„Ich bin nie wieder dorthin gegangen“, sagt der damalige Kommandant der Feuerwehr von Cavalese, als er s+ zur Wiese begleitet, die heute vor 25 Jahren blutgetränkt war. „Es herrschte Stille“, weiß auch der Mann, der als erster vor Ort war – und dessen Eltern Südtiroler sind. <BR /><BR />„Wir haben gemeinsam mit den Familienangehörigen beschlossen, dass das Gedenken an die Opfer von nun an intimer gestaltet wird“, erklärt der Bürgermeister von Cavalese, Sergio Finato. In den letzten Jahren hätten fast ausschließlich Vertreter der Institutionen der Gedenkfeier beigewohnt. „Einige Angehörige sind nicht mehr am Leben, viele sind sehr alt und der Weg bis nach Cavalese zu weit“, erklärt er. <h3> Angst nach Tiefflug von Kampfjets im Jahr 2021 </h3>Die Erinnerung an den tragischen Vorfall müsse aber wachgehalten werden, weiß Finato – vor allem für die jüngeren Generationen, u. a. mittels Schulprojekten. Zeitlich so fern, emotional noch so nah: „Ende 2021 erhielt ich 20 Anrufe innerhalb kürzester Zeit, als 2 belgische Kampfjets tief über das Tal flogen“, erinnert sich Finato. Seit dem Cermis-Unglück gilt für solcherlei Flugobjekte ein Flugverbot im Fleimstal. „Ich leugne nicht, dass man sich nicht immer daran hält“, so Finato – aber die Bürger von Cavalese vergessen nicht. <BR /><BR />Am 3. Februar 1998 unterfliegt ein amerikanisches Kampfflugzeug vom Typ Grumman EA6 mit rund 1000 Stundenkilometern die Cermis-Seilbahn und durchtrennt mit seiner Tragfläche das Tragseil (siehe eigenen Bericht). Eine Kabine mit 19 Passagieren aus Südtirol, den Niederlanden, Belgien, Deutschland, Österreich und Polen sowie dem Fahrdienstleiter aus der nahegelegenen Ortschaft Masi an Bord stürzt in der Folge rund 120 Meter in die Tiefe. Beim Sturz dreht sich die Kabine auf den Kopf und landet mit dem Dach auf der darunterliegenden, verschneiten Wiese. Es gibt kein Entkommen für die 20 Unschuldigen. <a href="https://www.stol.it/artikel/chronik/3-februar-1998-todestag-auch-fuer-2-suedtirolerinnen" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Unter den Opfern befanden sich auch 2 Südtirolerinnen.</a><BR /><BR />Die Rettungskräfte haben das entsetzliche Bild noch klar vor Augen. „100 Meter rund um die Kabine war der Schnee rot von Blut. Wir durften nichts tun, ehe der Staatsanwalt eingetroffen war“, erinnert sich Stefano Sandri, heute Bezirksoffizier der Feuerwehren im Fleimstal, damals Feuerwehrkommandant der Feuerwehr von Cavalese.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="860228_image" /></div> <BR />„Einer meiner Männer kam zu mir und sagte, es sei ein amerikanischer Flieger gewesen, der das Tragseil durchtrennt hatte“ – woher er es denn wissen wolle, fragte daraufhin Sandri. Da zeigte ihm sein Kollege einen Teil der Tragefläche, den er am Boden gefunden hatte, auf dem klar „United States“ zu lesen gewesen sein soll. <BR /><BR />Aber der Reihe nach: Als die Feuerwehr alarmiert wurde, hielt Sandri gerade einen Kurs. „Wir dachten zuerst, es handle sich um einen Flugzeugabsturz“, erzählt er. Als er erfuhr, dass eine Kabine der Seilbahn abgestürzt war, gingen seine Gedanken zu seinem 4-jährigen Kind, das an jenem Tag einen Skikurs absolvierte. Plötzlich konnte er gut nachvollziehen, wie sich sein Vater gefühlt haben musste, als letzterer – ebenfalls als Mitglied der Feuerwehr von Cavalese – 1976 zum Sturz derselben Kabinenbahn alarmiert worden war. „Damals war ich auch beim Skikurs, mein Vater hatte sofort gefragt, ob ich wohlauf sei“, so Sandri. <BR /><BR />Am Anfang herrschte große Verwirrung, man glaubte, der Flieger sei ebenfalls abgestürzt und fürchtete noch mehr Tote. „Das Ausmaß der Tragödie wurde uns erst klar, als Don Caserotti in der Abenddämmerung kam, um die Leichname zu segnen“, so der damalige Feuerwehrkommandant.<h3>„Sind Sie wütend auf die Amerikaner und Amerika?“</h3>Was dann folgte, war für ihn und den Bürgermeister, damals Mauro Gilmozzi, eine Mammutaufgabe an Öffentlichkeitsarbeit. „Wir erhielten bis 2 Uhr nachts Interviewanfragen von allen möglichen Medien aus dem In- und Ausland“, erinnert sich Sandri. Im 15-Minuten-Takt wurden Pressemitteilungen zur Lageentwicklung veröffentlicht. Auf die Reaktion auf emotionaler Ebene ist Sandri nicht gut anzusprechen. „Wir waren einfach entsetzt. Ich weiß noch, wie mich Journalisten der CNN (Cable News Network, amerikanischer Fernsehsender, Anm. d. Red.) fragten, ob wir denn wütend auf die Amerikaner und Amerika seien. Unmittelbar nach der Tragödie verspürt man aber keine Wut, man steht einfach unter Schock.