Max Zanellini war selbst knapp fünf Jahre lang obdachlos. Im Interview spricht er über seine schlimmsten Erfahrungen, seinen engsten Freund in dieser schweren Zeit und über sein heutiges Leben.<BR /><BR /><b> Herr Zanellini, Sie haben knapp fünf Jahre auf der Straße gelebt. Wie kam es dazu?</b><BR />Max Zanellini: Ich war ins Ausland gezogen, musste aber aus verschiedenen Gründen zurückkommen. Durch einige Probleme landete ich schließlich auf der Straße – das war im Jahr 2018.<BR /><BR /><b> Wie war die Anfangszeit?</b><BR />Zanellini: In den ersten Tagen war ich komplett verloren. In meinem Kopf schwirrte stets der Gedanke: „Was mache ich jetzt?“ Ich wusste nicht mal, wo ich schlafen sollte. Nach einiger Zeit gelang es mir, Decken und Kleidung zu besorgen. Anfangs konnte ich nicht einschlafen. Trotzdem habe ich versucht, schlechte Gedanken zu vermeiden und nicht zu verzweifeln.<BR /><BR /><b>Wie ging es dann weiter?</b><BR />Zanellini: Mit der Zeit habe ich herausgefunden, wo ich mir Lebensmittel und andere Utensilien besorgen kann. Als ich auf der Straße lebte, hatte ich das große Glück, drei Personen kennenzulernen: Hugo, Erika und Sara. Hugo und Erika kümmern sich um die Katzenkolonie, die sich entlang der Guntschnapromenade befindet. Dort habe ich auch die meiste Zeit verbracht. Sara dagegen kam immer dorthin zum Spazieren und versorgte mich mit verschiedenen Hygieneartikeln: Feuchttücher und Seife etwa. Dank ihr konnte ich mich – entsprechend den Umständen – zumindest ein bisschen sauber halten.<BR /><BR /><b> Was haben Sie den ganzen Tag über gemacht?</b><BR />Zanellini: Ich bin sehr viel gelaufen – deshalb habe ich heute auch eine sehr gute Muskulatur (lacht). Zudem habe ich viele Bücher gelesen, unter anderem den Klassiker „Es“ von Stephen King. Ansonsten habe ich mich aber oft nutzlos gefühlt. Die Zeit wollte nicht vergehen, der Tag schien kein Ende zu nehmen. Eigentlich habe ich nur darauf gewartet, wieder schlafen gehen zu können.<BR /><BR /><b> Was sind Ihre schlimmsten Erinnerungen an jene Zeit?</b><BR />Zanellini: Der Winter 2020/21 war sehr schlimm. Die Temperaturen gingen weit unter null, und wegen der Corona-Pandemie war vieles noch geschlossen – es gab also keine Möglichkeit, sich aufzuwärmen. Ich lief deshalb den ganzen Tag herum, und abends ging ich mit der Angst schlafen, am nächsten Morgen wegen der Kälte nicht aufzuwachen. Zum Glück hatte ich einen Freund auf vier Pfoten kennengelernt: Eine Katze aus der Kolonie von Hugo und Erika. Sie war stets bei mir und am Abend habe ich sie als lebendigen Heizkörper genutzt. Die Katze strahlte so viel Wärme aus, dass ich sie irgendwann aus dem Schlafsack lassen musste. Eine weitere negative Erfahrung waren die abwertenden Blicke einiger Passanten.<BR /><BR /><b>Gibt es auch positive Erinnerungen an diese Zeit?</b><BR />Zanellini: Den wenigen unguten Blicken stehen viele freundliche Menschen gegenüber, die mir ein Lächeln oder ein kurzes Gespräch geschenkt haben. Ich habe damals viele neue Freunde kennenlernen dürfen. Zu einigen von ihnen habe ich heute noch Kontakt. Generell ist mir aufgefallen, dass die Stadt Bozen gar nicht so intolerant ist, wie man denkt. Es gibt viel Solidarität, auch wenn es nur kleine Gesten sind.<BR /><BR /><b> Wann hat sich das Blatt zu Ihren Gunsten gewendet?</b><BR />Zanellini: Nachdem ich den extrem kalten Winter 2020/21 überstanden hatte, verlor ich die Angst. Ich dachte mir: „Schlimmer kann es nicht mehr werden.“ Rückblickend betrachtet haben mich meine Gesundheit – ich war nicht ein einziges Mal krank in der Zeit auf der Straße – und mein Optimismus gerettet. Andernfalls hätte ich die Zeit wohl nicht überlebt. Im Frühherbst 2021 habe ich dann Paul Tschigg vom „Dormizil“ kennengelernt. Diese Begegnung hat mein Leben verändert. Paul hat mir angeboten, in das private „Dormizil“-Winternachtquartier in der Rittner Straße zu kommen. Ich war zunächst skeptisch, habe dann aber zugesagt. Von da an begann der Aufstieg. Im „Dormizil“ war ich mit drei anderen Personen in einer Wohnung untergebracht. 2021 und 2022 wurde das Gebäude als Nachtquartier genutzt, anschließend begann der Umbau – heute gibt es neun Wohnungen für Obdachlose. Ich habe Paul Tschigg alles zu verdanken: Ohne ihn wäre ich heute nicht da, wo ich bin.<BR /><BR /><b>Wieso haben Sie, als Sie auf der Straße lebten, nicht Hilfe bei Freunden gesucht?</b><BR />Zanellini: Weil ich mich geschämt habe. Ich habe niemandem Bescheid gegeben, was passiert war, und nach einiger Zeit ist mein Handy kaputtgegangen. Wie ich im Nachhinein erfuhr, haben meine engsten Freunde erfahren, dass ich auf der Straße lebte. Als ich 2022 im „Dormizil“ schlief, haben sie sich an Paul gewandt und ihn gefragt, ob ich sie sehen möchte. Damals wollte ich das nicht. Vor zwei Jahren habe ich dann zufällig auf dem Heimweg einen Freund getroffen. Wir haben geredet, als wäre nie etwas passiert.<BR /><BR /><b> Wie sieht Ihr Leben heute aus?</b><BR />Zanellini: Im Jahr 2022 hat mich Paul Tschigg gefragt, als was ich gerne arbeiten würde. Ich antwortete: „Das ist mir egal, es muss aber etwas an der frischen Luft sein.“ Daraufhin kam mein Engagement bei der Gärtnerei Schullian zustande, wo ich heute noch arbeite. Die Arbeit gefällt mir sehr gut, zudem habe ich ein sehr gutes Verhältnis mit meinen Kollegen. Ich wurde stets respektiert und nie schief angeschaut. Seit 2023 wohne ich in einer Housing-First-Wohnung des „Dormizil“. Vor Kurzem habe ich mir zwei kleine Katzen zugelegt, die mich auf Trab halten. <BR /><BR /><b> Wie hat Sie das Leben auf der Straße verändert?</b><BR />Zanellini: Verändert hat es mich auf jeden Fall. Ich schätze heute viele Kleinigkeiten, wie eine Wohnung oder einen Einkauf. Früher wollte ich nur schlafen, um dem Elend zu entfliehen. Heute freue ich mich morgens aufzuwachen, auch wenn ich arbeiten muss. Ich habe Verantwortung, zwei Katzen und einen Alltag. Das fühlt sich wie Normalität an, und dafür bin ich sehr dankbar.