Samstag, 10. November 2018

Schlaganfall: Einer von 4 betroffen

In Südtirol erleiden jährlich rund 1000 Menschen einen Schlaganfall. Grob geschätzt erholt sich ein Viertel aller Patienten wieder vollständig davon, ein weiteres Viertel bleibt eingeschränkt, kann aber zu Hause leben, ein drittes Viertel muss in einer Struktur gepflegt werden, und ein Viertel der Patienten überlebt den Schlaganfall nicht.

Etwa eine von 6 bis 7 Personen erleidet im Leben einmal einen Schlaganfall – in Mitteleuropa ist es sogar eine auf 4 Personen.
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Etwa eine von 6 bis 7 Personen erleidet im Leben einmal einen Schlaganfall – in Mitteleuropa ist es sogar eine auf 4 Personen. - Foto: © shutterstock

Die Zahlen sind alarmierend: Beim Welt-Schlaganfall-Kongress wurde deutlich, dass die Schlaganfall-Epidemie noch brisanter ist als bisher angenommen. „Das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, steigt weltweit“, erklärte der Präsident der World Stroke Organisation, Prof. Michael Brainin zum Welt-Schlaganfall-Tag Ende Oktober. Etwa eine von 6 bis 7 Personen erleidet im Leben einmal einen Schlaganfall – in Mitteleuropa ist es sogar eine auf 4 Personen. 

Beim Schlaganfall handelt es sich um eine Durchblutungsstörung des Gehirns. Er entsteht, wenn hirnversorgende Blutgefäße „verstopft“ sind oder „platzen“ (siehe eigene Meldung) Durch die folgende Minderversorgung der Gehirnzellen mit Sauerstoff und Nährstoffen können wichtige Funktionen des Gehirns unvermittelt –„schlagartig“– ausfallen, Zellen beginnen abzusterben, neurologische Ausfälle treten auf.

„17 Millionen Menschen erkranken jährlich weltweit an einem Schlaganfall. Davon sterben 7 Millionen Menschen“, erklärt Prof. Michael Brainin von der Donau Universität Krems. In Südtirol sind etwa 1000 Menschen pro Jahr von einem Schlaganfall betroffen. Grob geschätzt erholt sich ein Viertel aller Patienten wieder vollständig davon, ein weiteres Viertel bleibt eingeschränkt, kann aber zu Hause leben, ein drittes Viertel muss in einer Struktur gepflegt werden, und ein Viertel der Patienten überlebt den Schlaganfall nicht.

Öffnung des Gefäßes mit Arzneien oder Katheter

Schnelle Hilfe ist das Um und Auf bei einem Schlaganfall. Kommt die Hilfe zu spät, besteht Lebensgefahr oder die Gefahr schwerster bleibender Hirnschädigungen. Deshalb muss bei verdächtigen Symptomen, wie es eine halbseitig ungleiche Gesichtsmimik ist oder einseitige Arm- oder Beinschwäche, Sprachstörungen oder starre Blickrichtung auf eine Seite, sofort der Notarzt alarmiert werden. Dieser veranlasst umgehend die Einlieferung in ein spezialisiertes Zentrum, ein sogenanntes Stroke-Unit, das es in Südtirol im Krankenhaus in Bozen gibt.

Die Behandlung zielt darauf ab, das blockierte Gefäß wieder zu öffnen. Dies geschieht zum einen durch blutgerinnsellösende Medikamente (Thrombolyse). Sind allerdings große Blutgefäße im Gehirn blockiert, kommt die Thrombolyse an ihre Grenzen. Außerdem besteht für die medikamentöse Auflösung des Blutgerinnsels ein Zeitfenster von normalerweise nur bis zu 4,5 Stunden nach Auftreten des Schlaganfalls. Danach und bei größeren verstopften Blutgefäßen muss das Blutgerinnsel per Katheter mechanisch entfernt werden (Thrombektomie).

Für optimale Therapie ist Früherkennung wichtig

„Die Thrombektomie ist der neue Therapiestandard bei der Behandlung schwerer Schlaganfälle, die durch den akuten Verschluss einer großen Hirnarterie bedingt sind“, sagte Universitätsprofessor Dr. Wilfried Lang vom Barmherzige-Brüder-Krankenhaus in Wien anlässlich des Schlaganfall-Tages. Das Zeitfenster für diese Behandlung werde immer größer. „Die Therapie ist also nicht ausschließlich binnen 5 Stunden nach dem Schlaganfall wirksam, sondern – wenn noch genügend rettbares Gewebe besteht – auch bis zu 16 Stunden danach“, so Prof. Lang. Das bedeutete eine Ausweitung der Indikationsstellung. Er schätzt, dass etwa 5 bis 10 Prozent aller Schlaganfälle schwere Fälle sind und mit einer endovaskulären Therapie, also einer Thrombektomie, versorgt werden müssten.

Für den optimalen Ablauf der Therapie ist es wichtig, sehr frühzeitig schwere Schlaganfälle erkennen zu können, die für eine Thrombektomie in Frage kommen.

Projekte zur Erkennung schwerer Schlaganfälle

Im Bundesland Tirol gibt es seit Februar diesen Jahres einen Modellversuch. Die Rettungszentrale muss prähospital einschätzen, ob ein Schlaganfall vorliegt oder nicht. Beim schweren Schlaganfall erfolgt der direkte Transport in ein Interventionszentrum, das die endovaskuläre Therapie durchführen kann, zum Beispiel mit Hubschrauber-Einsatz.

Die Rettungsleitstelle weist die Angehörigen an, mit dem Patienten 5 einfache Tests durchzuführen: Den Betroffenen bitten zu lächeln, einen Satz nachzusprechen, abwechselnd den rechten und den linken Arm auszustrecken und hochzuhalten, das linke und rechte Bein heben und der Blickrichtung des Patienten zu folgen. Anhand einer Punktebewertung der jeweiligen Reaktion lässt sich der Schweregrad des Schlaganfalles gut einschätzen, erklärte Prof. Wilfried Lang. Das Tiroler Pilotprojekt hat im Februar begonnen und wird wissenschaftlich evaluiert.

Um medizinischen Laien zu vermitteln, wie sie einen schweren von einem leichten Schlaganfall unterscheiden können, wurde in Österreich ein spezieller Film gedreht, in dem die genannten 5 Merkmale dargestellt werden: Gesichtslähmung, Armschwäche, Sprachstörung, Beinschwäche, Herdblick (Blickwendung).

D/wib

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stol