Viele aber versuchen und können es dann doch. Am häufigsten dann, wenn einer der 32 folgenden Gründe vorliegt. Außerdem erklären Experten und Expertinnen, warum sich das Verzeihen lohnen kann und wie dieser schwierige Prozess gelingt. <BR /><BR />Untreue kann tiefe Wunden hinterlassen, insbesondere Menschen mit geringem Selbstwertgefühl leiden unter Stress, Depressionen und Angstzuständen. Auch wenn es nur allzu verständlich ist, wenn jemand den Partner nach einem Seitensprung verlässt – es gibt genug Gründe zu bleiben und das Verzeihen versuchen. Und genau diese Gründe hat die Universität Nikosia in einer Studie untersucht. Die Ergebnisse wurden jetzt in der Zeitschrift Adaptive Human Behaviour and Physiology veröffentlicht. Aufgegliedert in 4 Makro-Kategorien ergab die Studie, dass es bis zu 32 Gründe geben kann, dem Partner zu verzeihen.<BR /><BR /><b>1. Die Wahrscheinlichkeit, dass es noch einmal passiert, ist gering</b><BR /><BR />Folgende Gründe wurden in dieser Kategorie genannt. Ich bleibe bei ihm/ihr...<BR /><BR />weil ich ihn/sie liebe und nicht alles aufgeben möchte<BR />wenn er/sie mich davon überzeugt, dass er/sie mich wirklich liebt<BR />wenn er/sie mir zeigt, dass er/sie es wirklich bereut<BR />wenn der Betrug ungewollt und nicht wiederkehrend war<BR />wenn sie/er mir eine gute Ausrede liefert<BR />wenn er/sie schwört, dass er/sie es nicht wieder tun wird<BR />wenn sie/er mir zeigt, dass sie/er wirklich mit mir zusammen sein will<BR />wenn es das erste Mal war, dass er/sie es getan hat<BR />wenn er/sie es gesteht<BR />wenn er/sie es nur einmal gemacht hat<BR />wenn es sich um eine unüberlegte Handlung handelt<BR />wenn er/sie betrunken war, als er/sie es tat<BR />wenn wir schon viele Jahre zusammen sind<BR />wenn ich glaube, dass ich ihn/sie durch meine Handlungen/Verhalten dazu verleitet habe, untreu zu werden<BR />wenn wir eigentlich gemeinsam sehr viel Spaß haben<BR />wenn er es zu Beginn unserer Beziehung getan hat<BR /><BR /><b>2. Man vom Partner/ von der Partnerin abhängig ist (oder umgekehrt)</b><BR /><BR />Folgende Gründe wurden in dieser 2. Makro-Kategorie genannt. Ich bleibe bei ihm/ihr...<BR /><BR />weil ich finanziell von ihr/ihm abhängig bin<BR />weil ich nicht leicht jemand anderen finden kann<BR />weil ich sonst nirgendwo bleiben kann<BR />weil ich von ihr/ihm finanzielle Unterstützung erhalte<BR />weil ich es gewohnt bin, mit ihr/ihm zusammen zu sein<BR />weil meine Familie mich gedrängt hat, ihm/ihr zu vergeben<BR />weil ich nicht alles aufgeben möchte, was ich in diese Beziehung investiert habe<BR />weil ich alt bin<BR />weil sie/er mit Suizid droht<BR />weil er/sie schwer krank ist<BR /><BR /><b>3. Faktor Kinder</b><BR /><BR />Folgende Gründe wurden in dieser 3. Makro-Kategorie genannt. Ich bleibe bei ihm/ihr...<BR /><BR />wenn meine Kinder mich bitten, ihm/ihr zu vergeben<BR />wenn wir gemeinsam kleine Kinder haben<BR />wenn wir gemeinsame Kinder haben<BR /><b><BR />4. Gegenseitige Untreue</b><BR /><BR />Folgende Gründe wurden in dieser 4. Makro-Kategorie genannt. Ich bleibe bei ihm/ihr...<BR /><BR />wenn ich selbst vorhabe, sie/ihn zu betrügen<BR />wenn ich sie/ihn selbst schon betrogen habe<BR /><BR /><b>Die Gründe kennen wir nun also, warum und unter welchen Vorzeichen Menschen dem Partner verzeihen. Doch wie gelingt das?</b><BR /><BR />„Verzeih mir.“ Eine Bitte, die manchmal flüchtig und am Rande ausgesprochen wird. Je nach Dimension der Verletzung verlangt sie einem aber viel ab – etwa dann, wenn es der eigene Partner war, der den Schmerz verursacht hat.