Günter Plaickner (Verband Ariadne) und Marlene Kranebitter (Leiterin der Notfallseelsorge des Weißen Kreuzes) sagen, was wir tun können, um gefährdeten jungen Menschen zu helfen. <BR /><BR /><BR />Sterben wollen ist ein Tabu, und wenn Eltern ihr Kind durch einen Suizid verlieren, dann lautete die Devise in den Familien früher oft: Zähne zusammenbeißen und runterschlucken, berichten Christine und Walter Schullian aus Kaltern, die vor 11 Jahren ihren Sohn Andreas (28) durch Suizid verloren haben. Der Bozner Günther Plaickner, Vorsitzender des Verbandes Ariadne, meint: „Suizid darf kein Tabu-Thema sein. Über Suizid muss offen gesprochen werden können. Es darf nicht nur das Thema von Spezialisten sein.“ <BR /><BR />Christine und Walter Schullian sprechen öffentlich über den Tod ihres Sohnes – auch, um damit anderen zu helfen, die mit ähnlichen Schicksalsschlägen oder Krisen konfrontiert sind. <h3> Ängstlich, aber ein guter Schüler</h3>Die beiden Kalterer beschreiben ihren Sohn Andreas rückblickend als einen bedächtigen Menschen mit Inselbegabung, sehr tiefschürfend und alles hinterfragend: „Andreas gab sich mit einfachen Antworten nicht zufrieden und hatte seine ganz persönlichen Interessen. Leicht Anschluss bei Gleichaltrigen fand er nicht, dabei wollte er immer so sein wie die anderen und er stellte sich deshalb Fragen, wie: Mache ich es richtig? Als Kind war er bereits nicht so unbeschwert wie andere Kinder, schon im Kindergarten bemerkte er, dass er anders war“, erzählen seine Eltern. <BR />„Andreas war oft ängstlich. Später besuchte er das Realgymnasium in Bozen, er war ein guter Schüler, setzte sich selbst unter Druck und war dann oft mit sich selbst nicht zufrieden und dem Leistungsdruck nicht immer gewachsen. In der Oberschule fing er an, sich zurückzuziehen, vor der Matura wurde die Situation dann schwieriger, er wusste nicht, was er nach der Oberschule machen sollte.“<h3> Den zweiten Versuch überlebt er nicht</h3>„Es schien, als ob sein Leben ihn überforderte und er seinen eigenen Lebensweg nicht finden konnte. Andreas begab sich in Therapie, er suchte immerzu nach den Ursachen für seine seelischen Probleme, es gab aber nie eine eindeutige Diagnose, und er fand nie die richtige Therapie und nie das richtige Medikament, und wir auch nicht“, erzählen seine Eltern. Ein Dutzend Therapien schlugen nicht an. War es womöglich das Asperger-Syndrom oder eine ähnliche Störung? Diagnostiziert wurde es bei ihm nicht. <BR /><BR />Seinen ersten Suizidversuch 2004 überlebte er, seinen zweiten Versuch 7 Jahre später, am 1. März 2011, hingegen nicht. In seinem Abschiedsbrief schrieb er: „Ich habe nicht mehr die Kraft, mich an mir selbst aufzurichten.“ Dass es ihm in diesem Moment so schlecht ging, dass er sich sogar das Leben nehmen wollte, ahnte zu diesem Zeitpunkt niemand. Was hätte man tun können? Darauf gibt es keine Antwort. „Es gibt nur die Möglichkeit, mit diesen offenen Fragen in Demut leben zu lernen“, sagen die Angehörigen.<BR /><BR /><embed id="dtext86-54264299_quote" /><BR /><BR /><BR />Suizide und Suizidversuche sind bis heute vielerorts ein gesellschaftliches Tabu geblieben – dabei haben gerade viele junge Menschen Suizidgedanken. <BR /><BR />„Man muss in der Lage sein, über Suizid zu reden“, meint Günter Plaickner, Vorsitzender des Verbandes Ariadne für die psychische Gesundheit aller. „Suizid ist keine Lösung und kann nie ein Weg aus einer scheinbar auswegslosen Situation sein. Deshalb kommt es bei Suizidgedanken darauf an, andere sinnvollere Lösungswege zu finden. Gespräche offen zu halten, ist wichtig. Menschen dürfen und sollen sich nicht ausgeschlossen fühlen“, sagt Plaickner. „Weiters ist die soziale Einbindung äußerst wichtig, ebenso menschliche Nähe.“<BR /><BR />„Wenn sich junge Menschen das Leben nehmen, dann sind Schuldgefühle immer da, auch wenn man oft von Schuld nicht sprechen kann“, meint Marlene Kranebitter, Leiterin der Notfallseelsorge des Weißen Kreuzes. Nicht immer sei eine Depression die Ursache für Suizidversuche, manchmal sei es „nur ein absolutes Lebenstief“. Eine häufige Ursache für Krisen bei jungen Menschen sei der Erfolgsdruck „und dieser ist heute größer als früher“. <BR /><BR /><embed id="dtext86-54264291_quote" /><BR /><BR />„Junge Menschen wollen einerseits dazugehören und andererseits hervorstechen“, erklärt Kranebitter. „Erfolge und der Anspruch, gut, besser und perfekt zu sein, ist ein Kreuz: Aus diesem Hamsterrad kommt man ganz schwer heraus. Das ganz alltägliche Scheitern ist bei uns zum Drama geworden. Wir müssen jungen Menschen wieder beibringen, mit dem alltäglichen Scheitern vernünftig umzugehen und das ist nicht einfach.“ <BR /><BR />Was hilft jungen Menschen in Krisen? Kranebitter: „Wenn junge Menschen jemanden haben, der sie bedingungslos annimmt und hinter ihnen steht, so ist das ein Resilienzfaktor, der unglaublich wertvoll ist. Dann entwickeln junge Menschen ganz andere Kräfte. Das heißt nicht, den Kindern alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen, sondern ihnen zu vermitteln: Egal, was du tust, ich helfe dir. Wenn Jugendliche so jemanden haben, dann tun sie sich im Leben leichter.“<BR /><BR /><BR /><BR /><b>Anonyme Telefon- und Onlineberatungen:</b><BR /><BR />Caritas Telefonseelsorge: täglich rund um die Uhr erreichbar -<BR />auch sonn- und feiertags - unter der Nummer 0471 052 052 oder<BR />online unter <a href="https://telefonseelsorge-online.bz.it/" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">https://telefonseelsorge-online.bz.it</a><BR /><BR />Young+Direct: Vertrauliche und kostenlose Beratung für junge<BR />Menschen per Tel.: 0471 155 155 1 oder Whatsapp: 345 081 70<BR />56 (Montag - Freitag: 14.30-19.30 Uhr), E-Mail: online@youngdirect.it, <a href="https://www.young-direct.it/de/" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">http://www.young-direct.it</a><BR /><BR />Telefono Amico Bolzano (in italienischer Sprache täglich von<BR />10 – 24 Uhr erreichbar - auch sonn- und feiertags): Tel. 02<BR />2327 2327 oder Whatsapp (täglich von 18 – 21 Uhr): 324 011<BR />72 52 oder E-Mail über ein anonymes Online-Formular auf der<BR />Webseite <a href="https://www.telefonoamico.it/" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">www.telefonoamico.it</a><BR /><BR /><b>Weitere Kontakte finden Sie <a href="https://www.forum-p.it/smartedit/documents/content/kontaktliste_de.pdf" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">hier</a>.</b>