelle für Lebensmittel haben.<BR /><BR /><b>Bei Einheimischen denken wir meist an Menschen, die mit einer Mindestrente kaum genug zum Leben haben.</b><BR /><BR />Ja, da sind auch Mindestrentner, aber auch andere Rentnerinnen und Rentner. Aber es gibt auch einheimische Familien mit Kindern. Das Einkaufen kann sich nicht mehr jeder leisten. Viele Familien tun sich einfach schwer, weil alles teurer geworden ist. Bei einer vier- oder fünfköpfigen Familie gehen allein schon die Lebensmittel ins Geld, dazu kommen andere Spesen wie Miete, Heizung und Nebenkosten. Auf der anderen Seite sind die Gehälter leider das, was sie sind, auch bei uns in Südtirol. Wenn eine Familie 2000 Euro im Monat zur Verfügung hat und Miete zahlen muss, dann bleibt nicht mehr viel übrig.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1325826_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Woher kommen die Waren für den VinziMarkt?</b><BR /><BR />Unser Hauptlieferant ist der Banco Alimentare, der uns regelmäßig einmal im Monat eine Lieferung bringt: Nudeln, Reis, alles, was sie eben haben. Ein Großteil der haltbaren Lebensmittel kommt über die Sammlung im November. Dann erhalten wir Spenden von Firmen. Wir haben auch Unternehmen, die uns unterstützen und zum Beispiel Mehl, Süßigkeiten oder Tees vorbeibringen. Dafür sind wir sehr dankbar, wir brauchen diese Unterstützung. Mit Spendengeldern kaufen wir Produkte, die im Sortiment fehlen, Öl oder haltbare Milch zum Beispiel. Ein gewisses Grundsortiment sollte immer vorhanden sein. Auch Privatpersonen rufen oft an, sie gehen einkaufen und bringen es uns für den VinziMarkt vorbei. <BR /><BR /><b>Wie reagieren die Menschen, die hier einkaufen?</b><BR /><BR />Ich denke, sie sind vor allem sehr dankbar. Ich habe allerdings beobachtet, dass sie sich oft auch irgendwie ein bisschen verstecken, wenn man zuschaut. Vor allem Einheimische lassen sich nicht so gerne sehen. Wir hatten einen Herrn da, der drei- oder viermal kam, sich das Geschäft anschaute und dann meinte, dass er heute keine Zeit für den Einkauf habe. Dann ist er wieder gekommen, inzwischen ist das für ihn etwas ganz Normales geworden.<BR /><BR /><b>Sie investieren viel Zeit und Energie in den VinziMarkt. Ist es nicht manchmal frustrierend, wenn Menschen nicht recht aus der Armut herauskommen?</b><BR /><BR />Zum Glück gibt es viele, die das geschafft haben und uns dann nicht mehr brauchen. Das ist natürlich ein großer Erfolg für uns. Da freuen wir uns mit ihnen. Wir haben schon über 1000 Kunden gehabt, wie wir sie nennen, also Personen, die da eingekauft haben. <BR /><BR /><b>Was motiviert Sie auch nach sieben Jahren noch zum Weitermachen?</b><BR /><BR />Ich freue mich ganz einfach, wenn ich jemandem Gutes tun oder helfen kann. Man kriegt natürlich auch zurück. Ich habe im VinziMarkt viel gelernt, zum Beispiel durch die Kontakte verschiedene Kulturen kennengelernt. Wir tauschen uns aus, Rezepte zum Beispiel. Es ist alles eine Bereicherung für mich und auch für die Freiwilligen, die uns hier helfen. <BR /><BR /><b>Wie viele sind es?</b><BR /><BR />Wir haben ungefähr 45 Frauen und Männer, auf die der VinziMarkt zählen kann. An jedem Öffnungstag – also Dienstag und Donnerstag – sind zwischen zehn und zwölf Personen da. Dann haben wir unsere fleißigen Männer, die in der Früh die Waren bei den Lebensmittelgeschäften oder sonstwo abholen, die also im Hintergrund arbeiten. Im Moment haben wir zum Glück genügend Helferinnen und Helfer. Ganz viele sind seit dem ersten Tag dabei, was mich natürlich sehr freut, weil das zeigt, dass wir ein gutes Klima haben und alle gerne da mithelfen.<BR /><BR /><b>Aus Ihren Beobachtungen heraus: Was ist ein Wunsch an die politisch Verantwortlichen in unserem Land?</b><BR /><BR />Wichtig wäre es, die Vergabe von sozialen Unterstützungen an einigen Punkten abzuändern und verstärkt zu kontrollieren. Das ist sicher nicht leicht, ich war ja selbst einmal in der Politik tätig. Das Geld müsste besser und gezielter verteilt werden. Generell wünsche ich mir natürlich noch mehr Spender, mehr Firmen, die uns unterstützen. Und dass weniger Lebensmittel weggeworfen werden! Denn wir helfen einerseits den Menschen in Not, andererseits versuchen wir, die Lebensmittelverschwendung zu reduzieren. Viele von den Produkten, die wir bekommen, sind entweder kurz vor dem Verfallsdatum und können in den Geschäften nicht mehr verkauft werden. Wir erhalten auch Produkte, die nicht richtig etikettiert wurden und dann weggeworfen würden. Auch Speditionsfirmen bringen uns manchmal Lebensmittel, weil bei der Lieferung etwas schiefgegangen ist. Wenn zum Beispiel eine Palette umfällt, können sie uns die Waren bringen, denn sie könnten nicht mehr in den Verkauf gehen. Wenn noch mehr Menschen in solchen Fällen an uns denken würden, wäre das schön.<BR /><BR />Martin Lercher<BR /><BR />ZUR PERSON<BR /><BR />Sabine Eccel ist Tochter einer Bozner Kaufmannsfamilie, sie ist im Betrieb tätig. Über die Vinzenzgemeinschaft lernt die dreifache Mutter in Graz die Idee des VinziMarktes kennen, die sie mit Paul Tschigg und Georg Oberrauch in Bozen umsetzt. Im März 2019 wird diese Einkaufsmöglichkeit für bedürftige Menschen eröffnet. Seitdem leitet Sabine Eccel den Markt.