<BR /><BR />Ein Beispiel ist eben das hier im Fokus stehende Fremdgehen. „Es ist ein leidiges Thema und häufiger Vorstellungsgrund von Paaren“, erzählt der Psychologe Rüdiger Wacker. In seiner Praxis berät er Paare, die teilweise schon eine längere Leidensgeschichte mit verschiedenen Lösungsversuchen hinter sich haben. Die Suche nach externer Hilfe sei für viele häufig der letzte Schritt.<BR /><BR />Oftmals meldet sich zunächst nur ein Partner. „Es braucht aber meist beide Parteien, um zu einer Lösung zu kommen“, sagt Wacker. Und es braucht Zeit: „Für viele ist Fremdgehen ein geradezu traumatisierendes Ereignis. Da kann der Prozess des Verzeihens dauern – manchmal ein ganzes Jahr und länger.“<BR /><BR /><b>Am Anfang steht das Schuldeingeständnis</b><BR /><BR />Am Anfang des Weges steht für ihn ein Schuldeingeständnis. „Derjenige, der verletzt hat, muss auch zugeben, dass er etwas falsch gemacht hat. Und zwar glaubwürdig.“<BR /><BR />Was zunächst etwas banal klingt, sei immens wichtig. Wer Verantwortung für das Geschehene übernimmt, schafft die Grundvoraussetzung fürs Verzeihen. Erst das mache es dem Verletzten möglich, zum nächsten Schritt überzugehen: eine Entschuldigung einzufordern.<BR /><BR />Ein kleiner Schritt, ohne Zweifel. Aber auch ein aktiver, der zumindest ein Stück weit helfen kann, aus der Opferrolle herauszukommen. Denn Opfer ist nur, wer sich nicht wehren kann, der den Dingen ausgeliefert und hilflos ist.<BR /><BR />Gerade bei partnerschaftlichen Konflikten ist die Rollenverteilung von Opfer und Täter aber nicht immer ganz eindeutig, sagt Elke Paland. „In vielen Fällen sind beide Parteien beteiligt“, erklärt die Heilpraktikerin für Psychotherapie. „Für den anderen gab es oft auch einen Auslöser, der ihn dazu gebracht hat, zu verletzen.“ Es lohne sich daher, die Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten.<BR /><BR />Das sieht Wacker nicht anders. Er beschreibt es so: „Ist die Entschuldigung ausgesprochen und nach ausreichender Bedenkzeit ganz oder in Teilen angenommen, dann kommt man – ganz langsam – in den Bereich, wo es um den möglichen Eigenanteil geht: Welche Gründe könnte der andere für seine Tat bei mir gesehen haben? Hat er sich vielleicht nicht ausreichend beachtet oder wertgeschätzt gefühlt?“<BR /><BR /><b>Fehler einzugestehen kostet viel Kraft</b><BR /><BR />Und dieser Teil des Prozesses hat es in sich. Denn Fehler einzugestehen, kostet besonders viel Kraft. Es wirkt dem natürlichen Impuls des Menschen entgegen, sich selbst für eigenes Fehlverhalten zu rechtfertigen, um negativen Gefühlen aus dem Weg zu gehen – Wissenschaftler sprechen hier von kognitiver Dissonanz.<BR /><BR />Der eigene Umgang mit dem Schmerz ist ebenfalls nicht einfach. Aus dem Grund sind geschlossene Sitzungen in einem kleinen, intimen Rahmen hilfreich. „Dann kann man auch mal mit der Faust in ein Kissen hauen. Oder den Schmerz herausschreien“, sagt Paland.<BR /><BR />Die Familientherapeutin Renate Zwicker-Pelzer hält es sowieso für schwierig, den Weg des Verzeihens ohne externe Hilfe zu gehen. „Wie schwer es ist, zu verzeihen, hängt auch davon ab, wie oft und lange ein Mensch verletzt wurde“, sagt sie. „Ich nenne das das Verletzungskonto. Bei manchen Menschen, gerade bei Frauen, kann sich auf dem Verletzungskonto sehr viel anstauen.“ Das loszulassen, sei dann schon ein größeres Projekt, weswegen eine professionelle Beratung sinnvoll sei.<BR /><BR />In manchen Situationen entscheiden sich Menschen ganz bewusst, nicht zu verzeihen. „Und auch das ist ein Ergebnis“, sagt Wacker. „Es kann helfen, mit Dingen, die waren, abzuschließen.“<BR /><BR />Und wenn man es doch geschafft hat? „Dann spürt man das“, sagt Zwicker-Pelzer. Man könne dem Partner wieder in die Augen sehen, ohne Hass zu verspüren. „Das ist schon ein Erfolg.“