<BR /><b>Herr Tschiesner, Schüler sind morgens schwer aus dem Bett zu holen und ihre Laune ist meist übel. Warum ist das so?<BR /></b>Prof. Reinhard Tschiesner: Im Jugendalter ändert sich das Schlafverhalten. Der zirkadiane Rhythmus, der das Schlaf-Wach-Verhalten beeinflusst, verschiebt sich nach hinten. Liegt die natürliche Zeit, in der man zu Bett geht, bei Erwachsenen zwischen 22 und 22.30 Uhr, so rutscht er bei Jugendlichen auf 23 bis 23.30 Uhr. Diese neurobiologische Veränderung hat mit der Reifung des Nervensystems zu tun. Sie zieht sich bis ins junge Erwachsenenalter mit Anfang 20 hin.<BR /><BR /><b>Jugendliche können also nichts dafür, wenn sie am Morgen oft müde sind?<BR /></b>Tschiesner: Wenn Jugendliche im Schnitt eine Stunde später schlafen gehen, haben sie am nächsten Tag eine größere Schlafschuld, die sich ansammelt. Südtirol ist ein Land der Frühaufsteher, in der Volksmeinung heißt es, was getan ist, ist getan. Alles ist aber darauf ausgelegt, dass man zu einer „normalen“ Zeit ins Bett geht, und die Gesellschaft stempelt Jugendliche oft ab, obwohl sie nichts dafür können.<BR /><BR /><b>Wäre es also besser, wenn die Schule erst um 9 Uhr beginnt?<BR /></b>Tschiesner: Das würde den Jugendlichen entgegenkommen. Ihre psychophysische Aktivierung ist früh am Morgen nicht am Optimum. Die Schulzeiten sind dafür aber nicht gemacht, sondern für Ältere oder Jüngere. Dies gilt umso mehr für Pendler, die sich um 6 Uhr schon auf den Weg mit Bus und Zug zur Schule machen müssen, aber auch für Lehrlinge, die oft sehr früh zur Baustelle müssen und richtig „übernachtigt“ sind.<BR /><BR /><b>Also Ja zur Schule ab 9 Uhr?<BR /></b> Tschiesner: Ein späterer Schulbeginn ist eine Möglichkeit, aber nicht die einzige. Beginnt die Schule um 8 Uhr wäre es auf jeden Fall wichtig, in der ersten Stunde Tätigkeiten vorzusehen, bei denen der Schüler nicht die Hochleistung abrufen muss, wie eine freie Lernzeit. Da kann man über die Hausarbeiten noch einmal drüberschauen oder wiederholen und üben. Das Repetitive ist kognitiv nicht so anspruchsvoll, wie etwas Neues aufnehmen zu müssen, wie eine schwierige Integralrechnung in Mathe. So können sich Jugendliche langsam in den Tag hineinarbeiten.<BR /><BR /><b>In der Schule muss ein gewisses Pensum durchgezogen werden, da wird es mit freien Lernzeiten knapp. Zeiten festzulegen, liegt in der Autonomie der Schulen. In Deutschland gibt es etliche Pilotprojekte. Wäre dies auch etwas für Südtirol?<BR /></b>Tschiesner: Ja, denn den Schülern schadet es sicher nicht, es kommt ihnen im Gegenteil entgegen.<BR /><h3> Landesrat Achammer will Pilotprojekte fördern</h3>Die SVP will mit Thomas Widmann eine Einigung zu seinem Antrag finden. „Dessen Ausrichtung ist richtig. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu den Lernzeiten/-rhythmen der Schüler sind sich da einig“, so Landesrat Achammer. Schwierigkeiten ergeben sich in der Umsetzung, was Vereinbarkeit (Arbeitszeiten der Eltern), Anzahl der Unterrichtsstunden (wie unterbringen) und Kompetenz (autonome Schule entscheidet über Zeiten) betrifft. „Sinnvoll wäre deswegen, Pilotprojekte mit gleitendem Eintritt zu fördern“, so Achammer.