Chacas ist eine Stadt mit etwa 3.000 Einwohnern in den peruanischen Anden. Sie liegt auf über 3.300 Metern Höhe, 110 Kilometer vom bekannten Bergsteigerort Huaraz entfernt. Die Menschen leben größtenteils von der Landwirtschaft – vom Anbau von Kartoffeln, Mais, Weizen und in letzter Zeit auch von Erdbeeren. Wer nach Chacas gelangen will, muss einen 4.700 Meter hohen Pass überqueren. Die jetzt asphaltierte Straße schlängelt sich hinauf und hinab, zwischen den Gletschern der „Cordillera Blanca“. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1358478_image" /></div> Kaum Fahrzeuge sind in dieser abgelegenen Gegend unterwegs. „Früher, als es am höchsten Punkt des Passes noch keinen Tunnel gab, war die Reise nach Chacas immer ein Abenteuer“, erzählt Matteo Prinoth. Die Strecke führte damals bis auf 4.900 Meter Höhe. Das letzte Stück war eng, steil und gefährlich. Immer wieder wurde der Weg durch Lawinen und Steinschläge unterbrochen. Auch heute noch ist Vorsicht geboten.<BR />Unberechenbar und unvergleichlich schön präsentiert sich die Landschaft: kristallklare Bergseen, Schafe und Kühe auf den Weiden, schneebedeckte Fünf- und Sechstausender. „Die Gletscher sind allerdings seit meiner Ankunft stark geschmolzen“, sagt Prinoth. <h3> Warum P. Ugos Wahl auf Chacas fiel</h3>Im Jahr 1990 war er erstmals mit seiner Schwester und Freunden nach Peru gereist. Schon 35 Grödner Bildhauer und Statuenmaler waren seit 1978 nach Chacas gekommen, um dort unentgeltlich ihr Handwerk armen Buben beizubringen. Auch Matteo Prinoth war Bildhauer, begeisterter Bergsteiger und engagierte sich in der Volkstanzgruppe sowie in der Jugendgruppe seiner Pfarrei. Und er war auf der Suche nach etwas, das seinem Leben Erfüllung geben konnte – etwas, wofür es sich wirklich lohnte, sein Leben einzusetzen. <BR /><BR />Prinoth war von den Erzählungen und Fotos der Grödner, die aus Chacas zurückkehrten, beeindruckt. Sie waren dort zum Bergsteigen gewesen und hatten P. Ugo De Censi kennengelernt. Der Salesianer hatte 1976 in Chacas eine Missionsstation seiner Bewegung „Mato Grosso“ gegründet. Auf der Landkarte hatte er den Ort mitten in den Bergen ausgesucht. Chacas hatte es ihm angetan, hier wird die Muttergottes stark verehrt. „Mama Ashu“ bezeichnet in der Sprache Quechua die Jungfrau Maria Himmelfahrt. Als Zeichen seiner Hingabe an „Mama Ashu“ und um einigen Waisenkindern, die er in der Pfarrei aufgenommen hatte, eine Ausbildung zu ermöglichen, wollte er den kolonialen Hochaltar („retablo“) der Kirche restaurieren lassen. So begann die Schnitzschule und das Internat „Taller Don Bosco“. P. Ugo war also auf der Suche nach fähigen Handwerkern für seine Werkstätten und in den Grödner Bildhauern fand er eine wertvolle Hilfe.<h3> Eine große Liebe</h3>In Chacas brachte Prinoth den Jugendlichen das Holzschnitzen bei. Sie lernten mit großer Begeisterung. Auch bei ihm selbst hinterließ der Aufenthalt tiefe Spuren. Wieder zu Hause nach sieben Monaten, engagierte er sich bei der von P. Ugo gegründeten Bewegung „Operazione Mato Grosso“ (OMG). Bei zahlreichen Arbeitseinsätzen zugunsten der Missionen erlebte er Begeisterung und wahre Freundschaft. Seine Gedanken jedoch waren stets bei Peru. Eines Tages erreichte ihn ein Brief von P. Ugo: „Matteo, lass alles liegen und stehen. Komm für lange Zeit nach Peru.“ Diesem Ruf folgte er. Prinoth ließ alles hinter sich, um in den Anden zu leben und den Menschen dort zu helfen. Es war alles andere als ungefährlich: Anfang der 1990er-Jahre herrschten in Peru Terror und Gewalt. Auch ein Laie und ein Priester der „Operazione Mato Grosso“ wurden ermordet. <BR /><BR />Neben seiner Arbeit in der Holzschnitzschule bzw. -werkstatt engagierte sich Prinoth in der Katechese durch das „Oratorio Don Bosco“ in den umliegenden kleinen Dörfern. Dort lernte er auch seine spätere Frau Alessandra kennen, die vom Comer See stammte und auf einer rund drei Stunden entfernten Missionsstation lebte. Zunächst verband die beiden eine Freundschaft. „Das Gebet hat uns in dieser turbulenten Zeit sehr geholfen“, erinnert sich Prinoth. 1995 heirateten sie. Gemeinsam gründeten sie eine Familie und bekamen fünf Kinder. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1358484_image" /></div> <h3> „Gemeinsam wachsen“</h3>Alessandra, gelernte Floristin, leitete eine Frauengruppe, die sich nachmittags traf, um verschiedene Handarbeiten anzufertigen. Der Erlös aus deren Verkauf kam gänzlich den Ärmsten zugute. Zugleich boten die Treffen die Möglichkeit, die Frauen und Mütter bei ihren Herausforderungen zu unterstützen.