Der Pädagoge hält am heutigen Tag des „Sichereren Internets“ in Bozen einen Vortrag zum Thema „Kinder und Internet“. Im Gespräch mit STOL zeigt Helmar Oberlechner einige Gefahren im Netz auf und erklärt, wie Eltern ihre Kinder im virtuellen Zeitalter optimal begleiten können.STOL: Herr Oberlechner, was sind die größten Gefahren, denen Kinder im Internet begegnen können?Helmar Oberlechner: Das Internet ist ein virtueller Supermarkt für Gefahren, und die Palette an Angeboten ist vielfältig: Sie geht von Verlockungen zum Konsum bis hin zum Kontakt mit Gewalt, mit Ideologien, Pornographie und auch Pädophilie. Kinder, wir sprechen hier von Zehn- bis 14-Jährigen, sind sehr freizügig mit ihren Daten, sowohl mit Adressen, Fotos, intimen Texten oder auch der Kontonummer des Vaters.STOL: Warum sind gerade die Zehn- bis 14-Jährigen für Sie eine Zielgruppe, wenn es um Sicherheit im Netz geht?Oberlechner: Im Mittelschulalter beginnt sozusagen das virtuelle Erwachen. Hier ist es noch möglich, die Kinder zu steuern, ihnen Richtlinien vorzugeben. Ehrlich betrachtet haben Eltern ab 14 Jahren ihre Erziehungsgewalt verloren: Was da noch nicht fixiert ist, ist mit 15 nicht mehr machbar.STOL: Ab wann sollten Kinder in Berührung mit Plattformen wie Facebook oder Whatsapp kommen?Oberlechner: Das ist eine Frage, die sich heutzutage erübrigt: Kinder kommen mit diesen sozialen Plattformen in Berührung, ob sie bereit dafür sind oder nicht. Man muss die Kinder dabei begleiten und sie positiv beeinflussen. Sie sollen sich mit den Medien vergnügen, Musik hören, spielen, Videos anschauen. Gleichzeitig müssen Erwachsene den Kindern jedoch auch aufzeigen, wo sich Gefahren verbergen. Kinder sind unglaublich gut im Stande, die Gefahren im Netz einzuschätzen und zu akzeptieren, wenn es um sie selbst geht. Im Sinne von: Was du nicht willst, das man dir tut, solltest du anderen auch nicht antun.STOL: Was ist die richtige Herangehensweise für Eltern, ihre Kinder vor Gefahren im Netz zu schützen?Oberlechner: Man muss selbst an der Medienwelt der Kinder teilnehmen. Dazu gehört zuerst die Erkenntnis, dass dies eine Welt ist, in der Erwachsene nicht mehr zuhause sind. Sie sind die „digitalen Immigranten“, denen die „digital natives“ (Digitale Ureinwohner), also die Kinder, um Längen voraus sind. Man sollte sich von den Kindern zeigen lassen, wie sie kommunizieren, ohne bereits von Vornherein Dinge abzulehnen, zu verteufeln oder zu verbieten. Verbote ohne Kompetenz im Hintergrund werden von den Kindern nicht angenommen. Während man also als Erwachsener von den Kindern lernt, sollte man immer wieder auf potentielle Gefahren aufmerksam machen, auf fragende Art und Weise. Zum Beispiel: „Du weißt aber schon, dass das jetzt Geld kostet?“ Oder: „Dir ist klar, wenn du Papas Kreditkartennummer angibst, dann kann es passieren, dass sein Konto bald leer ist?“STOL: Wie kommunizieren Kinder heutzutage?Oberlechner: Absoluter Spitzenreiter ist Whatsapp. Meine Studien, auch an Südtiroler Mittelschulen, haben ergeben, dass 48 Prozent der Kinder diesen Dienst nutzen. Auf Platz zwei stehen telefonieren und klassische SMS. Facebook ist in dieser Generation schon wieder out, dafür sind Programme wie Instagram stark im Kommen. Wenn ich Schüler nach ihren Kommunikationskanälen gefragt habe, konnten die Lehrpersonen meist nur staunen. Emails hingegen sind komplett passé. Viele Mittelschüler in der ersten Klasse wissen gar nicht mehr, was das ist.STOL: Kommunizieren Kinder denn weniger als früher?Oberlechner: Im Gegenteil! Erwachsene denken heutzutage oft, dass ihre Kinder nicht mehr genügend miteinander reden, aber das stimmt nicht. Ich bin der Meinung, sie kommunizieren sogar mehr als früher, sie haben ja ganz andere Möglichkeiten. Auch wenn sie zuhause sind, kommunizieren sie mit ihren Freunden. 50 Prozent der Internettätigkeit wird dafür verwendet.STOL: Wie kann man Kinder vor pädophilen Anbiederungen schützen?Oberlechner: Es ist vor allem wichtig, den Kindern zu vermitteln, dass sie sich immer an die Eltern wenden können. Standardfragen von Pädophilen sind etwa, was man heute drunter anhat, oder sie fragen konkret nach Fotos, auch Nacktfotos. Hier müssen die Kinder im Vertrauen zu ihren Eltern oder anderen Autoritätspersonen kommen können, ohne geschimpft zu werden. Es herrscht nämlich oft die Gefahr, dass Eltern sagen: „Ich hab dir ja gesagt, du sollst das nicht machen.“STOL: Wie präsent ist Cybermobbing in Südtirol?Oberlechner: Sehr. Es gibt auch in Südtirol Fälle an Schulen, wo Mitschüler am Klo Fotos gemacht und dann ins Netz gestellt haben. Diese peinlichen oder sexistischen Fotos sind große Gefahren, die von den Kindern selbst ausgehen. Manchmal führen solche Dinge auch zu Erpressung. Wenn Kinder Angst haben, dass ihr Foto ins Netz kommt, dann hat das häufig auch körperliche Auswirkungen. Und es gibt ja keinen Rückzugsort mehr: Das Schulhof-Prinzip, die Angst vor den Mitschülern, verfolgt die Kinder mittels Smartphones heutzutage bis ins eigene Schlafzimmer.STOL: Machen auch Erwachsene Fehler, wenn es um Kinder und das Internet geht?Oberlechner: Das Schlimme ist, dass die Unvorsichtigsten meist die Erwachsenen selbst sind. Kinder stellen ihre Daten ganz bewusst zur Selbstdarstellung ins Netz. Bei Erwachsenen muss man hingegen oft den Kopf schütteln: Wenn sie zum Beispiel Nacktfotos von ihrem Kind ins Netz stellen, weil sie so stolz sind, dass es schon aufs Töpfchen gehen kann. Das kann später zu Problemen führen, etwa als Grundlage zum Mobbing. Die Mutter sollte meiner Meinung nach nicht entscheiden dürfen, das Nacktfoto ihres Kindes ins Netz zu stellen. Das Internet vergisst nichts. Und man weiß nie, wem das Foto in die Hände fällt.Interview: Elisabeth Turker_____________________________________________________________Der Vortrag des Medienpädagogen Helmar Oberlechner beginnt um 19.30 Uhr im Landhaus 7, Andreas Hofer-Straße 18 in Bozen.