Montag, 30. April 2018

Sexualmorde an Kindern rütteln Indien auf

Manche sehen das Verbrechen an einer 8-Jährigen als zweiten Weckruf, wenn es um Indiens Problem mit sexueller Gewalt geht. Den ersten hatte es im Jahr 2012 gegeben: Proteste nach der tödlichen Gruppenvergewaltigung einer Studentin in einem Bus in Neu Delhi hatten zu schärferen Gesetzen geführt. Ähnlich ist es im Fall der 8-Jährigen in der Himalaya-Region Jammu abgelaufen.

Nach offiziellen Statistiken wurden 2016 in Indien mehr als 19.000 Vergewaltigungen von Minderjährigen erfasst.
Nach offiziellen Statistiken wurden 2016 in Indien mehr als 19.000 Vergewaltigungen von Minderjährigen erfasst. - Foto: © shutterstock

Das Mädchen war entführt, tagelang in einem Tempel von mehreren Männern vergewaltigt und ermordet worden. Tausende Menschen gingen in den vergangenen Wochen in mehreren Städten auf die Straße und verlangten Gerechtigkeit. „Erhängt die Täter“ und „Tod den Vergewaltigern“ stand auf einigen Schildern.

Todesstrafe für Vergewaltigung unter 12-Jähriger 

Kurz darauf beschloss Indiens Regierung, die Vergewaltigung von Mädchen unter 12 Jahren unter Todesstrafe zu stellen. Dasselbe Höchstmaß gilt seit dem Fall in der Hauptstadt auch für Vergewaltigung mit Todesfolge. Das hat jedoch wenig an der traurigen Regelmäßigkeit grausamer Vergewaltigungen in Indien geändert.

Der jüngste Weckruf lenkt nun die Aufmerksamkeit darauf, wie oft die Opfer Kinder sind. Kürzlich wurden innerhalb von 2 Tagen unabhängig von einander 3 Mädchen im Alter zwischen 7 und 11 Jahren von Hochzeitsfeiern weggelockt, vergewaltigt und ermordet. Erst am Sonntag starb eine 6-Jährige – gut eine Woche, nachdem sie in ihrer Schule vergewaltigt worden war.

In einer staatlichen Studie von 2007 gab ungefähr jedes zweite Kind an, sexuellen Missbrauch erfahren zu haben. 12.000 Kinder in mehreren Bundesstaaten waren befragt worden. „Anhand unserer Erfahrung würde ich die Zahl viel höher schätzen – auf etwa 85 bis 90 Prozent“, sagt Ashwini Ailawadi, Mitgründer der Rahi-Stiftung in Neu Delhi. Die Organisation betreut erwachsene Frauen, die als Kinder Opfer sexuellen Missbrauchs wurden, und fördert das Bewusstsein für das Problem in der Öffentlichkeit.

Täter fast immer aus dem Familienumfeld der Betroffenen 

Nach offiziellen Statistiken wurden 2016 in Indien mehr als 19.000 Vergewaltigungen von Minderjährigen erfasst. Die Dunkelziffer dürfte sehr hoch sein, denn fast immer stammt der Täter aus dem Familienumfeld des Opfers – da fällt es noch schwerer, Anzeige zu erstatten, als ohnehin schon bei der oft korrupten oder gleichgültigen Polizei. „Das indische Familiensystem begünstigt Missbrauch“, sagt Ailawadi. Den Kindern werde beigebracht, Älteren zu gehorchen und ihnen Respekt zu zollen. Ein Kind dürfe den Mund nicht aufmachen. „An wen wendet er oder sie sich also?“, fragt Ailawadi. Zumal die Rolle der Frau in indischen Familien die Sache erschwere: „Angenommen, der Täter ist der Vater oder ein älterer Mann in der Familie, von dem die Frau finanziell abhängig ist – die Frau hat keine Macht, es anzusprechen oder dem Kind zu helfen.“

Bei all der sexuellen Gewalt in Indien hat dieser Fall auch deshalb besondere Empörung ausgelöst, weil radikale Hindus, darunter Politiker der Regierungspartei BJP, für die Freilassung der Verdächtigen demonstrierten. Premierminister Narendra Modi wurde auch international dafür kritisiert, dass er lange dazu schwieg.

Die Soziologin Kannabiran beobachtet in dessen Amtszeit seit 2014, dass Sexualverbrechen gegen bestimmte Minderheiten nach ihrer Ansicht weniger verfolgt würden. Gewalt gegen Frauen, Korruption bei der Polizei und eine ineffektive Justiz seien auch unter anderen Regierungen ein Problem gewesen. „Aber Straflosigkeit ist noch nie derart garantiert gewesen wie in den letzten 4 Jahren.“

dpa 

stol