Mittwoch, 27. Januar 2016

"Schneekatzen-Fahrer sind Künstler"

Bestens präparierte Pisten: Dafür werden Südtirols Skigebiete ausgezeichnet, darüber freuen sich die Wintersportler und im Hintergrund jene, die in einem nächtlichen Arbeitsspurt immer wieder dafür Sorge tragen. Doch welche Geheimnisse und Träume stecken dahinter? STOL hat bei einem nachgefragt, der seit 14 Jahren Pisten präpariert.

Pistenpräparierung am Piz Sella in Gröden. Foto: Rifugio Emilio Comici
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Pistenpräparierung am Piz Sella in Gröden. Foto: Rifugio Emilio Comici

Vom Baggern träumen viele. Einige auch davon, mit einem Pistenraupenfahrzeug über schneebedeckte Hänge zu pflügen. STOL hat vor kurzem ein Zeitraffer-Video geteilt, das "Schneekatzen-Fahrer" bei ihrer Arbeit zeigt. Inspiriert davon, ging die Suche nach den Protagonisten los. 

snow cat drivers in timelaps

STIAMO LAVORANDO PER VOI ,-)grazie ai top drivers Daniel Schenk & Fabio Troiola & Lukas Lageder per il prezioso lavoro che fanno ogni sera mentre tutti dormono !!!!

Posted by Val Gardena Funpark on Montag, 25. Januar 2016
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Südtirol Online: Im Video sieht man Sie und Ihre Kollegen bei der Arbeit - Was ist das Geheimnis einer super präparierten Piste? 
Fabio Troiola, Koordinator der Pistenpräparierer am Piz Sella in Gröden: Erfahrung! Es geht um die Art und Weise, wie man mit Fräse und Schaufel umzugehen versteht. Das Arbeiten mit dem Schnee ist eine Gefühlssache.

STOL: Merken Pistenpräparierer einen Unterschied zwischen Natur- und Kunstschnee?
Natürlich. Kunstschnee ist härter und schwerer zu verarbeiten. Ich muss mehr damit tun, dafür hält er sich dann aber auch länger. Naturschnee bindet nicht so sehr. Er ist schön und einfach einzuebnen, aber dafür schieben die Wintersportler auch schneller wieder Hügel zusammen.
Ich arbeite lieber mit Kunstschnee. Weil die Basis auch mehr aushält und ich beim Drehen mit der Pistenraupe den Boden nicht aufreiße. Bei Naturschnee braucht es da einen halben Meter Unterlage.

STOL: Doch nicht nur Ihre Maschine, auch Nachschwärmer versauen Ihnen die frischpräparierten Pisten oft nach Pistenschluss. Wie sehr ärgert Sie das?
Das ärgert mich brutal. Es ist, als würde ein Maler ein Haus weiß anstreichen und dann kommt wer und pinselt schwarze Striche auf die Wand. Schneerkatzen-Fahrer sind Künstler. Sie ziehen die Pisten möglichst ebenmäßig. Der Schnee muss nach dem Fräsen ruhen - damit er einhärtet und an kommenden Tag eine perfekte Piste bildet.

STOL: Wann beginnt Ihre Arbeit als Schneekatzenfahrer?
So gegen 15 Uhr, wenn nur die Pisten zu präparieren sind. Dann werden die Maschinen kontrolliert, Öl und Raupen unter die Lupe genommen. Es wird geputzt und getankt. Ab 16.30 Uhr könnte es dann losgehen.
Bis Mitternacht haben wir unsere Arbeit dann meist getan.  
Es sei denn, es schneit bis zum Morgen. Dann starten wir um 3 Uhr nochmals und ebnen ein. Doch auch dann hat er Schnee – wie gesagt – wenig Zeit zu ruhen.

STOL: Idealste Pistenverhältnisse gibt es also, wenn es am Abend schneit, Sie die Piste präparieren und dann bis zum Morgen keiner mehr reinpfuscht …
Das wäre dann wahrlich DIE Traumpiste. Solche Verhältnisse gib es dreimal in der Saison.
Aber generell ist die Pistenpräparierung in Südtirol auf einem Top-Niveau. Das bezeugen auch die ausländischen Gäste immer wieder.

