Donnerstag, 07. Januar 2021

„Mamma Tirol“: Schützen-Kommandant steht arg unter Beschuss

Eine Welle der Empörung hat der Landeskommandant des Schützenbundes, Jürgen Wirth Anderlan, mit einem Deutsch-Rap mit dem Titel „Mamma Tirol“ ausgelöst. Zunehmend mehr distanzieren sich auch Schützenkollegen vom Landeskommandanten. Wirth Anderlan meldete sich am Mittwochabend zu Wort.

Landeskommandant Jürgen Wirth Anderlan muss für einen Videoclip viel Kritik einstecken.
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Landeskommandant Jürgen Wirth Anderlan muss für einen Videoclip viel Kritik einstecken. - Foto: © ACEROJP
Das Video war in den sozialen Netzwerken des Schützenbundes zu Silvester online gestellt worden. In den vergangenen Tagen mehrten sich die Stimmen, die den Inhalt des Videos scharf kritisierten.

So meldete sich am Mittwoch auch Major Thomas Saurer, Landeskommandant des Bundes der Tiroler Schützenkompanien, zu Wort und stellte klar, „dass wir uns von bestimmten Inhalten dieses Videos – ungeachtet ob Zusammenhänge bewusst oder unbewusst passierten – klar distanzieren“. Der Landeskommandant der Südtiroler Schützen habe „diesen Weg der Kommunikation“ gewählt, „ich setze auf Dialog, Einbindung und Bewusstseinsbildung, nicht auf Provokation“, so Saurer, der auch auf die Vorbildfunkion als Landeskommandant verweist.

„Diese Werte geben wir nicht weiter“

Auch die Schützenkompanie A. H. St. Leonhard in Passeier distanziert sich. „Diese Werte in diesem Lied möchten und werden wir nicht übermitteln und weitergeben. Das ist nicht die DNA der S.K.A.H. Wir halten an den Werten von Tradition, Heimatverbundenheit, Kameradschaft und Glaube fest.“

Sepp Kaser, Ehrenmajor und Kulturreferent des Schützenbezirkes Eisacktal, erklärt, dass man damit keine neuen Mitglieder gewinne, wohl aber „viele, die uns wohlgesonnen sind“ verliere. Kaser bezieht sich auf Form und Inhalt des Videos.

„Frauenhass wird alltäglich gemacht“

Durch das Video werde der Frauenhass in Text und Bild alltäglich gemacht, erklärt Ulrike Oberhammer vom Landesbeirat für Chancengleichheit. Frauen werden als „billige Hur“, die „zu Hause nur rumliegen“ beschimpft. Es sei höchste Zeit, gehörte Gewalt gegen Frauen nicht weiter hinzunehmen. Sie schreibt in einer Aussendung: „Mander, es ist Zeit damit aufzuhören! Durch das Video der Südtiroler Schützen wird der Frauenhass in Text und Bild alltäglich gemacht. Dies muss unterbunden werden. Deshalb bedarf es auch in Südtiroler einer Sexismus-Debatte in Musiktexten und –videos. Und dies erst recht in einem Jahr, welches vor allem von Frauen große Opfer verlangt hat.“

Eine Petition gegen das Video erhielt in kürzester Zeit über 4000 Unterschriften.

Auch sh.asus kritisiert Schützen-Video

Die Südtiroler HochschülerInnenschaft hat noch vor anderen den problematischen Videoclip aufgegriffen und es als „populistische Provokation“ und „niveaufreies Feuerwerk der Respektlosigkeit“ tituliert. In einem vielbeachteten Statement auf Facebook unterstrich die Studentenvertretung, dass der Schützenbund auch explizit Studierende und junge Menschen allgemein angreift: „Studierende werden - wie Migranten - als wurzellos diffamiert und ihnen wird unterstellt, fast schon arrogant die Welt retten zu wollen. Außerdem nennt Wirth Anderlan junge Menschen, die sich im Rahmen der Klimabewegung engagieren, Heimatverräter. Das ist mehr als skandalös!“, ist Matthias von Wenzl, Vorsitzender der sh.asus, empört. Mit „sie kennen nicht den Ander, dafür die Greta“ werden Jugendliche auch non pauschal der Unkenntnis der Landesgeschichte bezichtigt.

Sh.asus-Vize Julian Nikolaus Rensi will das nicht so hinnehmen: „In Wahrheit zeugt es von hoher Reife und Bewusstheit um die eigene Lage, wenn weltweit und auch hierzulande Schüler und Studenten für eine lebenswerte Zukunft auf die Straße gehen. Die Behauptung, die heutige Jugend habe keine Visionen, geht an der Realität völlig vorbei.“ Der Schützenbund verkenne offenbar, dass die Jugendlichen politisch immer sensibler, wacher und bewusster würden und lege im Video ein autoritäres, bevormundendes Weltbild zutage. „Der Jugend wird somit aberkannt, eigene politische Inhalte zu prägen und zu verfolgen“, so Rensi weiter.

Wirth Anderlan fühlt sich missverstanden

Am Mittwochabend meldete sich dann Jürgen Wirth Anderlan zu Wort. Es tue ihm leid, „wenn das Video missverstanden worden ist. Rassismus, Frauenfeindlichkeit bzw. Homophobie waren nie mein Ansinnen bei der Erstellung dieses Werkes und entsprechen nicht meiner Einstellung“, schreibt er. Er sei der alleinige Verantwortliche, das Video „wurde ohne inhaltliche Absprache mit der Bundesleitung produziert. Es war eine von mir persönliche ehrenamtliche Privatinitiative, und es ist dafür kein einziger Cent von der Bundeskasse ausgegeben worden“, so Wirth Anderlan.

Wer den Text genau höre, werde erkennen, „dass er nicht von dem abweicht, was ich seit meinem Amtsantritt auch an anderer Stelle gesagt habe“. Weil sich eine Person im Video in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt sehe, „wird der Südtiroler Schützenbund das Video in absehbarer Zeit offline nehmen“.

„Parodie“ auf Video

Casa Roccia feat. Berise reagierten auf originelle Art und präsentierten am Donnerstag eine Antwort auf das Rap-Video des Schützen-Kommandanten Jürgen Wirth Anderlan.

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„Wir haben den Song geschrieben, weil wir für ein offenes Südtirol sind, wo Jeder Teil der Gesellschaft sein kann, egal welcher Hautfarbe, Religion und sexueller Orientierung. Wir sind alle eins und nur gemeinsam können wir aus diesem schönen Land ein Paradies schaffen,“ erklären die beiden Rapper.

d/stol