Donnerstag, 03. Juni 2021

„Sehnsucht Kind“: Selbsthilfegruppe für ungewollt kinderlose Paare

Die Initiative wuchs während der Kampagne MutterNacht 2020: Das Haus der Familie am Ritten veranstaltete im vergangenen Jahr vor dem Muttertag gemeinsam mit einem Dutzend Südtiroler Organisationen die Sensibilisierungskampagne „Sehnsucht Kind. Ungewollt kinderlos – und dann?“. Mehr als 25 Frauen und Paare trugen mit ihren persönlichen Geschichten zur Enttabuisierung des Themas bei. Ein Buch entstand und in der Folge auch der Wunsch, eine Selbsthilfegruppe zu gründen.

Paare, die ungewollt kinderlos sind, können sich in der neuen Selbsthilfegruppe austauschen. (Symbolbild)
Badge Local
Paare, die ungewollt kinderlos sind, können sich in der neuen Selbsthilfegruppe austauschen. (Symbolbild) - Foto: © Shutterstock / shutterstock
Betroffene erzählen im Buch, wie gerne sie sich mit anderen Paaren ausgetauscht hätten. Doch es gibt landesweit keine Gruppe, die sich mit diesem Thema beschäftigt.

Nun hat das Haus der Familie gemeinsam mit der Dienststelle für Selbsthilfegruppen im Dachverband für Soziales und Gesundheit und mit Unterstützung des Katholischen Familienverbandes die Selbsthilfegruppe „Sehnsucht Kind“ ins Leben gerufen. Die Gruppe startet am 8. Juni um 19.30 Uhr am Sitz des Katholischen Familienverbandes in Bozen und wird von der selbst betroffenen EEH-Fachberaterin Karin Angelika Planker aus St. Ulrich geleitet. Interessierte können sich ab sofort melden.

Einmal im Monat werden sich Betroffene künftig am Sitz des Katholischen Familienverbandes in der Wangergasse 29 in Bozen treffen und das Thema von ungewollter Kinderlosigkeit besprechen. Sowohl Einzelpersonen wie Paare sind willkommen. Die Leiterin der Selbsthilfegruppe Karin Angelika Planker hat selbst schmerzhafte Wege in der Kinderwunsch-Praxis hinter sich: „Nach 2 erfolglosen Versuchen mit künstlicher Befruchtung war ich am Boden zerstört und total verzweifelt“, erzählt sie. Sich mit Anfang 30 mit der Realität von ungewollter Kinderlosigkeit anzufreunden, schien ihr unmöglich.

Raum für Betroffene, sich in geschütztem Rahmen auszutauschen

„Ich stand vor der großen Frage, welchen Sinn mein Leben überhaupt hat, wenn ich nicht Mutter sein kann“, sagt die heute 45-Jährige. Weitere Versuche künstlicher Befruchtung kamen für sie nicht in Frage. Der körperliche Schmerz von Hormonspritzen und Behandlungen, aber vor allem viel psychischer Schmerz waren geblieben. Da sei viel Trauer gewesen und niemand, der sie auffangen konnte, mit dem sie sprechen hätte können oder die mitfühlend einfach nur da war. Nach depressiven Verstimmungen hat sich Karin Angelika Planker mit dem Thema intensiv auseinandergesetzt und steht heute mit beiden Beinen am Boden. Bei der MutterNacht 2020 hat sie das erste Mal öffentlich über das sehr persönliche Thema gesprochen.

Sie möchte andere Betroffene im Rahmen der Selbsthilfegruppe „Sehnsucht Kind“ begleiten und ihnen einen Raum geben, in dem sie sich in geschütztem Rahmen austauschen, ihren Schmerz und ihre Hoffnungen ausdrücken können. Sie freut sich, dass das Rittner Haus der Familie, die Dienststelle für Selbsthilfegruppen im Dachverband für Soziales und Gesundheit und der Katholische Familienverband das Vorhaben inhaltlich, organisatorisch und räumlich mittragen.

Anmeldungen nimmt Karin Angelika Planker unter der Telefonnummer 338/6032603 oder per E-Mail [email protected] entgegen.

Den folgenden Text hat Karin Angelika Planker anlässlich des letztjährigen Themas zur MutterNacht 2020 „Sehnsucht Kind. Ungewollt kinderlos – und dann?“ geschrieben.

