<h3> Beschuldigter darf die Mitwirkung an Begutachtung verweigern</h3> Die Entscheidung wurde am Freitagabend in der Fernsehsendung „Quarto<BR />Grado“ bekanntgegeben. Dort teilte Cataliotti mit, dass die<BR />Verteidigung ihre Zustimmung zu einer persönlichen Untersuchung<BR />Sempios verweigere. Der von der Staatsanwaltschaft bestellte<BR />forensische Psychiater Roberto Catanesi, Professor an der Universität<BR />Bari und einer der bekanntesten Experten seines Fachgebiets in<BR />Italien, wird seine Analyse dennoch fortsetzen. Statt eines direkten<BR />Gesprächs mit dem Beschuldigten soll er dabei auf sichergestellte<BR />Schriftstücke, Dokumente sowie Beiträge aus sozialen Netzwerken<BR />zurückgreifen, die im Zuge der Ermittlungen beschlagnahmt wurden.<BR />Nach italienischem Recht kann ein Beschuldigter die Mitwirkung an<BR />einer von einer Verfahrenspartei veranlassten Begutachtung verweigern.<BR /><BR /><BR />Die Entscheidung Sempios stellt daher keinen Verfahrensverstoß dar und hat keine unmittelbaren rechtlichen Konsequenzen. Sie könnte jedoch Einfluss auf den weiteren Verlauf des Verfahrens haben.<BR />Die Verteidigung begründet ihre Ablehnung vor allem mit dem Zeitpunkt<BR />der Maßnahme. Nach Auffassung Cataliottis müsse zunächst geklärt<BR />werden, ob die vorliegenden Beweise überhaupt eine Verantwortlichkeit<BR />seines Mandanten für die Tat stützen. Erst danach sei eine Bewertung<BR />der Persönlichkeit oder möglicher psychischer Besonderheiten sinnvoll.<BR /><h3> Verdacht auf obsessive Fixierung auf Chiara Poggi </h3> Es sei problematisch, erklärte der Anwalt, wenn mögliche<BR />psychologische oder psychiatrische Hypothesen öffentlich diskutiert<BR />würden, bevor eine strafrechtliche Verantwortung nachgewiesen sei.<BR />Die Staatsanwaltschaft verfolgt mit der Begutachtung offenbar das<BR />Ziel, mögliche Hinweise auf das Motiv des Beschuldigten zu gewinnen.<BR /><BR />Nach Medienberichten prüfen die Ermittler die These, Sempio habe eine obsessive Fixierung auf Chiara Poggi entwickelt. Ein entsprechendes<BR />psychologisches Profil könnte aus Sicht der Anklage dazu beitragen,<BR />den mutmaßlichen Tathintergrund zu erklären und die gegen Sempio<BR />erhobenen Vorwürfe zu untermauern. Die Verteidigung weist diese<BR />Darstellung entschieden zurück und bezeichnet sie als unbegründet.<BR /><BR /><BR />Für die Ermittler stellt die Weigerung des Beschuldigten keinen Grund<BR />dar, von der Begutachtung Abstand zu nehmen. Der Sachverständige kann seine Einschätzungen auch auf Grundlage schriftlicher Unterlagen<BR />erstellen. Gleichwohl gilt eine Untersuchung ohne persönliche<BR />Befragung in der Regel als eingeschränkt, da wichtige Erkenntnisse<BR />über Verhalten, Reaktionsmuster und psychischen Zustand nicht<BR />unmittelbar gewonnen werden können.<BR /><h3> Akutelle Begutachtung nicht zwingen die letzte im Verfahren </h3> Juristen verweisen darauf, dass die aktuelle Begutachtung nicht<BR />zwingend die letzte psychiatrische Bewertung in dem Verfahren bleiben<BR />muss. Sollte die Staatsanwaltschaft Anklage erheben oder es zu einem<BR />gerichtlichen Beweisverfahren kommen, könnte ein Richter die<BR />Erstellung eines unabhängigen Gutachtens anordnen. Ein solches<BR />gerichtliches Gutachten hätte gegenüber den von Anklage oder<BR />Verteidigung veranlassten Expertisen besonderes Gewicht.<BR /><BR />In den vergangenen Tagen war Sempio bereits von einer von der<BR />Verteidigung beauftragten Psychotherapeutin untersucht worden.<BR />Ergebnisse dieser Untersuchung wurden bislang jedoch nicht<BR />veröffentlicht oder zu den Akten gereicht.<BR /><h3> Ob Anklage erhoben wird, ist offen </h3> Die Staatsanwaltschaft Pavia ermittelt gegen Sempio wegen Mordes unter erschwerenden Umständen. Die Ermittlungen konzentrieren sich weiterhin auf die Frage, ob sich die Verdachtsmomente gegen den 38-Jährigen zu einer belastbaren Beweislage verdichten lassen. Ob die Staatsanwaltschaft letztlich Anklage erheben wird, ist derzeit offen.<BR /><BR />Der Mord an der damals 26-jährigen Chiara Poggi zählt zu den<BR />bekanntesten Kriminalfällen Italiens. Die erneuten Ermittlungen gegen<BR />Andrea Sempio haben den Fall fast zwei Jahrzehnte nach der Tat erneut<BR />in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt.