Mittwoch, 11. Oktober 2017

Sexueller Missbrauch: Südtirols Kirche will "ein Tabu brechen"

„Es passiert häufig und überall.“ Die Rede ist von sexuellem Missbrauch und von Gewalt gegenüber Kinder und Jugendlichen. Um "das Tabu zu brechen, das Thema zum Dauerthema zu machen", findet eine von der Diözese getragene Tagung für eine Kultur der Aufmerksamkeit zur Prävention sexueller Gewalt statt. STOL hat nachgefragt, warum gerade eine kircheninterne Arbeitsgruppe sich dies zur Aufgabe gemacht hat.

Gottfried Ugolini, Leiter der Arbeitsgruppe „Prävention von sexuellem Missbrauch und von Gewalt“, über die Tagung „Es passiert häufig und überall“.
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Gottfried Ugolini, Leiter der Arbeitsgruppe „Prävention von sexuellem Missbrauch und von Gewalt“, über die Tagung „Es passiert häufig und überall“.

Erst Bischof Wilhelm Egger, dann Karl Golser und jetzt Ivo Muser: Sie unterstützen das Vorhaben und Vorgehen gegen sexuellem Missbrauch und von Gewalt auch vonseiten der Kirche. Die Tagung dazu „Es passiert häufig und überall“ findet am Mittwoch, 18. Oktober, von 9 bis 12.15 Uhr im Pastoralzentrum in Bozen statt und wird von der Arbeitsgruppe „Prävention von sexuellem Missbrauch und von Gewalt“ organisiert. Ein Gespräch:

Südtirol Online: Vorneweg - die Polizei veröffentlicht das Foto eines vierjährigen Mädchens. Sie fahndet damit nach einem Missbrauchstäter und dem Opfer selbst – mit Erfolg (STOL hat berichtet). Was sagen Sie zu solch dramatischen, öffentlichen Fällen von Kindesmissbrauch?  

Gottfried Ugolini, Leiter der Arbeitsgruppe „Prävention von sexuellem Missbrauch und von Gewalt“: Leider ist das Phänomen stärker als wir glauben. Und es wird immer ein Phänomen bleiben. Wir dürfen uns keiner Illusion hingeben und wir müssen alles Menschenmögliche tun, damit immer weniger Kinder und Jugendliche dem ausgesetzt sind.

STOL: Alles Menschenmögliche tun, heißt auch über sexuellem Missbrauch und von Gewalt immer wieder zu reden. Dabei ist man in der Kirche doch froh, wenn das Thema einmal nicht hochgekocht wird?

Ugolini: Die allgemeine Haltung ist die, dass man irgendwann nicht mehr von Katastrophen, Kriegen, Hunger, Tod und Leid hören möchte. Doch die Kirche hat die Aufgabe für das Wohl aller einzutreten und dies zu gewährleisten. Daher gehört es grundsätzlich zu den Aufgaben, diese gefährdenden Themen anzugehen.
Die Tagung wird veranstaltet, um die Sensibilisierung, die die Diözese 2010 begonnen hat, voranzutreiben. Es ist dies nicht die erste Tagung zum Thema und wir haben uns vorgenommen jährlich ein Tagung zu veranstalten.

STOL: Warum soll die Thematik immer wieder neu angesprochen werden?

Ugolini: Damit soll das Thema ein Dauerthema sein. Um ein Tabu zu brechen, muss eine Kultur einsetzen, die auf die damit verbundenen Themen mehr und mehr hinweist.

STOL: An wen richtet sich die Tagung konkret?

Ugolini: In erster Linie sind die kirchlichen Mitarbeiter in Seelsorge und Religionsunterricht, den Heimen und Institutionen angesprochen, in der Kinder- und Jugendarbeit, Frauen- und Männerbewegung, Familienarbeit.
Wir haben es aber mit einem gesamtgesellschaftlichen Thema zu tun. Daher ist jeder Interessierte geladen.

STOL: Sie rufen alle zur Wachsamkeit auf – auf der anderen Seite spricht die hiesige Kinder- und Jugendanwältin von zunehmend verwahrlosten und allein gelassenen Kindern auch in Südtirol (STOL hat berichtet). Ein Aufruf gegen ein Phänomen dieser Zeit?

