Luciano Capasso war kein gewöhnlicher Tourist, der die Gefahren der Alpen unterschätzte. Der 25-Jährige aus Qualiano bei Neapel war ein ehemaliger Soldat, trainiert für Extremsituationen, ausgerüstet mit modernem Equipment. <BR /><BR />Der Italiener arbeitete in St. Moritz als Fahrer im bekannten Luxushotel Badrutt’s Palace und kannte die Gipfel im Engadin. Doch als er am vergangenen Mittwoch zu einer Tour auf 2.700 Meter aufbrach, geriet er in ein tödliches Zusammenspiel aus Naturgewalt und – so zumindest der schwere Vorwurf der Hinterbliebenen – menschlichem Versagen. <h3> Tödliche Lawine am Fuorcla Trovat</h3>Es war noch tiefe Nacht, als Luciano Capasso am vergangenen Mittwochmorgen gegen 4 Uhr sein Quartier in St. Moritz verließ und zu einer Solo-Tour aufbrach, die ihn ins Piz Bernina-Massiv führen sollte.<BR /><BR /> Capasso war für die Tour gut ausgerüstet, trug militärische GPS-Technik bei sich und galt aufgrund seiner Ausbildung als erfahren im Umgang mit extremen Bedingungen. Doch was als ambitionierte Bergtour im Engadin begann, schlug wenig später in ein Drama um: Im Gebiet der Fuorcla Trovat wurde Capasso von einem heftigen Schneesturm überrascht, bevor ihn schließlich die tödliche Lawine erfasste.<h3> „Ich versuche nicht zu sterben“</h3>Kurz nach dem Abgang der Lawine sendete Capassos GPS-Tracker noch Daten. Neben seinem Standort wurde auch eine Nachricht übermittelt: „Ich versuche, nicht zu sterben“. Ob diese jedoch in Echtzeit abgesetzt wurde oder eine automatisierte Statusmeldung war, die Capasso bereits viel früher programmiert hatte, bleibt eine der vielen ungeklärten Fragen in diesem Fall. <BR /><BR />Laut Medienberichten war auch das Handy des 25-Jährigen am Mittwoch noch erreichbar, die Anrufe gingen jedoch ins Leere. Am Donnerstag riss die Verbindung schließlich komplett ab.<h3> Schlechtes Wetter verhindert Rettungseinsatz</h3>Trotz der präzisen Koordinaten lief die Suchaktion nicht unmittelbar an. Die Schweizer Behörden begründeten das Zögern mit den extremen Wetterbedingungen vor Ort. Während die Familie in Italien auf einen Einsatz drängte, argumentierten die Rettungskräfte in Graubünden, dass ein Aufstieg oder ein Hubschrauberflug aufgrund des Sturms und der akuten Lawinengefahr das Leben der Retter gefährdet hätte.<BR /><BR />Erst am Samstagmorgen, als sich der Sturm legte und die Sicht aufklarte, erfolgte der Zugriff. Die Rettungskräfte lokalisierten Capasso innerhalb kürzester Zeit genau an jener Stelle, die sein GPS-Gerät zuvor übermittelt hatte. Er konnte jedoch nur noch tot geborgen werden.<h3> Familie erhebt schwere Vorwürfe</h3> Im Nachgang an die Bergung erhebt die Familie des Verunglückten nun schwere Vorwürfe gegen die lokalen Einsatzkräfte. Ein Bruder erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur Ansa: „Die Schweizer Behörden haben mir mitgeteilt, dass es keine Ermittlungen geben wird, und haben die Freigabe für die Überführung des Leichnams erteilt, die möglicherweise schon morgen erfolgen kann. Ich weiß nicht, ob in Italien ein Verfahren eröffnet wird.“ <BR /><BR />Sein anderer Bruder, Emmanuel, bemängelte „schwerwiegende Nachlässigkeiten“ der lokalen Behörden. „Die Suche ist nie wirklich angelaufen“, berichtet er. „Von Beginn an wurde meiner Mutter mit Sarkasmus begegnet. Bereits am vergangenen Donnerstag hieß es: 'Bereiten Sie sich auf eine Beerdigung vor.' Am nächsten Tag sagte man mir: 'Finden Sie sich damit ab, wir haben keine Kristallkugel', und legte dann abrupt auf. Ihre Rechtfertigung waren die schlechten Wetterbedingungen.“<BR /><BR />Vorerst hat die Familie beschlossen, keine Autopsie des 25-Jährigen zu beantragen. Sollten die italienischen Justizbehörden jedoch ein Verfahren einleiten, wird eine gerichtsmedizinische Untersuchung für die Ermittlungen unumgänglich sein.<h3> Anwalt: „Hätte man mit Drohnen suchen können?“</h3>Die Schweizer Polizei spezifizierte ihrerseits, dass Capasso von einer Lawine der Kategorie 4 (auf einer Skala bis maximal 5) verschüttet wurde – also „von einem Ereignis enormen Ausmaßes“. „Sollte dies der Fall sein, hätte er selbst bei Vorhandensein von Atemhöhlen keine Chance gehabt; Rettungsmaßnahmen hätten ihm nichts genützt, selbst wenn sie schnell erfolgt wären“, gibt der Anwalt der Familie, Sergio Pisani, zu bedenken. <BR /><BR />Dennoch fügt er hinzu: „Es bleibt zu klären, ob die örtlichen Behörden angesichts der Geschehnisse eine Lawinenwarnung herausgegeben hatten.“ Außerdem gelte es zu bedenken, dass eine präzise Geolokalisierung vorlag. „Das schlechte Wetter verhinderte eine Bergung, die bei Sonnenschein schließlich innerhalb kürzester Zeit erfolgte“, so der Anwalt. „Ich frage mich, ob man nicht andere Mittel wie Drohnen oder ähnliches hätte einsetzen können, um ihn trotz der widrigen Witterung bereits in den Tagen zuvor zu finden.“