In den vergangenen Monaten waren die Anrufe in der Nacht sehr unterschiedlich. Es gab Nächte mit sehr vielen Anrufen – bis zu 14 oder 15 zwischen 22 und 6 Uhr. In anderen Nächten waren es nur vier oder fünf. „Das ist nicht vorhersehbar und die Freiwilligen wissen auch nicht, was sie in einer Nacht erwartet“, erklärt Brigitte Hofmann, die Leiterin der Caritas-Telefonseelsorge. „Die Anzahl der Anrufe sagt aber nichts über ihre Intensität aus. Jedes Gespräch verläuft anders, und die Themen sind so unterschiedlich wie die Menschen, die anrufen“, so Hofmann. <BR /><BR />Im Folgenden dokumentier wir eine Auswahl von Anrufen. Sie stammen bewusst nicht alle aus derselben Nacht, um die Anonymität der Anrufenden zu schützen. Die geschilderten Szenen stehen beispielhaft für Gespräche, wie sie bei der Telefonseelsorge täglich geführt werden. Sie wurden zum Schutz der Anrufenden anonymisiert und teilweise verdichtet.<BR /><BR /><b>22 Uhr.</b> Das Telefon klingelt. Ein Mann spricht über die Trennung von seiner Partnerin. Die Trennung war für ihn ein schmerzlicher Einschnitt. Die Beziehung war schwierig. Die Gesprächsthemen sind Kontrolle und Trauer. Aber auch Entlastung schwing mit.<BR />Das Telefon klingelt erneut. Am anderen Ende der Leitung ist eine Frau. Sie erzählt von ihren finanziellen Schwierigkeiten. Armut, Scham und Zukunftsängste begleiten viele Menschen, die bei der Telefonseelsorge anrufen. Sie leidet unter ihrer Armut und weiß nicht mehr weiter.<BR />Der Abend schreitet voran. Eine Jugendliche spricht über die erste gescheiterte Liebe, die Trauer darüber und den Schmerz des Verlassenseins. <BR /><BR /><b>Mitternacht.</b> Ein Mann ist am Apparat. Er überlegt viel und spricht lange über gescheiterte Beziehungen und seine Enttäuschungen. Immer wieder macht sich seine Wut Luft. Zunächst ist kaum Raum für Nachfragen – er muss sich vieles von der Seele reden.<BR /><BR /><b>1 Uhr.</b> Kaum ist ein Gespräch beendet, meldet sich schon die nächste Stimme. Zwei Frauen wählen die Nummer der Telefonseelsorge. Die erste stammt nicht aus Südtirol. Sie möchte mit jemandem reden, um sich abzulenken. Sie fühlt sich sehr einsam. Die zweite Anruferin klingt jung. Sie erzählt von verschiedenen Situationen des Scheiterns: Familie, Beruf. Sie ist mit ihren vielen Aufgaben überfordert und will mit jemandem überlegen, was man tun kann.<BR /><BR /><b>2 Uhr.</b> Danach meldet sich eine Stimme, die den Mitarbeitenden vertraut geworden ist. Es handelt sich um einen Mann. Er ruft regelmäßig bei der Telefonseelsorge an. Er berichtet von seinem Tag. Er kann nicht schlafen – wieder einmal – und sucht jemanden gegen die Einsamkeit.<BR />Eine Frau mit Schlafproblemen meldet sich. Ihre Gedanken kreisen und plagen sie. Trotz der Mühe, an etwas Positives zu denken, quält sie die Angst vor dem Alleinsein, dem Älterwerden und dem Leid in der Welt.Immer wieder gibt es kurze oder längere Momente der Stille.<BR /><BR /> Dann klingelt das Telefon erneut. Ein Mann mit chronischer Krankheit und Schmerzen ruft an. Er braucht jemanden, mit dem er reden kann, denn in seinem familiären Umfeld fühlt er sich mit seiner Situation oft alleingelassen.