Warum diese Begegnung eine kleine ornithologische Sensation ist, weshalb der Fundort bewusst geheim bleibt und was hinter dem vermehrten Auftreten der Geier steckt, erklärt Florian Gamper vom Pflegezentrum für Vogelfauna in Dorf Tirol. <BR /><BR />1<b><BR />Warum wird der genaue Ort nicht bekannt gegeben?</b><BR /><BR />Wir haben uns ganz bewusst gegen eine Ortsangabe entschieden. Der Grund ist der Schutz der Tiere. Erst im heurigen Frühjahr kam es in Südtirol zu einem sehr bedauerlichen Vorfall: Ein übereifriger Fotograf näherte sich dem Horst eines Bartgeiers so stark, dass das Brutpaar den Horst verließ und die Brut verloren ging. Solche Störungen können schwerwiegende Folgen haben. Deshalb möchten wir den Geiern die nötige Ruhe gönnen.<BR /><BR />Ich möchte bei dieser Gelegenheit aber auch betonen, dass es sehr verantwortungsbewusste Naturfotografen gibt, die professionell arbeiten und mit ihren Bildern interessierten Menschen die Natur näherbringen. Leider gibt es aber auch schwarze Schafe.<BR /><BR /><BR />2<BR /><b>Leider gibt es von den Gänsegeiern und erst recht nicht von den beiden Mönchsgeiern gute Bilder ... </b><BR /><BR />Unsere Geier wurden von Schafbauern und Jägern beobachtet und auch respektvoll aus großer Entfernung fotografiert. Deshalb sind die Bilder nicht ganz scharf. Entscheidend ist aber die Beobachtung selbst: Eine Ansammlung von mehr als 20 Gänsegeiern ist auch für Südtirol etwas ganz Besonderes.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1331625_image" /></div> <BR /><BR />3<BR /><b>Eine kleine ornithologische Sensation</b><BR /><BR />Neben den mehr als 20 Gänsegeiern konnten auch zwei Mönchsgeier (Aegypius monachus) beobachtet werden. Der Mönchsgeier zählt in Südtirol zu den seltensten Gastvögeln überhaupt. Bereits die Beobachtung eines einzelnen Vogels ist außergewöhnlich – zwei gemeinsam mit einer Gänsegeiergruppe sind eine kleine ornithologische Sensation.<BR /><BR />Mit einer Flügelspannweite von bis zu drei Metern gehört der Mönchsgeier zu den größten Greifvögeln Europas. Dass er gemeinsam mit Gänsegeiern unterwegs ist, ist durchaus typisch, da sich vor allem junge, noch nicht geschlechtsreife Vögel auf ihren weiten Erkundungsflügen häufig den geselligen Gänsegeiern anschließen.<BR /><BR />Woher die beiden Mönchsgeier stammen, lässt sich derzeit nicht mit Sicherheit sagen. Möglich ist eine Herkunft aus den Wiederansiedlungsprojekten in den französischen Alpen oder aus Populationen auf der Iberischen Halbinsel beziehungsweise auf dem Balkan.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1331628_image" /></div> <BR /><BR /><BR />4<BR /><b>Was ist ein Gänsegeier?</b><BR /><BR />Der Gänsegeier (Gyps fulvus) zählt mit einer Flügelspannweite von bis zu 2,80 Metern zu den größten fliegenden Vögeln Europas. Im Unterschied zum Bartgeier, der als Einzelgänger beziehungsweise als Paar lebt, Knochen frisst und mittlerweile wieder ein fester Brutvogel in Südtirol ist, tritt der Gänsegeier hier ausschließlich als geselliger Sommergast auf.<BR /><BR />Er ist ein ausgesprochener Segelflieger, der stundenlang ohne einen einzigen Flügelschlag die Thermik nutzt und dabei enorme Strecken zurücklegt.<BR /><BR />Seinen Namen verdankt er seinem langen Hals und dem vergleichsweise kleinen Kopf, die früher an eine Gans erinnerten. Tatsächlich gehört er aber zur Familie der Altweltgeier und ist mit Gänsen nicht verwandt.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1331631_image" /></div> <BR /><BR />5<BR /><b>Müssen sich Tierhalter um ihre Haustiere wie Schafe oder Wanderer mit Hunden Sorgen machen?</b><BR /><BR />Nein. Gänsegeier und auch Mönchsgeier sind reine Aasfresser und keine Beutegreifer. Sie töten weder Schafe noch andere Weidetiere. Stirbt jedoch ein Tier auf einer Alm, sind die Geier sehr rasch zur Stelle und beseitigen den Kadaver. Sie erfüllen damit eine wichtige Aufgabe in der Natur, indem sie tote Tiere schnell verwerten und so zur Hygiene in der Landschaft beitragen.<BR /><BR />Es ist wichtig zu betonen: Die Geier sind nicht die Ursache des Todes, sondern erscheinen erst danach.<BR /><BR />6<BR /><b>Warum werden Gänsegeier in Südtirol immer häufiger beobachtet?</b><BR /><BR />Die zunehmenden Sichtungen sind eine erfreuliche Entwicklung. Zum einen haben sich die Bestände in Südeuropa dank intensiver Schutzprogramme deutlich erholt. Viele der bei uns beobachteten Tiere stammen aus den Kolonien auf der kroatischen Insel Cres oder aus dem Naturreservat Cornino in Friaul. Von dort unternehmen vor allem junge, noch nicht geschlechtsreife Vögel ausgedehnte Erkundungsflüge.<BR /><BR />Zum anderen bieten die Alpen mit ihrer ausgezeichneten Thermik ideale Flugbedingungen. Gänsegeier können dadurch nahezu ohne Kraftaufwand große Distanzen zurücklegen. Auch steigende Temperaturen und günstige Luftströmungen begünstigen ihre weiten Streifzüge.<BR /><BR />Dass heute wieder regelmäßig Gänsegeier über Südtirol zu beobachten sind, ist deshalb vor allem ein Zeichen dafür, dass europaweite Artenschutzmaßnahmen erfolgreich waren und sich die Populationen auf natürliche Weise wieder ausbreiten.<BR /><BR />7<BR /><b>Wie sollte man sich bei einer Begegnung mit Gänsegeiern verhalten?</b><BR /><BR />Die größte Freude macht man den Tieren, indem man sie einfach in Ruhe lässt. Gänsegeier sind zwar gegenüber Menschen weniger empfindlich als viele andere Greifvögel, dennoch benötigen sie ausreichend Abstand – idealerweise 200 bis 300 Meter. Wichtig ist außerdem, keinen Lärm zu machen und hektische Bewegungen zu vermeiden. Besonders Fressplätze an Tierkadavern sollten nicht gestört werden, und Drohnen gehören in der Nähe von Wildtieren grundsätzlich nicht in die Luft. <BR /><BR />Zeigt ein Geier Fluchtsignale, etwa indem er sich zurückzieht oder die Flügel öffnet, sollte man sich wieder weiter entfernen. Wer diese beeindruckenden Vögel beobachten möchte, greift am besten zum Fernglas oder Spektiv. So kann man sie aus sicherer Entfernung ausgiebig beobachten und trägt gleichzeitig zu ihrem Schutz bei.<BR /><BR />Die Verhaltensregeln für den Umgang mit Wildtieren sind weitgehend universell und gelten für die meisten Vogel- und Säugetierarten. Sie helfen, Stress und lebensgefährliche Fluchtreaktionen zu vermeiden. Das Wichtigste ist, stets ausreichend Distanz zu wahren und den Tieren damit den nötigen Respekt entgegenzubringen.