Ugolini: Ich glaube, das ist ein notwendiger Aufruf. Kindern und Jugendlichen, aber auch den Mitmenschen generell, den Armen und Ausgegrenzten, Alleinerziehenden und Überforderten jene Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen, damit keine Benachteiligungen, Vernachlässigung, Missbrauch und Gewaltanwendungen passieren. Wir dürfen nicht wegschauen. 

STOL: Wie ist Südtirols Kirche bislang mit dem Thema sexueller Missbrauch umgegangen?

Ugolini: Unsere Kirche ist seit Bischof Wilhelm Egger offen und konkret mit dem Thema umgegangen. 2010, als die mediale Aufdeckungswelle Breitenwirkung erreicht hat, wurde die unabhängige Ombutsstelle eingerichtet, dann ein Fachbeirat, 2011 die erste Tagung veranstaltet. Daraus ist der Auftrag der Präventionsarbeit konkretisiert und durch die Arbeitsgruppe umgesetzt worden.

STOL: Letzte Rückblende - wurden die konkreten Fälle im Land zu einem gütlichen Ende gebracht?

Ugolini: Im Blick auf die Einzelnen kann man sagen, dass zufriedenstellende Ergebnisse erreicht wurden. Leidvolle Erfahrungen hinterlassen aber lebenslange Spuren.
Es war ein Zeichen den Menschen gegenüber. Die Aufarbeitung hat dazu beigetragen, dass es zu einer zunehmenden Sensibilisierung kommt. Das Thema soll fix zur Tagesordnung gehören.

STOL: Welche Verantwortung und welchen Handlungsspielraum haben da kirchliche Mitarbeiter?

Ugolini: In dem Moment, wo kirchliche Mitarbeiter sich des Themas annehmen, wenn es sichere und geschützte Räumen für Kinder und Jugendliche gibt, wo das Thema gezielt angesprochen wird, dort haben Menschen, die Kinder missbrauchen, weniger Chancen ihr Vorhaben umzusetzen. Man kann es Vorbeugung oder auch Abschreckung nennen.

STOL: Wie lautet Ihr Wunsch in Anbetracht Ihres Einsatzes in der Arbeitsgruppe?

Ugolini: Mein Wunsch wäre es, dass in allen Bereichen, Kirche und Gesellschaft, von Schule bis Sport und Freizeit sich alle darin Tätigen, Männer wie Frauen, dieses Themas annehmen und es ernst nehmen, um das Tabu zu brechen. Und dass in den Familien dieses Thema auch verstärkt wahrgenommen wird, weil wir wissen, dass ca. 80 Prozent der Fälle im familiären Kontext und Nahebereich passieren. 

STOL: Wie können Kinder und Jugendliche, die Hauptbetroffenen, an die Thematik herangeführt werden?

Ugolini: Es geht um eine gesunde und förderliche Beziehungskultur. Dazu gehört eine klare Umgangsweise mit der Sexualität. Eine aufbauende Auseinandersetzung, damit ich als Kind lerne, wo Grenzen sind. Wo habe ich Recht Grenzen zu setzen und zu verteidigen? Es geht auch um den Themenbereich Macht. Wie gehen wir miteinander um? Wie respektieren und fördern wird uns gegenseitig? Es geht im Grunde um eine gesunde Lebenskultur.

Interview: Petra Kerschbaumer

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Die Arbeitsgruppe “Prävention von sexuellem Missbrauch und von Gewalt” hat ihre Ursprünge 2012/13 und ist 2014 zu einer 12-köpfigen Arbeitsgruppe ausgeweitet worden, wo neben kirchlichen Mitarbeitern auch andere Institutionen vertreten sind. Forciert wird die Zusammenarbeit mit gesellschaftlichen Organisationen, etwa der Kinder- und Jugendanwaltschaft oder Young und Direct. Wichtig ist auch die Präsenz der Fachgruppe am Arbeitstisch Missbrauch der Landesregierung.

stol