“ <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="860231_image" /></div> <BR /><BR /> Der Schock sitzt selbst nach 25 Jahren tief. Auf dem Weg, der von der Mittelstation der jetzigen Cermis-Bahn zur Wiese führt, wo die Kabine aufprallte, bleibt Sandri vor einem Zaun stehen. „Ich gehe nicht mehr dorthin. Ich war auch nicht mehr dort, seitdem es passiert ist“, und obwohl der Grund dafür unausgesprochen bleibt, findet man Tausende in seinem Blick. <BR /><BR />Lange Zeit hatte auch Marino Costa, der Fahrdienstleiter der zweiten Kabine, die nicht abstürzte, mit den psychischen Wunden des traumatischen Erlebnisses zu kämpfen. „Er war seitdem nicht mehr der gleiche“, weiß Sandri, der ihn gut kennt. Als die Todesmaschine die Kabinenbahn unterflogen und das Tragseil der einen Kabine gekappt hatte, rüttelte es die andere Kabine heftig durch. „Marino warf sich zu Boden und blieb liegen, bis der Hubschrauber kam. Dann stieg er auf das Dach der Kabine und wurde mittels Seilwinde geborgen.“ Unverletzt blieb er nur nach außen hin. <BR /><BR />Spürbar ist die Wunde, die der amerikanische Kampfjet vor 25 Jahren in Cavalese aufgerissen hat – Trauer und Wut bleiben am Gedenkort sichtbar. Doch jetzt sei es an der Zeit, ein Kapitel abzuschließen, ohne aber zu vergessen. „Tragödien wie die vom Cermis und von Stava zeigen uns immer wieder aufs Neue, dass das Leben das wichtigste Gut ist und gegenüber wirtschaftlichen und militärischen Interessen stets Vorrang haben muss“, sagt Bürgermeister Finato.<BR /><h3>Eine Tragödie und ihre Folgen: 20 Todesopfer, vernichtetes Video und ein mildes Urteil</h3>Jeweils 6 Monate Haft und eine unehrenhafte Entlassung aus dem Militärdienst: Dieses Urteil fällte das Militärgericht in Camp Lejeune, North Carolina, ein Jahr, nachdem ein Kampfjet mit Pilot Richard Ashby und Navigator Joseph Schweitzer zusammen mit 2 weiteren US-Militärs an Bord das Tragseil der Cermis-Kabinenbahn durchtrennten und 20 Menschen zu Tode kamen. Den Einwohnern von Cavalese waren die Tiefflüge der Militärmaschinen schon lange vor der Tragödie ein Dorn im Auge. Viele Fragen zum genauen Hergang blieben unbeantwortet – Fragen, die ein Video womöglich hätte beantworten können. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="860234_image" /></div> <BR />Am 3. Februar 1998 flog ein amerikanisches Kampfflugzeug vom Typ Grumman EA6 über das Fleimstal, nachdem es von der Militärbasis von Aviano im Friaul gestartet war. Für den Piloten, Richard Ashby, sollte es der letzte Flug in Italien sein – aber nicht wegen der Tragödie, die folgte, sondern weil er ohnehin hätte versetzt werden müssen. Grund genug, diesen Flug mit der Kamera festzuhalten – und genau das tat Navigator Joseph Schweitzer.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="860237_image" /></div> <BR />Der Strafprozess gegen die beiden Männer, den die Tragödie nach sich zog, fand wegen eines internationalen Abkommens in den USA vor einem Militärgericht statt. Vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung in 20 Fällen, der Pflichtvergessenheit und der Sachbeschädigung wurde Richard Ashby am Ende des Prozesses freigesprochen. Zu je 6 Monaten Haft und der unehrenhaften Entlassung aus dem Militärdienst wurden Pilot und Navigator lediglich wegen der Vernichtung einer Videoaufnahme verurteilt, die am Tag der Tragödie von der Todesmaschine aus aufgenommen worden war. Die Videoaufnahme hätte womöglich gezeigt, ob der Zusammenstoß mit dem Tragseil – wie von den Männern an Bord des Flugzeugs stets beteuert – auf einen Defekt des Höhenmessers im Jet sowie der fehlenden Markierung der Seilbahn auf den Landkarten zurückzuführen war. <BR /><BR />Indes ließ die Schadenersatzzahlung für die Hinterbliebenen auf sich warten: Zunächst gab es von Seiten der US-Regierung nur 20 Mio. Dollar für die Seilbahnbetreiber, während die Familienangehörigen der Todesopfer erst im Jahr 2000 entschädigt wurden. <BR /><BR />Nach der Tragödie gründeten die Angehörigen eine Vereinigung unter der Leitung von Klaus Stampfl, Sohn eines der beiden Todesopfer aus Südtirol. Heute vor 25 Jahren verloren nämlich auch Maria Steiner Stampfl (61), gebürtig aus Bruneck, aber wohnhaft in Brixen, sowie Edeltraud Zanon Werth (56), gebürtig aus Innsbruck und ebenfalls in der Bischofsstadt ansässig, ihr Leben. <BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR />