Montag, 21. Juni 2021

Schüler lernen im Fernunterricht so viel wie in den Sommerferien

Matura- und Mittelschulprüfungen legen die Südtiroler Abschlussschüler heuer nur mündlich ab. Mit gutem Grund: Eine aktuelle internationale Studie hat dem Distanzunterricht während der Corona-Krise ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Forscher der Frankfurter Goethe-Universität haben sich dafür Daten aus aller Welt angesehen – das Ergebnis ist ernüchternd.

Tendenziell haben sich die Kompetenzen der Schüler während der ersten Phase des Fernunterrichts verschlechtert.
Tendenziell haben sich die Kompetenzen der Schüler während der ersten Phase des Fernunterrichts verschlechtert. - Foto: © shutterstock
Der Corona-Lockdown könnte weitreichende Auswirkungen auf die Bildung haben. Auch in Südtirol: Von 173 Schultagen haben die Oberschüler hierzulande heuer 60 Tage im Fernunterricht verbracht. Die Mittelschüler verbrachten 35 von 176 Schultagen zu Hause. Viele von ihnen legen derzeit ihre Abschlussprüfungen ab – diesmal allerdings nur mündlich.

Frühling 2020: Stagnation und Kompetenzeinbußen im Home-Schooling

Das Zeugnis für den Fernunterricht ins gesamt fällt laut einer aktuellen Studie der Goethe-Universität in Frankfurt jedenfalls vernichtend aus: „Die durchschnittliche Kompetenzentwicklung während der Schulschließungen im Frühjahr 2020 ist als Stagnation mit Tendenz zu Kompetenzeinbußen zu bezeichnen und liegt damit im Bereich der Effekte von Sommerferien“, erklärte Prof. Andreas Frey, der an der Goethe-Universität Pädagogische Psychologie lehrt, einer der Autoren der Studie.

Wo Eltern nicht unterstützen, besonders große Defizite

Für die Studie hatten Forscherinnen und Forscher in einem systematischen Review mit wissenschaftlichen Datenbanken weltweit jene Studien identifiziert, die über die Auswirkungen der coronabedingten Schulschließungen auf die Leistungen und Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern berichteten. „Wir haben nur forschungsmethodisch hochwertige Publikationen berücksichtigt, die eindeutige Rückschlüsse auf die Wirkung coronabedingter Schulschließungen auf den Kompetenzerwerb von Schülerinnen und Schülern erlauben und geeignete Tests zur Leistungs- oder Kompetenzmessung einsetzten“, erklärte Frey.

Besonders stark seien Kompetenzeinbußen bei Kindern und Jugendlichen aus sozial schwachen Elternhäusern. „Hiermit sind die bisherigen Vermutungen durch empirische Evidenz belegt: Die Schere zwischen Arm und Reich hat sich während der ersten coronabedingten Schulschließungen noch weiter geöffnet“, schlussfolgerte Frey. Allerdings gebe es auch erste Anhaltspunkte dafür, dass die Effekte der späteren Schulschließungen ab Winter nicht zwangsläufig ebenso drastisch ausfallen müssen: Inzwischen habe sich die Online-Lehre vielerorts verbessert.

Wie es im Herbst für Südtirols Schüler weitergehen wird, ist noch nicht ganz klar: „Wir möchten alle Möglichkeiten ausschöpfen, um Präsenzunterricht zu ermöglichen“, sagt Bildungslandesrat Philipp Achammer. „Wir gehen heute nicht davon aus, dass es ein ganz normales Schuljahr werden wird, aber dass wir mit ähnlichen Rahmenbedingungen starten werden, mit denen wir jetzt enden.“

dpa/stol