„Wir sind bloß als Ergänzung zum herkömmlichen Schulbetrieb zu verstehen, als möglicher Rettungsanker für Schulabbrecher bzw. Schulverweigerer“, präzisiert Sabine Mader. <BR /><BR />Eigentlich könnten sich Sabine und Klaus Mader all die zusätzlichen Mühen getrost sparen, denn schließlich haben sie mit der klassischen Hofarbeit genug um die Ohren. <BR /><BR />Kein Wunder, denn schließlich gehören zum Roaner – so wird ihr Biobauernhof Rainergut im Dorf genannt – 6 Hektar Obstwiesen, eine Futterwiese, 4 schottische Hochlandrinder, über 20 Hühner, mehrere Schweine, Schafe, Hasen und weitere Tiere. Im besonders steilen Gelände wachsen Weißtannen, gefragte Christbäume in der Weihnachtszeit. Bald schon wird Klaus einen besonderen sonnigen Teil seines Grundstücks mit Reben der Piwi-Sorte Sauvignon Gris bepflanzen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="748676_image" /></div> <BR />„Wir setzen aus Überzeugung auf Kreislaufwirtschaft und wollen diesen Grundgedanken immer stärker am Hof verankern“, sagt Klaus, der am Roaner aufgewachsen ist, diesen im Jahr 2011 von seinem Vater übernahm und ihn seitdem in enger Abstimmung mit seiner Frau Sabine weiterentwickelte. Vor 5 Jahren stellten sie den landwirtschaftlichen Betrieb auf „Bio“ um, vor 3 Jahren gingen sie einen Schritt weiter, indem sie sich die Prinzipien der biodynamischen Bewirtschaftung auferlegten. Dazu gehören beispielsweise möglichst geschlossene Kreisläufe, Artenvielfalt, Ruhephasen für die Böden, die Erzeugung des Futtermittelbedarfs am Hof und anderes mehr. <h3> Ideales Lernumfeld für hochsensible Kinder</h3>Ein Hof, auf dem sämtliche Kreisläufe hinterfragt und aufeinander abgestimmt werden, eignet sich auch vorzüglich als Lernort für Kinder, die im Grunde ja nichts lieber tun, als auf eigene Faust die Welt zu ergründen. Und in der Tat gehen derzeit 5 Kinder beim Roaner gewissermaßen zur Schule, passenderweise nennen sie sich „Roaner Lernfreunde“. <BR /><BR />Sie alle kommen mit dem gewöhnlichen Schulalltag nicht zurecht, weil sie infolge einer stark ausgeprägten Sensibilität leicht reizbar sind und zu sogenannten Übersprungreaktionen neigen. Das bedeutet: Unter Stress reagieren sie angespannt, panisch, aggressiv oder ziehen sich zurück. Häufig haben sie und ihre Eltern einen längeren Leidensweg hinter sich, haben Diagnosen wie ADS (Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom), ADHS (ADS gepaart mit hyperaktiven Verhalten), Legasthenie, Lese-Rechtschreibschwäche, Autismus oder Dyskalkulie gestellt bekommen. <BR /><BR />„Die Eltern kommen damit oft nicht klar, dabei ist es hilfreich, diesen hochsensiblen Kindern für ihre Entwicklung einen geschützten Rahmen mit klaren Strukturen zu bieten“, sagt Sabine. Dort kommen sie in der Regel wieder zur Ruhe, nehmen ihr eigenes Verhalten und ihre Bedürfnisse besser wahr und gewinnen wieder die „intrinsische Motivation am Lernen“, wie Sabine es formuliert. Intrinsisch bedeutet, dass das Lernen aus dem inneren Antrieb heraus erfolgt, letztlich will jedes Kind Tag für Tag von sich aus neu dazulernen. <h3> Tätigkeiten am Hof geben die Lerninhalte vor</h3>Es kommen eben nicht alle Kinder mit den kleinen und großen Herausforderungen des Alltags gleich gut zurecht – genauso wenig kann man übrigens die Erwachsenen alle über einen Kamm scheren. „Wir sind bloß als Ergänzung zum herkömmlichen Schulbetrieb zu verstehen, als möglicher Rettungsanker für Schulabbrecher bzw. Schulverweigerer“, präzisiert Sabine und grenzt sich zugleich klar ab von den alternativen Schulmodellen, die infolge von Corona entstanden sind. So hat sich sogar Landesschuldirektorin Sigrun Falkensteiner direkt vor Ort vom Lernkonzept überzeugt. <BR /><BR />Was macht dieses Lernkonzept nun so außergewöhnlich? „Die Kinder werden am Bauernhof in die Kreisläufe des Lebens eingebunden, verrichten hier praktische Tätigkeiten ohne die Theorie zu vernachlässigen und bekommen vor allem Strukturen, neue Sicherheiten und wertvolle Beziehungsarbeit“, fasst Sabine zusammen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="748679_image" /></div> <BR /><BR />Tatsächlich gibt es am Roaner im Jahresverlauf zwischen Wiese, Stall und Garten immer viel zu tun. Bald schon werden Pflänzchen gesetzt, im Herbst steht die entsprechende Ernte an. Unter anderem werden dann