Bei den Berichten der Betroffenen läuft es einem kalt den Rücken hinunter. „Ich saß unschuldig ein Jahr lang hinter Gittern wegen Verdacht auf Drogenhandel – letztendlich wurde ich freigesprochen.“ – „Ich habe wegen Verdacht auf Missbrauch Minderjähriger unschuldig zwei Monate im Gefängnis verbracht. Schließlich wurde ich freigelassen, entschuldigt hat sich niemand.“– „909 Tage in Haft wegen externer Beihilfe zu einer mafiösen Vereinigung: Auch ich wurde voll freigesprochen.“ <BR /><BR />Für die Justizopfer sind dabei nicht nur die falschen Anschuldigungen und der Gefängnisaufenthalt traumatisch – gesellschaftliche Ächtung geht mit der Verhaftung Hand in Hand. Bei der von der Akademie Meran organisierten Tagung tauschten sich Experten über die strukturellen Gründe für Justizirrtümer aus, dachten mögliche Lösungen an und diskutierten über Fehlurteile in aktuellen Fällen. <BR /><BR />Ein derartiger Fall bewegt Italien seit Monaten: der Fall Garlasco ( <a href="https://www.stol.it/artikel/chronik/sempio-verweigert-psycho-gutachten-durch-staatsanwaltschaft" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">wir berichteten</a>). „Man spricht über Garlasco, Erba und etliche andere Fälle, bei denen es sich möglicherweise um Justizirrtümer handeln könnte. Doch in Mailand bin ich auf eine Reihe von Verfahren gestoßen, bei denen ich zumindest eine gewisse Oberflächlichkeit festgestellt habe – Fälle, die keine Schlagzeilen gemacht haben. Das Problem geht also weit über Erba und Garlasco hinaus“, sagt Cuno Tarfusser. Der ehemalige Leitende Staatsanwalt in Bozen und Ex-Richter am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag ist Präsident der Akademie Meran. <BR /><BR />In seinem letzten Amt vor dem Ruhestand als stellvertretender Generalstaatsanwalt in Mailand hatte er sich für die Wiederaufnahme des Verfahrens zum Vierfach-Mord von Erba eingesetzt, dies war aber letztendlich abgelehnt worden ( <a href="https://www.stol.it/artikel/chronik/mord-von-erba-tarfusser-laesst-nicht-locker-bozner-justiz-eingeschaltet" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">wir berichteten</a>). Fehler können passieren – nicht nur in Italien: Im Jahr 2024 ist deshalb die erste europäische Datenbank für Fälle von Justizirrtümern (EUREX) eingerichtet worden. Um das Risiko zu minimieren, müsse sich einiges ändern, ist Tarfusser überzeugt.<BR /><BR /> Das Wichtigste in seinen Augen: „Es braucht mehr Demut seitens derer, die über das Leben anderer Menschen entscheiden“, unterstreicht er. Richter seien nicht die moralische Autorität der Gesellschaft. Vielmehr seien sie ein Spiegelbild der Gesellschaft. „Daher gibt es auch unter uns gute und weniger gute, kluge und weniger kluge, fleißige und weniger fleißige – wie in allen anderen Berufsgruppen auch. Mein Credo war immer: Je mehr Macht man hat, desto weniger darf man sie zur Schau stellen und desto sorgfältiger muss man damit umgehen. Doch ich habe den Eindruck, dass die Art und Weise von Umgang mit Macht in den vergangenen Jahren ein wenig zu wünschen übrig gelassen hat“, so Tarfusser.