Kind gesucht – mich selbst gefunden

„Das Thema Kinderwunsch begleitet mich schon seit meiner Kinder- und Jugendzeit. Damals sagte ich schon, dass mein allergrößter Wunsch jener ist, Mutter zu werden und eine große Familie zu haben. Mein größter Albtraum war, kinderlos zu bleiben. Auch meine Berufswahl habe ich mit meinem Kinderwunsch im Hinterkopf gewählt und so bin ich Kinderkrankenpflegerin geworden.

Als ich dann mit 25 Jahren geheiratet habe, konnte ich es kaum erwarten, schwanger zu sein. Es vergingen Wochen und Monate, mit einem Auf und Ab von Gefühlen, zwischen Hoffnung und Trauer, gepaart mit vielen geweinten und nicht geweinten Tränen, von einer Monatsblutung zur anderen.

Inzwischen waren 2 Jahre vergangen, aber das Kinderglück hatte sich immer noch nicht eingenistet und es tauchten die ersten fürchterlichen Gedanken auf: 'Was, wenn wir keine Kinder bekommen? Was, wenn mein allergrößter Albtraum Realität wird?'. Doch nein, diese Gedanken ließ ich schnell los, denn es gibt ja Hilfe, vielversprechende Hilfe.

So begann unsere Reise durch die medizinische Kinderwunsch-Praxis. Nach 2 erfolglosen Versuchen mittels künstlicher Befruchtung doch noch zu unserem so sehr gewünschten Kind zu kommen, war ich am Boden zerstört und total verzweifelt. Trat nun wirklich mein Albtraum ein? Musste ich mich wirklich mit der Realität anfreunden, kinderlos zu bleiben? Ich war Anfang 30 und stand vor der großen Frage: Welchen Sinn hat mein Leben, wenn ich nicht Mutter sein kann?

Weitere Versuche mit der künstlichen Befruchtung kamen für mich nicht in Frage. So viel Schmerz, körperlicher Schmerz von den Hormonspritzen und von den Behandlungen, aber vor allem so viel psychischer Schmerz war geblieben... zu viel. So viel Trauer und keiner da, der einen auffängt und weiterhilft, mit dem man sprechen kann, der mitfühlend einfach nur da ist. Stark traumatisiert stand ich total neben mir und wusste gar nicht, wie und ob ich mein Leben weiterleben mochte. Die Depression hatte mich voll eingenommen.

Wertlos fühlte ich mich. Alleine fühlte ich mich. All meine Freundinnen hatten in der Zwischenzeit Kinder bekommen und ich gehörte da einfach nicht mehr dazu, denn ich konnte ja gar nicht mitreden.

Ich kündigte meine Arbeitsstelle und orientierte mich neu, doch meine Lebensfreude blieb irgendwo auf der Strecke. Es vergingen einige Jahre, in denen ich auf der Suche nach dem Sinn des Lebens war und die von großen depressiven Momenten gekennzeichnet waren.

Im Außen hat man mir das nicht angesehen, denn ich war gut darin, meine Gefühle zu unterdrücken und darüber gesprochen habe ich auch mit niemandem. Zu groß war die Angst, dass ich die große Trauer, die in mir brodelte, nicht mehr in Schach halten konnte.

Im Rückblick kann ich heute sagen, dass ich damals viele Jahre in einem Schockzustand gelebt habe, aus dem ich erst durch eine psychotherapeutische Begleitung wieder herauskam. Ich begann wieder mich selbst und meine Bedürfnisse zu spüren und in einem zweiten Moment auch zu äußern.

Durch den Kontakt zu mir und vor allem zu meinem inneren Kind konnte und kann ich auch heute die Freude am Leben wieder vermehrt spüren.

Nun versuche ich im Hier und Jetzt zu leben und das Leben zu genießen, auch ohne eigene Kinder. Dies gelingt mir mal mehr und mal weniger, aber ich verurteile mich nicht dafür, sondern nehme das wahr und nehme es an. Die Hoffnung auf eine eigene Familie habe ich noch nicht ganz verloren und ich weiß, dass ich noch viel Trauer zu verarbeiten habe, falls diese Hoffnung in ein paar Jahren irgendwann für immer versiegen wird, denn meine biologische Uhr kann ich nicht aufhalten.

Ich habe aber gelernt, dass mit Selbstliebe und Dankbarkeit im Herzen auch die dunkelsten Momente hell leuchten können, sodass ich den Kontakt zu mir selbst nicht mehr verlieren werde. So kann ich nun mit Freude sagen, dass ich auf der Suche nach dem Kind mich selbst gefunden habe.“

stol