<BR /><BR />Außerdem arbeitete Alessandra in den Küchen, organisierte die verschiedenen Mensen und Pfarrküchen und war für die Verteilung von Lebensmitteln an Bedürftige zuständig. Etwa alle zwei Jahre kehrte die Familie für einige Monate nach Italien zurück, um ihre Angehörigen und Freunde zu besuchen. Aber ihr Lebensmittelpunkt sollte für eine lange Zeit Chacas bleiben. „Das Schöne an meinem Einsatz ist, dass ich gemeinsam mit den Jugendlichen wachsen durfte“, sagt Prinoth.<BR /><BR /> Gemeinsam bemühten sie sich, ihr Leben stärker am christlichen Glauben auszurichten und in den Dienst ihrer Mitmenschen zu stellen. Samstags und sonntags begab sich die Familie in das nahe gelegene Dorf Rayàn, wo Prinoth und seine Frau als Katechisten wirkten.<BR /><BR />Zusammen mit den Jugendlichen leisteten sie dort konkrete Hilfe für die Ärmsten des Ortes. Für bedürftige Witwen und ältere Menschen wurde Schritt für Schritt aus Lehm ein neues Haus errichtet. Auf diese Weise konnte im Laufe der Jahre vielen Menschen geholfen werden. Gleichzeitig lernten die Jugendlichen, dass man mit Zusammenhalt und gutem Willen viel leisten kann. Die Arbeit einigte die Dorfgemeinschaft.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1358487_image" /></div> <h3> Reich beschenkt</h3><BR />Die kleine Kapelle von Rayàn war in einem sehr schlechten Zustand: Sie hatte keine Fenster, bei Regen tropfte das Wasser ins Innere, und zudem bot sie kaum Platz für die Gläubigen. Prinoth begann, in Italien Spenden zu sammeln. Unterstützung erhielt er auch von missio Bozen-Brixen. Nach mehreren Jahren konnte die neue Kirche schließlich fertiggestellt werden.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1358493_image" /></div> Obwohl Chacas abgelegen ist, zählt der Ort heute dank P. Ugos Arbeit, der Handwerkskunst und der schönen Landschaft zu den bekanntesten Andendörfern Perus. Der soziale und geistige Einsatz von P. Ugo brachte Chacas Wohlstand; die Menschen erhalten eine Ausbildung und einen Arbeitsplatz. Die vielen Freiwilligen in Chacas und in den verschiedenen Missionen der „Operazione Mato Grosso“ wirken hingegen unentgeltlich. Unterkunft und Verpflegung werden ihnen von der Mission zur Verfügung gestellt. Matteo Prinoth hat dies nie gestört. „Ich glaube an die göttliche Vorhersehung und habe sie auch viele Male selbst erfahren“, sagt Prinoth. Er habe stets versucht, sein Bestes zu geben, und sei dabei selbst reich beschenkt worden, „viel mehr, als einer sich auch nur wünschen könnte“. Von P. Ugo, ihrem geistlichen Wegbegleiter, erhielten die Freiwilligen immer wieder gute Ratschläge und Ermutigung.<h3> Die Zukunft steht offen</h3>Seit einigen Jahren teilt Prinoths Familie ihre Zeit zwischen Italien und Peru auf. Als Alessandras Eltern pflegebedürftig wurden, kehrte sie nach Italien zurück, um sich um sie zu kümmern. Inzwischen sind die Eltern verstorben, die gemeinsamen Kinder erwachsen. Wie die Zukunft aussehen wird, ist offen. Eines jedoch steht für das Ehepaar fest: Sie möchten weiterhin dem Ideal der Bewegung „Operazione Mato Grosso“ treu bleiben.<BR />„Das ist unser Leben“, sagt Prinoth. „Und es macht auch uns zu besseren und glücklicheren Menschen, wenn wir mehr auf andere als auf uns selbst schauen.“ <h3> Hintergrund</h3><b>Die Bewegung „Operazione Mato Grosso“ (OMG)</b><BR /><BR />Nach dem brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso benannte der Salesianer P. Ugo De Censi (1924-2018; Bild) seine Organisation. 1967 organisierte er den ersten Einsatz von Jugendlichen in der Mission. Es gelang ihm, zahlreiche junge Menschen für seine Idee zu begeistern und zur Mitarbeit zu gewinnen. In ganz Italien entstanden Jugendgruppen, die manuelle Arbeiten ausführten, um Geld für die Ärmsten in der Mission zu verdienen. Bis heute werden die Spesen der Missionsarbeit hauptsächlich durch den unentgeldlichen Arbeitseinsatz der Freiwilligen in Italien gedeckt. OMG möchte eine Brücke für die Jugendlichen zur Kirche sein. Derzeit ist die Bewegung mit Missionen in Brasilien, Ecuador, Bolivien und Peru aktiv. Die Freiwilligen bilden junge Menschen vor Ort aus, vermitteln christliche Werte und führen soziale Arbeiten durch, z.B. den Bau von Trinkwasserleitungen. Nach der Idee von P. Ugo sollten die Bewohner in ihrer Heimat bleiben können, anstatt in die großen Städte an der Küste abzuwandern. Durch Ausbildung und Arbeitsmöglichkeiten vor Ort sollte ihnen eine Perspektive eröffnet werden. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1358499_image" /></div>