Eine Arbeitsgruppe um den Priester und Psychologen Gottfried Ugolini gibt im Auftrag von Bischof Ivo Muser den Startschuss für das Projekt. <BR /><BR /><BR /><i><BR />Interview: Martin Lercher</i><BR /><BR /><BR /><b>Mehrere Diözesen, vor allem in Deutschland, haben Studien zur Aufarbeitung der Fälle von sexuellem Missbrauch in Auftrag gegeben und auch bereits vorgestellt. Gibt es solche Pläne für die Diözese Bozen-Brixen?</b><BR />Gottfried Ugolini: Ja, Bischof Ivo Muser hat einen konkreten Schritt gesetzt. Im Jänner hat er eine Arbeitsgruppe mit diesem Ziel eingesetzt. Sie wird bis Juni ein Konzept für eine wissenschaftliche Untersuchung ausarbeiten und sie anschließend der Diözesanleitung vorlegen. Wenn diese zustimmt, könnten die Arbeiten im Herbst dieses Jahres starten. <BR /><BR /><b>Was soll untersucht werden?</b><BR />Ugolini: Die wissenschaftliche Studie wird sich mit dem Machtmissbrauch und mit der Gewalt an Minderjährigen und schutzbedürftigen Erwachsenen befassen. Dabei werden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in den Blick genommen. Die Vergangenheit soll für die Zeit ab Gründung der Diözese Bozen-Brixen im Jahr 1964 untersucht werden. Natürlich werden auch Daten und Meldungen aus früheren Jahren gesammelt und ausgewertet. Wichtig ist die Aufarbeitung der Archive, aber wir wollen auch die Leute vor Ort erreichen und ihre Erinnerungen und Erfahrungen aufnehmen: Was ist passiert, wie wurde damit umgegangen? Beim Thema Gegenwart soll untersucht und dargestellt werden, was die Diözese derzeit zum Thema Aufarbeitung und vor allem Prävention unternimmt. Dann kommt der Blick in die Zukunft: Was fehlt noch, was können wir verbessern? Das gilt vor allem für die Prävention. <BR /><BR /><b>Wird die Studie auch den Bereich der Orden berücksichtigen?</b><BR />Ugolini: Natürlich, in der Arbeitsgruppe sind Ordensleute bereits vertreten. Die verschiedenen Orden führten und führen ja eine Reihe von Heimen und Schulen mit vielen Kindern und Jugendlichen. Auch sie unterstützen die Aufarbeitung solcher Fälle und wollen sich vor allem für den Schutz der jungen Menschen vor diesen Verbrechen einsetzen. <BR /><BR /><embed id="dtext86-48368854_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Wer wird die Studie durchführen?</b><BR />Ugolini: Das ist noch völlig offen und hängt sicher auch vom Konzept ab, das die Arbeitsgruppe vorlegen wird. Mögliche Institutionen wären die Freie Universität Bozen und das Forum Prävention. Es soll auf jeden Fall eine externe, unabhängige Institution sein. Am Ende werden die Ergebnisse veröffentlicht. <BR /><BR /><b>Deutsche Diözesen wie Köln haben Anwaltskanzleien beauftragt.</b><BR />Ugolini: Es ist sicher wichtig, dass wir von Anfang an juristische Experten einbinden. Denn es geht ja darum, die veröffentlichten Erkenntnisse auch rechtlich abzusichern. Auf der einen Seite ist der berechtigte Ruf nach Transparenz, auf der anderen müssen wir auch personenbezogene Daten nach den gesetzlichen Vorgaben schützen. <BR /><BR /><b>In der Diözese Köln hat das Gutachten in der Vorwoche ein innerkirchliches Erdbeben ausgelöst. Könnte das auch bei uns so sein?</b><BR />Ugolini: Es wird sicher einiges herauskommen, was bisher nicht bekannt ist beziehungsweise noch zurückgehalten wird. Wir möchten erreichen, dass sich weitere Betroffene melden, die Machtmissbrauch oder Gewalt in der Kirche erlitten haben. Die Erfahrung vor allem bei unserer Ombudsstelle ist, dass Betroffene einfach ihre Zeit brauchen, um über diese negativen Erlebnisse zu sprechen. Es kann also durchaus noch einiges auftauchen. Wir möchten zum Beispiel über öffentliche Aufrufe und eventuell durch Veranstaltungen beitragen, dass Menschen sich an der Aufarbeitung der Vergangenheit beteiligen. Damit können sie der Kirche in unserem Land helfen, dass solche Verbrechen nicht mehr begangen werden. Unser Ziel ist es, eine Kultur der Verantwortung und der Aufmerksamkeit zu fördern, die der christlichen Frohbotschaft entspricht.<BR /><BR /><BR />* Gottfried Ugolini ist Leiter des 2018 eingesetzten diözesanen Dienstes für den Schutz von Minderjährigen und schutzbedürftigen Personen. <BR />