<BR /><BR />Ein weiterer Anruf kommt herein. Eine Frau erzählt, dass sie in früheren Beziehungen Gewalt erlebt hat. Diese Erinnerungen machen ihr noch sehr zu schaffen.<BR /><BR />Es dämmert. Das Telefon läutet. Eine weitere Stimme, die den Mitarbeitenden vertraut geworden ist, ist in der Leitung. Die Frau spricht darüber, was ihr Angst macht, was sie verunsichert. Sie will diese Gedanken mit jemandem teilen; sie sucht Halt. Das Gespräch ist nicht lang, aber beruhigend.<BR /><BR /><b>6 Uhr.</b> Das Telefon klingelt erneut und es meldet sich eine Frau, die regelmäßig anruft. Sie fühlt sich heute gut und freut sich auf den bevorstehenden Tag. Das ist nicht immer so; an manchen Tagen geht es ihr sehr schlecht; es ist ein Auf und Ab. <BR /><BR />Wenn die Nacht endet, bleiben Stimmen zurück. Manche hört man einmal. Manche immer wieder. Jede einzelne hat ihre eigene Geschichte. Und jede einzelne verdient es, gehört zu werden.<h3> Wenn Anrufende wieder auflegen</h3>Nicht jedes Klingeln führt zu einem Gespräch. Immer wieder legen Menschen auf, bevor sie etwas sagen. Dafür gibt es viele Gründe ...: <BR />• die Person hört die Stimme und schafft es nicht, zu sprechen; <BR />• in letzter Sekunde verlässt einen der Mut; <BR />• es kommt jemand ins Zimmer, wo die Person telefoniert, und das Gespräch ist nicht mehr ungestört möglich; <BR />• ein Mann oder eine Frau antwortet, vielleicht wollte eine Frau nur mit einer Frau reden oder der Mann nur mit einem Mann oder… (die Anrufenden wissen nicht, wer antwortet);<BR />• die Stimme, die ich höre, ist vielleicht nicht die, die ich erwartet habe. <h3> Zahlen</h3>In den ersten sechs Monaten des Jahres 2026 hatte die Telefonseelsorge...<BR />• ...bereits rund 6.800 Anrufe, davon knapp 5.000 von Frauen.<BR />• ...119 Schweigeanrufe.<BR />• ...1100 Anrufe von 22 bis 6 Uhr; das sind im Schnitt sechs Anrufe pro Nacht nur zwischen 22 und 6 Uhr.<BR />• In fast der Hälfte aller Fälle ging es um psychische Probleme wie z. B. Zwänge, Ängste, Panikattacken, Depressionen, Wahnvorstellungen, aber auch sexuelle Schwierigkeiten und Störungen. <BR />• Circa ein Achtel handelte von Vereinsamung aufgrund des Alters, wegen psychischer Problematiken oder sozialer Isolation.<BR />• Weitere Themen betrafen Familie, Beziehung, Partnerschaft: Konflikte in der Familie, in der Partnerschaft oder mit Nahestehenden, Schwierigkeiten in der Partnersuche/-wahl, Trauer bei Verlust und Trennung, Betreuung und Pflege von Angehörigen… <BR />Zudem ging es um körperliche Probleme wie Leiden wegen organischer Erkrankungen und lebensbedrohlicher Erkrankungen, wegen chronischer Schmerzen oder körperlicher Beeinträchtigung. <BR />Die Gespräche drehten sich auch um Themen, die mit seelischer Überforderung zu tun haben: durch Mehrfachbelastung, depressive Verstimmung, Gefühl von Versagen und Scheitern, Verwirrtheit, vergangene traumatische Erfahrungen, Zukunftsängste oder Schlafprobleme. <BR />Zur Sprache kam auch der eigene Beruf: berufliche Neuorientierung, Probleme mit Vorgesetzten oder Arbeitskollegen, Überlastung am Arbeitsplatz oder Mobbing in Schule und Beruf. <BR />• In 58 Anrufen ging es um das Thema Suizidalität, bei den meisten war es akut. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1346961_image" /></div>