STOL: Braucht es eine spezielle Ausbildung als „Schneekatzen-Fahrer“?
Eigentlich nicht. Ein Kurs ist Pflicht. Da geht es um die Funktionsweise der Maschine. Dann heißt es: Rein ins Fahrzeug und probieren, Kollegen befragen und ein Gefühl entwickeln.

STOL: Ein Traumjob, von dem viele schwärmen?
Es ist ein Traumjob, ja. Aber es muss einem auch gefallen. Man ist nachts und immer allein unterwegs – und das vier Monate lang. Viele – vor allem Männer - schwärmen davon, wie vom Baggerfahren. Über die Zeit macht sich aber auch hier die Routine breit und viele, die begonnen haben, bleiben kein Jahr. Man muss an Sonn- und Feiertagen herhalten, wenn andere ausgehen. Deshalb gibt es nicht so viele Junge, die nachkommen.
Und kommen Arbeiten, wie das Schneeproduzieren dazu, kann eine Schicht im November und Dezember schon mal 24 Stunden lang sein.

STOL: Als Pistenpräparierer sollte man vermutlich auch den Winter mögen …?
(lacht) Gewiss. Man sollte lieber zu kalt haben, als zu heiß.

STOL: Nach Pistenschluss könnten Sie ja Vollgas geben mit der Präparierung. Warum lassen Sie da dennoch Zeit verstreichen?
Wir warten immer noch 15 bis 30 Minuten, damit die Leute die Pisten verlassen können. Pistenschluss ist derzeit um 16.30 Uhr, aber auch die letzte Bahnfahrt endet um 16.30 Uhr. Somit stehen immer noch Wintersportler oben und müssen runter.  

STOL: Sie haben also tagtäglich mit Wintersportlern auf den Pisten nach Pistenschluss zu tun?
Ja, und die Leute tun, wie sie wollen. Manche reden, pausieren, andere bleiben auf den Hütten hängen. Am Abend bleibt es auch zunehmend hell, jetzt bis etwa 17.30 Uhr, das nützen die Leute aus. Andere hingegen kommen auch erst um 22 Uhr mit Tourenskiern entlang der Pisten hoch - und fahren wieder runter.

STOL: Welche Gefahr stellen die Nachschwärmer auf der Piste dar?
Eine große. Du gehst davon aus, dass da keiner mehr ist. Wir machen unsere Arbeit und konzentrieren uns auf den Schnee vor der Schaufel. Wir schauen nicht immer 30 bis 40 Meter voraus oder zurück. Manche Nachtschwärmer haben auch kein Licht, daher sehen wir sie nur schwer.
Diese Leute sagen dann immer: Wir sehen ja die Pistenfahrzeuge. Mit all dem Licht, das wir abstrahlen, mag das stimmen, aber es ist wie auf einer Baustelle – da ist das Betreten bei Arbeiten auch verboten.

STOL: Und in welchen Momenten müssen Sie die Pistenraupen mit Seilen sichern?
Wenn das Gelände steil ist. Auf solchen Pisten wird der Schnee besonders zusammen- und nach unten geschoben. Damit das Pistenfahrzeug den Schnee wieder den Hügel hochbekommt und nicht rutscht, wird angeseilt.

STOL: Wie das Video zeigt, fahren Sie ganz schön oft die Pisten lang?
Naja. Die Pistenraupe ist rund fünf Meter breit. Die einzelnen Spuren überlappen sich um 20 bis 30 Zentimeter. Da kann man schon einige Male fahren, bis die ganze Breite geschafft ist. Zudem hängt es auch von den Konditionen ab, ob es kalt ist oder nicht.
Ist man im Funpark unterwegs (wie im Video links zu sehen), wird länger an einem Fleck, langsamer und präziser gearbeitet. 

STOL: Wie schnell sind Sie mit Ihren Monstermaschinen unterwegs?
Der Maximal-Speed liegt bei rund 20 Stundenkilometern. Meist fährt man langsamer, da die Pisten mit 15 km/h schöner werden.

STOL: Noch so ein Geheimtipp. Danke – und gute Arbeit.  

Interview: Petra Kerschbaumer

stol