Wir sprachen mit ihm über diese erste Hilfe bei allen seelischen Sorgen und die Möglichkeit, das Angebot vielleicht auf andere Gemeinden auszuweiten.<BR /><BR /><b>Herr Bürgermeister, in einer Landgemeinde redet man normalerweise nicht so offen über seelische Krankheiten, wie kommen sie auf einen psychologischen Notdienst?</b><BR />Albin Kofler: Wir hatten in den letzten Monaten und Jahren so viele Selbstmorde, dass wir reagieren mussten, wie wir auch bei unserer Vortragsreihe ,Gesunde Gemeinde – Gesunde Psyche' besprochen haben. Im Frühjahr 2022 richteten wir als Gemeinde einen kostenlosen psychologischen Dienst für unsere Bürgerinnen und Bürger ein. Es ist eine erste Adresse, bei der die Menschen offen über ihre Sorgen sprechen können. Es war zuerst nur ein Pilotprojekt, das erste und einzige Angebot solcher Art in Südtirol – und wird seitdem sehr gut angenommen. Es läuft seit eineinhalb Jahren und ich kann nur sagen, gerade in dieser fordernden Zeit zeigt sich, dass ein solcher psychologischer Dienst unbedingt erforderlich ist.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="956881_image" /></div> <BR /><BR /><b>Haben die seelischen Leiden während der Coronakrise zugenommen?</b><BR />Kofler: Ja, und während der Krise konnten die Vorträge von ,Gesunde Psyche' ja gar nicht stattfinden. Immer mehr Menschen wurden während der Pandemie und danach von Sorgen, Ängsten und psychischen Belastungen geplagt. Für diese sollte eben ein Angebot mit niedriger Hemmschwelle geschaffen werden, das unbürokratisch, aber auch zeit- und wohnortnah ist.<BR /><BR /><b><b></b>Und es ist völlig kostenlos?</b><BR />Kofler: Ja, das ist uns wichtig, und es ist völlig anonym. Es findet in einem geschützten Rahmen statt. Unser Psychologe Oskar Außerer, der auch beim Projekt Gesunde Psyche maßgeblich mitgearbeitet hat, empfängt jeden und jede gern, ohne etwas über die Gespräche aufzuzeichnen oder zu dokumentieren.<BR /><BR /><b>Welche Themen werden da besprochen?</b><BR />Kofler: Die Leute sind froh, dass ihnen jemand aufmerksam zuhört, wenn sie sich mit den verschiedensten Problemen an ihn wenden. Es kommen nicht nur psychologische Themen zur Sprache, sondern es geht auch um Schwierigkeiten des täglichen Lebens wie das Erben oder um die Rechte nach einer Scheidung. Oft kann die neutrale Sicht auf ein Problem schon die Lösung in Gang setzen.<BR /><BR /><b>Wie finden die Leute aus ihrer Gemeinde den Zugang zur psychologischen Beratung?</b><BR />Kofler: Im Karneider Bötl wird jeden Monat ein Bericht über ein psychologisches Thema veröffentlicht. Ängste, Depression und Trauer, Gottvertrauen und Geduld, Veränderung und Entscheidungen waren einige der Themen. Es wird da jedes Mal auf den kostenlosen Beratungsdienst hingewiesen und es werden die Kontaktdaten des Psychologen veröffentlicht, der telefonisch und per E-Mail erreichbar ist – oft auch zu ungewöhnlicher Stunde. <BR /><BR /><b>Nachdem das ganze so gut funktioniert – wäre angedacht, es auch in anderen Gemeinden anzubieten?</b><BR />Kofler: Ja, so wie unsere Vortragsreihe ,Gesunde Psyche' auf das ganze Land ausgedehnt wird, könnte ich mir gut vorstellen, dass der psychologische Beratungsdienst im ganzen Eggental angeboten werden könnte. Eines muss ich betonen: Ich verstehe das Angebot nicht als Konkurrenz zu den Anlaufstellen des öffentlichen Gesundheitsdienstes. Wer eine Therapie braucht, wird natürlich an die Fachstellen weiter verwiesen.<BR />