Kiwis, Kirschen, Marillen, Pfirsiche, Äpfel, alle möglichen Beeren und Gemüsesorten geerntet. <BR /><BR />Die nötige Struktur im Tagesablauf gewährleistet die Aufgabenplanung. Für gewöhnlich beginnt der Unterricht am Roaner um halb 9 Uhr morgens mit der „Begrüßung der Tiere“ im Stall. „Wir versorgen die Tiere mit Futter und Wasser und schauen, ob es ihnen gut geht. So manche Streicheleinheit darf da natürlich nicht fehlen“, sagt Klaus. Nach einem gemeinsamen Frühstück können Aktivitäten in der Werkstatt, in der Küche, im Garten oder im Feld anstehen. Der Traktor, gefährliche Maschinen oder grundsätzlich schwere Arbeiten sind dagegen tabu für die Kinder. <BR /><BR /> Heute steht sozusagen „Feldverschönerung“ auf dem Programm, ausgestattet mit kleinen Eimern suchen die Roaner Lernfreunde die Wiese nach Abfällen ab. Begleitet werden sie dabei von der Lernbegleiterin Mimi. Und gerade bei derartigen Allerweltssituationen kommen die Kinder mit allen möglichen Fragen daher. Diesen Fragen wird dann auf den Grund gegangen, aus verschiedenen Perspektiven.<h3> Insektenhotel wird zum Fächerbündel</h3>Gut lässt sich dies an einem Projekt verdeutlichen, das nun angegangen wird: Der Bau eines Insektenhotels. Allein in dieses Vorhaben lässt sich eine ganze Menge klassischer Schulstoff hineinpacken, so etwa mathematische Berechnungen (Rechnen), das Beschreiben und Dokumentieren der Abläufe (Deutsch, Italienisch, Englisch), das Nachforschen über das Insektenleben (Biologie), kunstvolles Bemalen und Gestalten (Kunst) und natürlich das Zusammenschneiden, Bohren, Sägen und Kleben (Werken). <BR /><BR />So ähnlich verhält es sich immer wieder bei den Lernfreunden – es werden Ackerflächen und deren Umzäunung berechnet, Kochrezepte aufgeschrieben, das Leben der Tiere nachrecherchiert. Mehr oder weniger werden die Kinder vollständig in das Leben und die Rhythmen am Hof integriert. In der ehemaligen Unterkunft für die Arbeiter am Hof haben Klaus und Sabine – übrigens selbst Eltern zweier Kinder – eigene Räumlichkeiten zum Lernen, Lesen, Malen und Spielen geschaffen.<h3> Ziel Wiedereingliederung</h3>„All das muss sauber dokumentiert werden, außerdem sind Gespräche ein essenzieller Bestandteil unseres Konzepts“, sagt Sabine. Nicht nur mit den Kindern wird viel gesprochen, sondern auch mit den Eltern über Fortschritte und allfällige Schwierigkeiten. Lernzielkontrollen sind genauso Teil des Gesamtkonzepts, am Ende des Schuljahres wird der Erfolg überprüft, die Schüler sollen ja wieder in den herkömmlichen Schulalltag integriert werden. Beim allerersten Schüler, einem 7-Jährigen, hat sich die Bauernhof-Schule bereits bewährt, die Wiedereingliederung in die Regelschule ist gelungen. <BR /><BR />Daraufhin haben Sabine und Klaus ihr Pilotprojekt vorangetrieben, eine Sozialgenossenschaft mit dem Namen „Roaner Lernfreunde“ gegründet und so dem Experiment ein gesetzliches Fundament gegeben. Maßgeblich unterstützt wurden sie dabei vom Experten Michael Harslem und seinem Sohn Johannes, der selbst hochsensibel ist. Natürlich bilden sich Sabine und Klaus auch laufend fort, unterfüttern so die praktischen Erfahrungen mit theoretischen Erkenntnissen aus Entwicklungspsychologie, Pädagogik und Fachdidaktik. <BR /><BR /><embed id="dtext86-53399001_quote" /><BR /><BR />Es ist ein beträchtlicher Mehraufwand, den Sabine und Klaus in Kauf nehmen, um dieses Herzensprojekt voranzutreiben. Aber sie sehen es gar nicht als Mehraufwand, sondern als Bereicherung und Notwendigkeit. Sabine sagt: „Wir sind überzeugt, dass kein Kind zurückgelassen werden muss, denn in jedem schlummern besondere Interessen und Talente. Diese gilt es in einem geeigneten und liebevollen Umfeld zu wecken und zu fördern. Hochsensible Kinder nehmen bis zu 40 mal mehr Eindrücke wahr als andere, sind deshalb in der Regel auch schneller überlastet, überfordert und überreizt. Zugleich sind sie oft auch besonders klug, hellfühlig oder eigensinnig. Dieses Phänomen zeigt sich bei den Kindern der neuen Generation immer häufiger.“ <BR /><BR />So verwundert es auch nicht, dass sich Eltern aus ganz Südtirol bereits erkundigt haben, ob im Herbst bei den „Roaner Lernfreunden“ noch ein Plätzchen für ihr Kind frei wäre. Für Sabine und Klaus ist es eine Bestätigung ihres Tuns, auch sie möchten ihr Modell weiterentwickeln, auch sie wollen immerzu Neues dazulernen.<BR />