Der Unfall, der später als erste Tragödie des Cermis in die Geschichte eingehen sollte, ereignete sich am 9. März 1976 kurz nach 17 Uhr.<BR /><BR />Es war eine der letzten Fahrten des Tages – jene, die viele Skifahrer noch schnell nehmen, um nach Stunden auf den Pisten ins Tal zurückzukehren. In der Kabine, die von der Alpe Cermis oberhalb von Cavalese abfuhr, befanden sich 43 Menschen: 21 deutsche Touristen, elf Italiener – darunter einige Studenten aus Mailand –, sieben Österreicher, ein Franzose sowie der Maschinist der Anlage und mehrere Arbeiter der Seilbahn.<BR /><BR />Dann geschah das Unglück: Das Tragseil der Anlage riss plötzlich. Die Kabine stürzte rund 30 Meter tief auf den Berghang. Anschließend rutschte sie noch etwa 100 Meter weiter, bevor sie schließlich auf einer Wiese im Tal zum Stillstand kam.<BR /><BR />Die Bilanz war verheerend: 42 Menschen verloren ihr Leben.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1286193_image" /></div> <h3> Alessandra (14) überlebte als Einzige</h3>Die einzige Überlebende war die 14-jährige Alessandra Piovesana aus Mailand. Sie überstand den Absturz, weil die Körper der anderen Skifahrer sie beim Aufprall schützten und wie ein Schild über ihr lagen. Ein ähnliches Schicksal ereilte viele Jahre später, 2021, auch den kleinen Eitan beim tragischen Seilbahnunglück am Mottarone am Lago Maggiore.<BR /><BR />„Ich erinnere mich an das Unglück, als wäre es gestern gewesen“, sagte Piovesana in einem Interview mit den Dolomiten am 5. Februar 1998. Ihr Kopf, ihre Augen, das Herz und auch der Schmerz seien noch immer dort – fast so, als hätten die vergangenen 22 Jahre gar nicht stattgefunden. Entsprechend lebendig waren ihr die dramatischen Augenblicke von damals im Gedächtnis geblieben:<h3> „Ich dachte, ich muss sterben“</h3>„Ich bin mit 2 Freunden in die Bahn gestiegen. Die Kabine war übervoll. Dann ging's los. Aber schon beim ersten Pfeiler wurde die Fahrt abrupt gestoppt. Ich stand ganz vorne. Die Seile schwangen stark hin und her. Ich dachte, jetzt muss ich sterben. Dann plötzlich der Fall ins Leere. Ich wurde ohnmächtig.“<BR /><BR />Wenig später kam die 14-jährige Alessandra in der völlig zertrümmerten Kabine wieder zu sich. Schmerzen verspürte sie zunächst keine, bemerkte jedoch sofort, dass beide Beine gebrochen waren. Ihr erster Gedanke galt ihren beiden Freunden Francesca und Gianni. Sie waren tot – ebenso wie die weiteren 40 Insassen der 17-Uhr-Fahrt.<BR /><BR />Wie die Zeitung Alto Adige später berichtete, versuchte Piovesana noch selbst, die Tür der Kabine zu öffnen. Danach fragte die 14-Jährige, ob sie ihre Mutter anrufen könne.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1286187_image" /></div> <BR /><BR />Später schrieb „La Repubblica“ in einem Online-Bericht, dass Piovesana imstande war, trotz der Verletzungen das Schuljahr noch erfolgreich zu beenden. Dabei hatte es mehrere Monate gedauert, bis die Verletzungen geheilt waren und sie wieder die Schulbank drücken konnte. „Ich habe dieses Jahr nicht verloren und habe es geschafft, weiterzumachen“, erzählte sie deshalb mit Stolz. „Meine Familie, meine Klassenkameraden und meine Freunde haben mir dabei sehr geholfen.“<BR /><BR />Vom Unglücksort wollte sie nichts mitnehmen – sie bewahrte weder Zeitungsberichte von 1976 auf noch Fotos oder Souvenirs. Piovesana wurde für den Absturz ein Schadenersatz von 50 Millionen Lire zugesprochen. Sie arbeitete später als freie Journalistin – und schrieb beispielsweise für die Monatszeitschrift „Airone“. Körperliche Spätfolgen hatte das Seilbahnunglück nicht. „Nur wenn ich mit dem Auto rückwärts fahre, überkommt mich hin und wieder ein seltsames Gefühl“, sagte sie den „Dolomiten“. Mit einer Seilbahn sei sie aber nie mehr gefahren. Piovesana starb früh – im Jahr 2009, mit nur 47 Jahren, an einer Krankheit.<BR /><h3> Zugseil legte sich über Tragseil</h3>Die Untersuchungen zur Klärung der Ursachen und möglicher Verantwortlichkeiten erwiesen sich als langwierig und schwierig.<BR /><BR />Gutachten kamen zu dem Ergebnis, dass der Absturz durch das Abschalten der automatischen Sicherheitssysteme verursacht worden war. Nach Auffassung der Anklage geschah dies, um den Transport der Passagiere zu beschleunigen.<BR /><BR />Beim manuellen Bedienen der Anlage kam es schließlich dazu, dass sich das Zugseil über das Tragseil legte. Dadurch wurde das Tragseil durchtrennt – und die Kabine stürzte ab.<BR /><BR />Der italienische Kassationsgerichtshof erklärte schließlich den Maschinisten Carlo Schweizer zum allein Verantwortlichen. Da er ohne gültige Lizenz gearbeitet hatte, wurde er wegen fahrlässiger Herbeiführung einer Katastrophe zu drei Jahren Haft verurteilt.<h3> Verteidiger Schweizers: „Er wurde zum Sündenbock gemacht“</h3>Nach Angaben seines Verteidigers wurde Schweizer jedoch zum Sündenbock für Verantwortlichkeiten gemacht, die eigentlich die Betreiberfirma der Seilbahnanlagen betrafen. Durch Begnadigungen und Amnestien verbrachte er letztlich „nur“ neun Monate im Gefängnis.<BR /><BR />„Ich bin verlassen worden, habe noch immer keine Arbeit und lebe zwischen tausend Demütigungen“, sagte Schweizer nach der Stava-Katastrophe im Juli 1985, die sich ebenfalls im Val di Fiemme ereignete. Damals kamen 268 Menschen ums Leben, als eine Schlammlawine aus den Absetzbecken der Prestavel-Mine das Tal überrollte.<BR /><BR />Schweizer starb kurz nach der zweiten Cermis-Tragödie von 1998. Bei den Beerdigungen der zwanzig Opfer wurde für ihn, unter Tränen und 22 Jahre später, jener verhängnisvolle 9. März 1976 wieder lebendig.<BR /><BR />Neben dieser „ersten Tragödie von Cermis“ kam es 22 Jahre später zu einem weiteren Seilbahnunglück in Cavalese. 1998 durchtrennte ein US-amerikanischer Kampfjet das Seil der Kabinenbahn von Cermis. 20 Menschen starben, darunter auch 2 Südtirolerinnen. <a href="https://www.stol.it/artikel/chronik/3-februar-1998-todestag-auch-fuer-2-suedtirolerinnen" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">(Hier mehr dazu)</a><BR /><BR /> <a href="https://www.stol.it/suche/Blick%20ins%20Archiv" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Hier finden Sie weitere Artikel aus unserer Serie „Blick ins Archiv“.</a>